Süddeutsche Zeitung

Debattenkultur auf YouTube:Middle Ground

Von Agnes Striegan

Atheisten und Christen haben eine Menge gemeinsam. Konservative und Liberale auch. Israelis und Palästinenser. Sogar Feministinnen und Anti-Feministen. Das zu zeigen, hat sich die Youtube-Serie "Middle Ground" zur Aufgabe gemacht. Zu zeigen, dass auch Leute miteinander reden können, die auf entgegengesetzten Seiten stehen, einander für unmoralisch halten und sich in Kommentarspalten und in der analogen Welt bekämpfen.

Das funktioniert so: An einem kargen Set, meist in einer leer stehenden Lagerhalle, versammeln sich sechs Menschen, je drei von einer Seite. Dann werden ihnen Aussagen vorgelesen. Atheisten und Christen zum Beispiel: In jedem Menschen steckt etwas Gutes. Feministinnen und Anti-Feministen: Wir brauchen mehr weibliche Staatsoberhäupter. Israelis und Palästinensern: Ich kenne jemanden, der im Nahost-Konflikt gestorben ist. Diejenigen, die zustimmen, treffen sich in der Mitte. Wörtlich in der Mitte der Halle, und sprichwörtlich dort, wo sie eben doch etwas gemein haben: auf dem "Middle Ground"; auf Deutsch vielleicht etwas holprig "Mittelweg". Dann tauschen sie sich aus, und zwar ernsthaft, weil sie wissen: Es gibt da doch eine Verbindung zu den anderen. Selbst diejenigen, die zunächst im Hintergrund gewartet haben, weil sie mit einer Aussage nicht einverstanden waren, können später mitdiskutieren. Denn es geht eben nicht darum, grundlegende Überzeugungen gegeneinander knallen zu lassen - sondern darum, die anderen als Menschen zu verstehen und zu respektieren.

Insgesamt gibt es 59 Folgen von "Middle Ground", produziert hat sie das Medien-Start-up Jubilee. Manche wurden einige Hunderttausend, andere mehrere Millionen Mal aufgerufen. Ob jedes der 59 Themen wirklich Meinungssache ist, darüber lässt sich allerdings streiten. "Middle Ground" lädt aus gutem Grund keine Afroamerikaner oder Jüdinnen ein, mit Rechtsextremisten zu sprechen. Warum stehen dann die Rechte homosexueller und transgeschlechtlicher Menschen noch immer zur Diskussion? Trotzdem schafft "Middle Ground" etwas, was viel zu selten ist: Menschen zusammenzubringen, wo es aussichtslos erschien.

Es gibt auch eine Diskussion zu Corona-Maßnahmen und Lockerungen, die ist ziemlich vorbildlich.

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Quelle:
SZ vom 30.05.2020
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