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Debattenkultur:Deutsche Intellektuelle glauben immer noch, man käme mit Argumenten und Pointen durch

Das klingt einleuchtend und nach den Krawallen der Buchmesse fatal evident. Es passt zudem in die verzweifelten Bemühungen der demokratischen Parteien, die irgendwie verirrten, verwirrten AfD-Wähler wieder in die Mitte der politischen Landschaft zu führen, als wäre dies tatsächlich ein Gewinn für die politische Stabilität und nicht nur parlamentarische Kosmetik.

Deutschland ist ein glückliches Land. Es hat sich seit sehr langer Zeit nicht mehr mit radikalen Denkern auseinandersetzen müssen. Es konnte Toleranz üben, feine Umgangsformen entwickeln und sich der Hoffnung hingeben, dass seine Probleme den Rahmen der Diskutierbarkeit nicht übersteigen würden. Seit einigen Jahren und zwar nicht erst seit dem Ansteigen der Flüchtlingszahlen, verfangen die bekannten Methoden nicht mehr. Politiker, Denker, auch: Journalisten müssen sich mit zwei Gruppen von Menschen auseinandersetzen, die gelernt haben, ihre verfassungsfeindlichen Vorstellungen zu verschleiern: Neben den radikalen Islamisten sind es die Rechten. Beide Gruppen wollen in einem grundsätzlich anderen Land leben, haben eine fundamental andere Vorstellung von der Zukunft Deutschlands als die weit überwiegende Mehrheit der Bürger.

Das ist die Ausgangssituation. Und deshalb wirken all die gut gemeinten Aufrufe zur Gelassenheit, zur Offenheit, zum Gespräch ziemlich, als handele es sich beim Anstieg der Rechten vor allem um eine Diskurspanne der Linken, als sehe die Lage nicht noch deutlich düsterer aus, stünde Deutschland wirtschaftlich nicht so glänzend da, als gebe es für das Anwachsen der AfD und schlimmerer Strömungen nicht sehr handfeste politische und soziale Gründe.

In Leos, Steinbeis' und Zorns eigentümlich aufgekratztem "Leitfaden" findet sich sogar der Rat "Wenn Du vom Hass nicht singen kannst, schweige". Das ist nicht ganz ernst gemeint, aber irgendwie doch, es passt sehr gut zum spitzen Diskursgäbelchen, mit dem die Autoren die rhetorischen Winkelzüge der Rechten nachzeichnen. Vor allem aber führt es mitten hinein in jene große Illusion, mit der deutsche Intellektuelle den Rechten begegnen und die gegen alle historische Erfahrung nach wie vor an der Möglichkeit festhält, rassistisches, völkisches, nationalistisches Denken lasse sich durch das besonders geschickt geführte Argument, die virtuos platzierte Pointe entkräften.

Es geht nicht um faire Repräsentation, sondern um Herrschaft

Dass sich im Kern demokratiefeindliche Kräfte in einer Demokratie als Opfer inszenieren müssen, ist wenig erstaunlich. Dass sie es tun, obwohl ihre Bücher gedruckt werden, ihre Versammlungen stattfinden, ihre Krawall-Truppen pöbeln, zeigt nur, wie wenig es ihnen um faire Repräsentation geht, wie sehr um Herrschaft. Viele Intellektuelle haben sich mit zum Teil erkennbarer Angstlust in die Gehirne der Rechten gedacht, haben ihre Sorgen und Nöte nachempfunden, während die Rechten nur wuchsen.

Es ist Zeit, die Perspektive geradezurücken. Der größte Teil der Deutschen ist nicht ausländerfeindlich, erkennt die Rechte von Frauen und Minderheiten an und schätzt das Leben in einem offenen, fortschrittlichen, auch solidarischen Land. Nicht alle tun das. Aber die Randlage, die sie beklagen, haben sie selbst gewählt.

© SZ vom 17.10.2017/efo

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