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Debüt-Roman von Andrea Sawatzki:Allzu brav oder allzu schön?

Hat man alles schon oft und ausgiebig gelesen. Oft und ausgiebig werden im Roman auch die Haare aus dem Gesicht gestrichen, dünne Beine mit dünnen Armen gehalten, Schreie nach Liebe in Phrasensätze gepackt. Stille dröhnt bisweilen, Lippen umspielen leises Lächeln, Blicke sind mehr wert als tausend Worte. Sawatzki sagt, dass Teile des Romans auf dem iPhone in Drehpausen oder Wartezeiten entstanden sind. Vielleicht ist das eine Erklärung.

Streicht man die Klischees in Genre und Vokabular, bleibt die bemerkenswerte Geschichte einer Überforderung. Der Roman überzeugt nicht dort, wo es plakativ wird. Wenn der Perverse in Grünwald seinen Wachhunden befiehlt, Sperma vom Rücken einer Frau aufzulecken. Wenn Manuela Scriba versucht, sich in der Psychiatrie den Schädel einzurennen. Wenn schöne Frauen eben anders morden, wie auch schon Matthias Altenburg in seinem Kriminalroman "Ein allzu schönes Mädchen" zu berichten wusste. Das sind Effekthascher, die sich wahrscheinlich in einer Verfilmung gut machen würden, wie überhaupt sich der Roman sehr an die Dramaturgie des Filmkrimis anlehnt. Er startet mit dem dutzendfach ausgeleuchteten Fund in einem Waldstück und bedient sich ausgiebig filmtauglicher schneller Schnitte.

Drei Erzählperspektiven verflechten sich: Die Innenschau der Protagonistin wechselt sich mit einem allwissenden Erzähler und der bloßen Dokumentation ab. Die Stärke des Romans zeigt sich dabei vor allem im Kammerspiel, im Kern des Romans, den Therapiegesprächen der Psychiaterin mit ihrer Klientin. Behutsam entwickelt sich hier die eigentliche Geschichte, die nichts mit einem Kriminalroman zu tun hat, sondern das Psychogramm einer jungen Frau ist, die sich der Illusion hingegeben hat, Macht über andere zu besitzen, und doch wieder nur Opfer wird. Ein Opfer ihrer Überforderung, eines Traumas, beschrieben wie folgt: "Wie traurig, wenn man das Scheitern lange vorher erkennt, beobachtet, wie es sich langsam anschleicht. Und anstatt zu fliehen, bleibt man bewegungslos und lässt sich fangen."

Eindringlich schildert Sawatzki das zerstörte Leben, das nie wieder gut wird, das Böse, das sich einen Weg bahnt, die Vergangenheit, die nie bewältigt wird. Und fragt dabei, ob emotionale Vernachlässigung die volle Schuldfähigkeit bedeutet; ob ein Kindheitstrauma spätere Verfehlungen rechtfertigt. Die "Tatort"-immanente Gerechtigkeitsfrage, die jeden Sonntag aufs Neue gestellt wird, was insofern wieder gut zur Autorin passt, da der Frankfurter Tatort zu ihrer Zeit auch immer mehr Psychodrama als Krimi war.

In ersten Fassungen hat Andrea Sawatzki ihr Debüt als Tagebuch angelegt. Nach diversen Überarbeitungen ist daraus der Roman geworden, mit seinen wechselnden Perspektiven und auch Qualitäten. Dass der Kern des Romans das wahre Leben betrifft, die Erfahrungen der Autorin mit ihrem alzheimerkranken Vater und die Folgen für das Leben einer jungen Frau, ist nur als Segen zu begreifen. Die persönlichen Erfahrungen machen den Roman wahrhaftig.

Andrea Sawatzki: Ein allzu braves Mädchen. Roman. Piper Verlag, München 2013. 176 Seiten, 16,99 Euro.

© SZ vom 26.03.2013/kath/rus
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