Süddeutsche Zeitung

Debattenkultur:Der Aufstieg der Rechten ist keine Diskurspanne der Linken

Nach der Frankfurter Buchmesse stellt sich die Frage, wie eine tolerante Gesellschaft mit Intoleranz umgehen soll. Mit den Rechten reden? Oder reichen Argumente nicht mehr aus?

Von Sonja Zekri

Wäre es beruhigender gewesen, wenn es auf der Buchmesse keine Zusammenstöße gegeben hätte? Nur ein kühles öffentliches Ignorieren vielleicht oder ein gesittetes Gespräch? Wenn der rechte Antaios-Stand in Frankfurt sein Defilee von Figuren wie dem Schriftsteller Akif Pirinçci oder dem AfD-Rechtsausleger Björn Höcke erschütterungsfrei über die Bühne gebracht hätte, wäre das von irgendjemand, geschweige denn einem der rechten Wortführer und Wortverdreher als Sieg der Meinungsfreiheit anerkannt worden? Hätte sich Antaios-Leiter Götz Kubitschek bedankt für die Fairness, wären sie in Erklärungsnöte geraten, weil die Antifa sie nicht niedergebrüllt hätte? Kaum.

Nein, es waren keine schönen Bilder aus Frankfurt. Tumulte auf einer Buchmesse widersprechen dem geschützten Leseerlebnis, der interessierten Begegnung mit neuen Gedanken und fremden Ideen. Ein Verbot der rechten Verlage auf der Buchmesse wäre rechtlich schwer durchsetzbar gewesen. Seit 1948 wurde erst ein einziges Mal ein Stand nicht zugelassen, hat Messe-Direktor Jürgen Boos in einem Interview erläutert: Irans Auftritt nach der Fatwa gegen Salman Rushdie.

Die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank fordert bereits eine "klare Strategie" für den Umgang mit den selbstbewusster auftretenden Verlagen der "Neuen Rechten" für die nächste Buchmesse. Und man kommt nicht umhin, in den Auseinandersetzungen vor dem Antaios-Stand ein fernes Echo jener Brüll- und Pfeifkonzerte zu hören, mit denen die Rechten über Wochen die Wahlkampfauftritte demokratischer Parteien zu verhindern versuchten. Ohne den einen oder den anderen Krawall zu entschuldigen: In Frankfurt bildet sich ab, was sich in Wahlergebnissen und Umfragen zeigt, was Freundschaften trennt und Familien zerreißt - die Spaltung des Landes.

Bemerkenswerterweise suchen die liberalen und vernünftigen Stimmen die Schuld dafür erst einmal bei sich selbst. Sind die Pfiffe gegen Björn Höcke nicht Symptome "repressiver Toleranz", wie Herbert Marcuse jenen Zwang zur richtigen Meinung beschrieb, heißt es in der Welt? Ist der Aufstieg der Rechten überhaupt nur ein Produkt der Linken, wie es Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn in ihrem Buch "Mit Rechten reden" nahelegen? Darin schreiben sie, "wir", also: wir "Nicht-Rechten", "spielen nämlich, ohne dass wir es zu merken scheinen, längst ihr Spiel". Jede Ausgrenzung und Ausladung nutze das identitätsschwache, aber taktisch brillante Häuflein der Rechten, um sich als Opfer des "Establishments", des "Mainstreams" zu präsentieren. Je mehr man die Rechten ausgrenze, desto mehr Zulauf bekommen sie, und wenn diese Abgrenzung auch noch von moralischen Plattitüden ("Nazi!") begleitet wird, sind die Gewinne der Rechten schier unaufhaltsam.

Deutsche Intellektuelle glauben immer noch, man käme mit Argumenten und Pointen durch

Das klingt einleuchtend und nach den Krawallen der Buchmesse fatal evident. Es passt zudem in die verzweifelten Bemühungen der demokratischen Parteien, die irgendwie verirrten, verwirrten AfD-Wähler wieder in die Mitte der politischen Landschaft zu führen, als wäre dies tatsächlich ein Gewinn für die politische Stabilität und nicht nur parlamentarische Kosmetik.

Deutschland ist ein glückliches Land. Es hat sich seit sehr langer Zeit nicht mehr mit radikalen Denkern auseinandersetzen müssen. Es konnte Toleranz üben, feine Umgangsformen entwickeln und sich der Hoffnung hingeben, dass seine Probleme den Rahmen der Diskutierbarkeit nicht übersteigen würden. Seit einigen Jahren und zwar nicht erst seit dem Ansteigen der Flüchtlingszahlen, verfangen die bekannten Methoden nicht mehr. Politiker, Denker, auch: Journalisten müssen sich mit zwei Gruppen von Menschen auseinandersetzen, die gelernt haben, ihre verfassungsfeindlichen Vorstellungen zu verschleiern: Neben den radikalen Islamisten sind es die Rechten. Beide Gruppen wollen in einem grundsätzlich anderen Land leben, haben eine fundamental andere Vorstellung von der Zukunft Deutschlands als die weit überwiegende Mehrheit der Bürger.

Das ist die Ausgangssituation. Und deshalb wirken all die gut gemeinten Aufrufe zur Gelassenheit, zur Offenheit, zum Gespräch ziemlich, als handele es sich beim Anstieg der Rechten vor allem um eine Diskurspanne der Linken, als sehe die Lage nicht noch deutlich düsterer aus, stünde Deutschland wirtschaftlich nicht so glänzend da, als gebe es für das Anwachsen der AfD und schlimmerer Strömungen nicht sehr handfeste politische und soziale Gründe.

In Leos, Steinbeis' und Zorns eigentümlich aufgekratztem "Leitfaden" findet sich sogar der Rat "Wenn Du vom Hass nicht singen kannst, schweige". Das ist nicht ganz ernst gemeint, aber irgendwie doch, es passt sehr gut zum spitzen Diskursgäbelchen, mit dem die Autoren die rhetorischen Winkelzüge der Rechten nachzeichnen. Vor allem aber führt es mitten hinein in jene große Illusion, mit der deutsche Intellektuelle den Rechten begegnen und die gegen alle historische Erfahrung nach wie vor an der Möglichkeit festhält, rassistisches, völkisches, nationalistisches Denken lasse sich durch das besonders geschickt geführte Argument, die virtuos platzierte Pointe entkräften.

Es geht nicht um faire Repräsentation, sondern um Herrschaft

Dass sich im Kern demokratiefeindliche Kräfte in einer Demokratie als Opfer inszenieren müssen, ist wenig erstaunlich. Dass sie es tun, obwohl ihre Bücher gedruckt werden, ihre Versammlungen stattfinden, ihre Krawall-Truppen pöbeln, zeigt nur, wie wenig es ihnen um faire Repräsentation geht, wie sehr um Herrschaft. Viele Intellektuelle haben sich mit zum Teil erkennbarer Angstlust in die Gehirne der Rechten gedacht, haben ihre Sorgen und Nöte nachempfunden, während die Rechten nur wuchsen.

Es ist Zeit, die Perspektive geradezurücken. Der größte Teil der Deutschen ist nicht ausländerfeindlich, erkennt die Rechte von Frauen und Minderheiten an und schätzt das Leben in einem offenen, fortschrittlichen, auch solidarischen Land. Nicht alle tun das. Aber die Randlage, die sie beklagen, haben sie selbst gewählt.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2017/efo
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