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Debütroman:Die späte Rache der Ida A.

Freuds Couch, auf der auch Ida Adler lag, steht heute in London.

(Foto: AP)

Sie war Sigmund Freuds berühmteste Patientin: Am Fall "Dora" entwickelte er seine Hysterieanalyse. Die Autorin Katharina Adler, die Urenkelin dieser historischen Figur, schreibt die Lebensgeschichte ihrer Ahnin.

Von Insa Wilke

Die alte Frage: Ist eine Urenkelin qua Geburt berufener als andere, die Geschichte ihrer Familie in Literatur zu verwandeln? Ja, sofern sie die Familie als eigenen inneren Abgrund begreift und literarisch eine Form für ihn findet. Dafür gibt es viele beeindruckende Beispiele, jüngst Anne Webers "Ahnen" oder Natascha Wodins Roman über ihre Mutter. Andererseits kann aber auch das Gegenteil der Fall sein, weil einem verstrickten Familienmitglied möglicherweise Distanz fehlt. Zu dieser - zugegeben küchenpsychologischen - These verführt einen die Lektüre von "Ida", wie der Debütroman von Katharina Adler heißt, der Urenkelin von Ida Adler. Ja, die Ida Adler: geborene Bauer, alias "Dora".

"Dora" ist das "hysterische Mädchen", dem Sigmund Freud in "Bruchstück einer Hysterieanalyse" (1905) ein "unbewusstes Liebesleben" attestiert, das er dann vier Jahre nach der Behandlung im "Aufklärungsdienst der Wissenschaft" ohne Einwilligung seiner Patientin veröffentlichte.

Man muss wissen: Ida Bauer war vierzehn Jahre alt, als ein Freund der Familie (dessen Ehefrau die Geliebte von Idas Vaters war) sie zum ersten Mal sexuell bedrängte. So, berichtet Freud, habe "Dora" es ihm erzählt und übrigens auch ihren Eltern, die ihr nicht glaubten. Sie war achtzehn Jahre alt, als sie vom Vater wegen Stimmverlust, Husten, Ohnmacht und Suizidandrohungen zu Freud in die Behandlung geschickt wurde, die sie nach nicht einmal drei Monaten abbrach.

Ida Bauers "hysterische Symptome" deutete Sigmund Freud als "Ausdruck ihrer geheimsten verdrängten Wünsche", sexueller Natur versteht sich. In seinem Aufsatz denkt er über die "Affektverkehrung" seiner Patientin nach, über ihre "Unlustempfindung", die an die Stelle einer "gesunden Genitalsensation" getreten sei. Das mag aus heutiger Sicht grotesk klingen, ist aber geeignet, den Erregungspegel eines Romans zu steuern. "Ida" beginnt als Antwort auf Freuds "Bruchstück einer Hysterieanalyse", als späte Rache der Ida A., inszeniert von ihrer Urenkelin.

Katharina Adler, die ihren Roman ihrer Familie gewidmet hat, also selbst den autobiografischen Bezug herstellt, gibt ihrer Urgroßmutter einen querulantischen Charakter, ihren Gesten eine gewisse Coolness. Den Akzent legt sie auf biografische Episoden wie diese: Als verheiratete Adler betreibt Ida in Wien einen Bridgesalon; bei der Ankunft in New York 1941, der Anfangsszene des Romans, raucht die damals fast Sechzigjährige nach der schwierigen Flucht aus Europa erst mal eine "Ankunftszigarette". Man ist vom Unabhängigkeitsdrang der jungen Ida eingenommen, der von ihren Eltern enorme Bürden aufgeladen wurden. Bedrückend die Szenen, in denen Ida den kranken Vater pflegen muss, von ihm dafür zu seinem "Äuglein", später auch noch zu seinem "Öhrlein" wird, wofür sich die Mutter dann klassisch ödipal mit kalter Ablehnung rächt.

