bedeckt München 16°

Debattenkultur:Eine andere Meinung ist keine Beleidigung

Protest gegen Corona-Maßnahmen in Hannover

"Angst frisst Hirn" und "Meinungsfreiheit für alle" ist auf Plakaten von Demonstranten bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in der Innenstadt von Hannover zu lesen.

(Foto: dpa)

Die brutalste Bedrohung der Meinungsfreiheit geht von rechts aus. Aber wenn es um Debatten geht, sollte sich die gesamte Gesellschaft etwas bewusst machen.

Kommentar von Kia Vahland

Die eine wird massiv bedroht. Jemand hat ihre persönlichen Daten illegal aus dem Polizeicomputer gefischt, seitdem erhält sie Schreiben von Leuten, die Spaß daran haben, sie um Leib und Leben fürchten zu lassen. Die andere ist zu einem Hamburger Festival erst ein-, dann wieder aus-, dann halbherzig wieder eingeladen worden, was sie schließlich absagte. Sie las daraufhin vor begeistertem, friedlichen Publikum an einem anderen Veranstaltungsort der Stadt.

Welche der beiden Kabarettistinnen kann Solidarität erwarten, einen Aufschrei der Demokraten, die nun grundsätzlich um die Meinungsfreiheit fürchten, sich schützend vor die Künstlerin stellen? Und wer bekommt diese Solidarität?

Die erste Frau ist Idil Baydar, in Celle geborene Tochter türkischer Einwanderer. Sie macht wütende Scherze aus Migrantenperspektive. Die zweite ist die Österreicherin Lisa Eckhart, die in früheren Auftritten zweideutige Witze riss, die sich als antisemitisch verstehen lassen. Die massiven Drohungen gegen Baydar lösten Betroffenheit aus, hier und da zudem fassungsloses Mitgefühl. Das Hin und Her um Eckharts Auftritt führte dagegen zu einer Grundsatzdebatte darüber, welche antidemokratischen, illiberalen Blüten in Deutschland die sogenannte Cancel Culture treibe, die Kultur des Ausgrenzens unliebsamer Positionen. Dieses Missverhältnis ist eklatant und es ist beschämend.

Die Gefahr für die Meinungsfreiheit und den wichtigen Diskurs, in dem eine offene Gesellschaft sich selbst verständigt: Sie geht zur Zeit nicht nur, aber am brutalsten von rechts aus. Neonazis führen Todeslisten. Ihr Mittel ist die Einschüchterung, per Drohbrief, Hasstirade, Nachstellungen bis vor die Haustür. Ihr Ziel und das ihrer Unterstützer sind potenziell alle, die sich in sozialen oder klassischen Medien oder anderswo unliebsam äußern.

Deshalb bleibt es unverständlich, wie wenig sich die Unterzeichner eines neuen "Appells für freie Debattenräume" um rechte Gewalt scheren. "Befreien wir das freie Denken aus dem Würgegriff" heißt es da vollmundig, und dann geht es doch nur, ohne Aufzählung von Belegen, um "Veranstalter, Multiplikatoren und Plattformbetreiber", die dem "Druck" der "Reinheitsfanatiker" hin zu "Monotonie und Konformismus" standhalten sollen. Unterzeichnet haben unter anderen der Historiker Götz Aly und der Journalist Günter Wallraff - Intellektuelle, von denen man erwarten könnte, auch die Perspektive einer bedrohten Migrantin mitzudenken und sich nicht nur zu sorgen, in einer vielstimmig werdenden Gesellschaft womöglich bald weniger gefragt zu sein.

Wer links und rechts verwechselt, verliert schnell die Orientierung. Rechter Populismus zielt auf eine autoritäre Ordnung, in der Mächtige die alleinige Deutungshoheit innehaben und die Weltansicht ihrer eigenen Gruppe als allgemeingültig durchsetzen können. An Donald Trump lässt sich diese Absicht ständig beobachten, etwa, wenn er den Protest der Schwarzen in seinem Land verhöhnt.

Es genügt nicht, theoretisch für Stimmenvielfalt zu sein

Und die Linken und Liberalen? Stehen die über den Dingen, weil sie ja für Gleichberechtigung und Teilhabe aller eintreten? Leider nein. Es genügt nicht, theoretisch für Stimmenvielfalt zu sein, man muss schon bereit sein, diese auch in der Praxis immer wieder von Neuem zu fördern und zu ertragen, auch dann, wenn diejenigen, die sich Gehör verschaffen wollen, andere Meinungen vertreten, einen anderen Lebensstil pflegen. Das können Minderheiten sein, die in den sozialen Medien ihr Publikum gefunden haben und das Selbstbewusstsein, nun auch in Theatern, Verlagen und Zeitungen ihre Positionen einzufordern. Es können aber auch Konservative sein, denen der soziale und kulturelle Wandel zu schnell geht und die auf den Erhalt bewährter Strukturen pochen. Nur wenn verschiedene Sichtweisen offenbar werden, kann es einen fruchtbaren Streit geben. Der unterstellt immer, dass das Gegenüber, mag es noch so störrisch erscheinen, eine vernunftbegabte Person mit eigenem Willen und insofern grundsätzlich zu überzeugen ist.

Was auch bedeuten kann, dass man sich nicht einigt. Das zu akzeptieren, fällt auch manchen Linken schwer. Der Streit um die "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling eskalierte, weil sie anders als viele Transgender-Aktivisten am Begriff "Frauen" im traditionellen Sinn festhält. Das unterstützte die unbekanntere Kinderbuchautorin Gillian Philip auf Twitter - und verlor ihren Buchvertrag bei einer großen Agentur. Man muss die Ideen der beiden nicht gut finden, um zu erkennen, dass auch ihr Unbehagen von Bürgerrechtsbewegungen geprägt ist, nämlich von der Frauen- und Homosexuellenbewegung.

Eine andere Ansicht ist nicht per se eine bewusste Beleidigung des Gegenübers, es ist erst einmal nur eine Meinung, die niemand teilen muss. Gelassenheit allerseits wäre angebracht. Widerspruch zu üben und auszuhalten kann Spaß machen. Solange alle zusammenhalten, wenn der Demokratie oder Demokraten wie Idil Baydar einmal ernste Gefahren drohen.

© SZ vom 08.09.2020/mkoh/jael
28.10.18, Bayreuth, Das Zentrum, Lisa Eckhart - als ob sie besseres zu tun hätten 2018, Foto: Lisa Eckhart *** 28 10 18

Diskussion um Eckhart und Nuhr
:Was sind das eigentlich für Gags?

Kabarettisten sorgen gerade wieder für einen unfruchtbaren Streit. Höchste Zeit, über das wirkliche Problem des deutschen Humors zu reden.

Von Jens-Christian Rabe

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite