Debüt-Album von Sampha Der Mann hinter Kanye West, Drake und Beyoncé

Schattenspieler: Sampha Sisay alias Sampha.

(Foto: Young Turks)

Lange war Sampha nur der Helfer der großen Stars. Nun erscheint sein Solo-Debüt. Dabei will der britische Sänger und Songwriter gar nicht ans Licht.

Albumkritik von Annett Scheffel

Man kann über diesen Sampha Sisay und seine eigenwillig schöne elektronische Soulmusik nicht sprechen, ohne bei Kanye West anzufangen. Oder bei Drake. Oder bei Frank Ocean. Oder einem der vielen anderen Pop-Stars der Gegenwart, denen er seine Stimme lieh, für die er Songs schrieb und produzierte. Allein 2016 war Sampha an gleich drei wichtigen Platten beteiligt: an Kanyes "The Life Of Pablo", an Frank Oceans Visual-Album "Endless" und an "A Seat At The Table", Solanges Album über Weiblichkeit, Schwarzsein und Identität. Ach, und haben wir schon Beyoncé erwähnt? Und FKA Twigs?

Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt es ungerecht und einfallslos, dass die Besprechung des Debüts eines jungen Künstlers mit so vielen prominenten Namen beginnt. Man darf das aber nicht falsch verstehen. Für Sampha war diese Art zu arbeiten Alltag, seit er 2010 in den ersten Produktionen auftauchte. Er war Stimme und Ideenschmied für andere. Seine Anfänge waren noch geprägt von der Aufbruchsstimmung des Post-Dubstep, bekannt wurde er als Stimme des Produzenten SBTRKT. Aus der Anonymität der zweiten Reihe heraus hat er sich in die zeitgenössische Popmusik geschlichen.

Sampha singt und klagt und leidet, seine Musik aber ist nie kitschig

Allein Fleiß und die Ausdauer sind aber natürlich nicht der Grund dafür, dass sich ausgerechnet auf diesen stillen, verhuschten Mann aus Südlondon derzeit so viele Musiker einigen können, von Rap-Superstar Drake bis zum R 'n' B-Avantgardisten Frank Ocean. Sie holten sich den britischen Sänger, Songwriter und Produzenten besonders dann als kreativen Gast in ihre Songs, wenn Gefühle gefragt waren: Frank Ocean etwa half er beim Song "Alabama" bei der Verarbeitung seiner komplizierten Coming-of-Age-Geschichte. Solange verlieh er die nötige Energie im Refrain ihres Songs "Don't Touch My Hair". Es ist, als intensiviere die reine Anwesenheit von Samphas warmer, watteweicher Stimme all diese zutiefst persönlichen Gedanken um ein Vielfaches.

Genau das ist nun auch die Stärke von Samphas erstem Solo-Album "Process", das nach zwei Singles und der EP "Dual" 2013 nun endlich beim gefeierten Londoner Label Young Turks erscheint, bei dem auch The xx und FKA Twigs veröffentlichen. Die schönen, nervös verfrickelten und nachdenklichen Elektro-Soul-Produktionen Samphas bewegen sich auf einem sehr eigenen, abgeschotteten Soundterrain irgendwo im Niemandsland zwischen dem vernebelten Neo-R 'n' B Frank Oceans und den durchdachten Electronica-Klageliedern James Blakes. Der Post-Dubstep taucht hier immer noch als entfernte Referenz auf: in den verschachtelten, kleinteiligen Elektroarrangements, den hektisch umherstreifenden Synthesizer-Bögen und behutsam verformten Samples. Sampha hat ein außerordentlich gutes Gespür für feine Nuancen: Jeder klackernde Beat, jedes elektronische Zischen und Rauschen ist immer zugleich subtiles Detail und wichtiges Stimmungselement.

Vor allem aber kreisen die Songs um das Zusammenspiel von Samphas beiden Hauptinstrumenten: dem Piano und seiner Stimme, einem hohen, zarten Falsett, das direkt von der Ohrmuschel in die Magengrube wandert. Die Songs erzählen von den seelischen Turbulenzen seines Lebens zwischen zwei Welten: zwischen Studiosessions mit Kanye und dem Verlust seiner Mutter, die 2015 an Krebs starb: "It's so hot I've been melting out here / I'm made out of plastic out here", singt er im Opener "Plastic 100 C" über seine tiefsitzenden Ängste - es sei, als schmelze er wie Plastik in extremer Hitze.

Sampha singt und klagt und leidet, seine Musik ist dabei aber auf wundersame Weise nie kitschig, sondern berührend. So berührend, dass man als Hörer irgendwann das Gefühl bekommt, selbst ein empfindsamerer, von Emotionen weich eingewickelter Wattemensch zu sein. Vielleicht sagt es am meisten über diese Platte, dass der erstaunlichste Moment ein Song ist, der aus all den vertrackten, kühlen Elektro-Produktionen herausragt: "No One Knows Me Like The Piano", eine schlichte, traurige Klavierballade für seine Mutter.

Spätestens hier begreift man die wahre Funktionsweise der Platte: Dieser Sampha Sisay, der sich im Dienst und im Schatten anderer Musiker immer so wohlgefühlt hat, will hier gar nicht so sehr ins Licht treten, wie man es diesem Debütalbum gerne andichten möchte. "Process" ist viel eher eine Einladung in die dunklen Räume seiner Gedanken.

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