Nach dem emotionalen Missbrauch durch die Eltern und dem sexuellen Übergriff des vermeintlichen Freundes dann auch noch ein misogyner Wissenschaftler. Katharina Adler taucht Freud in kein gutes, aber ein durchaus komisches Licht: "Ob Schachtel oder Schüssel, alles wurde ihm zum Genital", lässt Adler ihre Urgroßmutter die Ausführungen des Analytikers kommentieren. Ob "der Herr Doktor" in den Spazierstock eines männlichen Patienten wohl auch solche "Scheußlichkeiten" hineindeute wie in ihre Handtasche, fragt Ida sich im Roman.

Allerdings verdankt Adler Freud auch einen großen Teil ihres Materials, die temporeiche Szene zum Beispiel, in der ein Familienstreit um den Zugang zur Speisekammer entbrennt, den die neurotische Mutter verweigert. Und interessanterweise wirkt Adlers Roman trotz allem wie ein Plädoyer für die Psychoanalyse. Ida fungiert nämlich immer weniger als Sympathieträgerin, um so tiefer sie in die Familienfalle gerät. Von wegen Befreiung: Ida entwickelt sich zu einer bösartigen Frau, unfähig zur Empathie. Sie wird die Kopie der schlechtesten Eigenschaften ihrer Eltern. Idas leidtragender Sohn Kurt, der später auch in der historischen Wirklichkeit die San Francisco Opera groß machen wird, beschreibt seine Mutter als "in einem dissonanten Akkord gefangen".

Erzählerisch setzt Katharina Adler allerdings auf Harmonie. Dissonanzen ergeben sich eher aus den etwas schematisch angewendeten rhetorischen Figuren, der eindimensionalen Emotionalität der Charaktere und dem manchmal ungeschickten Kurzschluss von inneren mit äußeren Vorgängen. Etwa wenn der Ekel vor dem sexuellen Übergriff mit Böllerschüssen bei einer Fronleichnamsprozession verbunden wird: "Der Hanns. Sein Mund. Die Zunge. Jetzt knallt's. Sie schießen. Sie schießen."

Das eigentliche Problem des Romans ist aber, dass nicht klar wird, welchen Konflikt Katharina Adler mit ihrer Lebenserzählung ausleuchten will, welche Frage sie an ihren Stoff hat. Als sich die Autorin für ein Stipendium des Freistaats Bayern bewarb, hieß der Roman noch "Die berühmte Patientin, der ungebetene Biograf, der Außenminister, der Präsident und ich". Auf das "und ich" hat sie nun leider verzichtet und anstelle einer an die Gegenwart rückgebundenen Spurensuche, wie Natascha Wodin und Anne Weber sie unternommen haben, einen populären historischen Roman geschrieben, frei von Dissonanzen.

Dadurch entsteht ein irritierend betulicher Ton, der im Gegensatz zur behaupteten Profilierung der Hauptfigur steht und besonders auffällt, wenn von Ida Adlers Flucht aus Europa erzählt wird. Nach dem ersten Essen in New York steht da zum Beispiel: "Ida faltete die Hände vor ihrem Bauch. Wohlig warm fühlte der sich an. Und wie lange war es her, dass sie so ohne irgendeine Sorge hatte plaudern können?" Man fühlt sich eher im freundlichen Vorabendprogramm als aus Europa vertrieben und der Ermordung gerade so entkommen. In Familien wird so abgedämpft von Krieg und Flucht erzählt, mit kleinen Witzen und Heldentaten.

Man merkt dem Buch die Sorgfalt an, das Bemühen, lebendige Figuren zu schaffen und einen leichten Ton und so für Abstand zwischen Geschichte und Realität zu sorgen. Raffiniert hätten die psychoanalytischen Spuren sein können, ein Spiel mit Deckerinnerungen, das Adler aber nicht ausführt. Unter anderem, weil alles Schreckliche mehr behauptet als erzählt wird, bleibt der Eindruck, dass Katharina Adler ihren Stoff literarisch nicht hat durchdringen können. Als wäre sie selbst dem Familienroman nicht ganz entronnen und habe deswegen ein gut verdauliches, unterhaltend beruhigendes Buch für "Äuglein" und "Öhrlein" geschrieben.

Katharina Adler: Ida. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018, 512 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 26.07.2018
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