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Debatten:Der Kampf geht weiter

Das Internationale Literaturfestival in Berlin möchte neben Literatur nun auch Politisches, Soziales und Postkoloniales verhandeln.

"Le parole sono importanti", die Wörter haben Gewicht. Der berühmte Satz aus Nanni Morettis Film "Palombella Rossa" fasst zusammen, warum es sinnvoll ist, dass sich das Internationale Literaturfestival Berlin (Ilb) neben den üblichen Buchvorstellungen auch gesellschaftspolitischen Themen mit dem gleichen Eifer widmet.

Zitiert hat ihn die Schriftstellerin Michela Murgia an einem besonders heiteren Festivalabend. Murgia suchte und fand immer wieder die richtigen Worte, um dem gut gefüllten Saal das italienische Polittheater der Berlusconis, Grillos und Salvinis farbig vor Augen zu führen. Das schmale Büchlein, um das es eigentlich gehen sollte - eine knackige Anleitung, wie man zum Faschisten wird - diente der Schriftstellerin dabei lediglich als Sprungbrett für ihre Invektiven, die von einem Simultanübersetzer unter Szenenapplaus ins Deutsche übertragen wurden.

So entstanden reihenweise Stand-up-Momente, etwa wenn Murgia in der italienischen Wahlkampf-Rhetorik eine zunehmende Vorliebe für Metaphern aus dem Straßenbau entdeckte. "La ruspa", der Schaufelbagger, sei das Emblem dieser politischen Ikonografie, in der es einzig und allein darum gehe, den Gegner plattzumachen oder, um es in den Worten der Lega Nord zu sagen, "ihn zu asphaltieren". Wie wichtig die Wörter sind, offenbarte sich Murgia auf traurige Weise, als ihre Unterstützer sie in einem Facebook-Streit mit Matteo Salvini in der Sprache der Faschisten selbst beglückwünschten: "Den hast du aber ordentlich asphaltiert!"

Macron trägt Smoking, aber seine Politik zeigt ein seit dem Algerienkrieg ungekanntes Ausmaß an Brutalität

Im Buch lässt sich dann nachlesen, wie man politische Gegner in historische Feinde verwandelt - das Kerngeschäft des Faschismus, den Murgia nicht als Ideologie definiert, sondern als Methode, die nicht nur bei selbsterklärten Faschisten Anwendung findet. In genau diese Kerbe schlugen Didier Eribon, Édouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie, als sie das System Macron ohne Umschweife als faschistoiden Autoritarismus im bürgerlichen Kleid denunzierten. Während man das proletenhafte Auftreten von Trump und Salvini abstoßend fände, verdeckten Macrons in Smoking gehüllte Opernbesuche die Tatsache, dass seine Politik ein seit dem Algerienkrieg ungekanntes Ausmaß an Brutalität erreicht habe.

Eloquent und sichtlich erregt reihten die drei Freunde Gewaltakte aneinander, derer sich die Regierung Macron schuldig mache: die Austrocknung der Sozialsysteme, die "staatlich sanktionierte Verstümmelung" von Demonstranten der Gelbwestenbewegung, die herzlose Zerstörung behelfsmäßiger Schlafstätten Obdachloser. Louis schloss auch den Kulturbetrieb in die Bürgerlichkeitskritik mit ein und forderte diejenigen seiner Leser, die sich nicht für sozialen Fortschritt einsetzten, dazu auf, seine Bücher zurückzugeben.

So tröpfelte der Abend vor sich hin, zwischen politischem Sentimentalismus und dem Appell an eine neue Erziehung des europäischen Herzens. Auch hier hätte man gerne etwas erfahren über die Rolle der Wörter, die sich Macron, der sich gerne mit den Blüten französischer Hochkultur schmückt, eher aus den Machbar- und Achtsamkeitsrhetoriken inspirativer Podcasts, Start-ups und Ted-Talks auszuleihen scheint. Stattdessen wurde es am Ende turbulent, als sich ein erregter Zuhörer lautstark beschwerte, er habe sein Geld in eine Debatte mit sich widersprechenden Meinungen und nicht in eine dreistimmige Anklagerede investiert. Worauf Eribon barsch erwiderte, dass das Leben der Armen nicht zur Debatte stehe. "Was heißt schon Dialog, wenn Millionen keine Stimme haben?"

Wer einen Dialog erwartet hatte, hörte stattdessen eine gleich dreistimmige Anklagerede

Eribon trug so die zentrale postkoloniale Frage, ob die Worte der Subalternen Gewicht haben, in die Mitte der europäischen Gegenwart. "Dialog" war auch das Zauberwort eines Podiumsgesprächs zwischen Kuratoren bedeutender ethnologischer Sammlungen über die Aufgabe der Entkolonialisierung unserer Museen. Die Veranstaltung, an der unter anderem der Direktor des Humboldt-Forums und der Leiter des Institut Fondamental d'Afrique Noire in Dakar teilnahmen, resümierte den Diskussionsstand um den Umgang mit kolonialem Sammlungsgut und legte glaubwürdig dar, wie viel sich in den letzten Jahren in Provenienzforschung und internationaler Kooperation getan hat. Zugleich fiel auf, dass man sich immer dann hinter der Forderung nach mehr Dialog verstecken konnte, wenn Moderator und Publikum eine entschlossenere Restitutionspraxis zu fordern schienen.

Das Ilb gehört zu den größten Festivals seiner Art. Dass es neben der Förderung unbekannter Stimmen und experimenteller Schreibweisen nun auch ein halboffizielles Forum für postkoloniale Fragen geworden ist, ist eine gute Sache. Der permanente Blick nach außen birgt aber auch die Gefahr in sich, von den innerdeutschen Zuständen dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung abzulenken. Vielleicht nimmt das Festival für die nächsten Jahre sein Eigenversprechen zum Anlass, die kosmopolitischen Ansprüche ein wenig zu provinzialisieren und die deutsche Mitverantwortung noch entschiedener auf den Prüfstand zu stellen. Raum dafür wäre ja genug.