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Reaktion auf den Terror:Der nächste Glaubenskrieg

Warum die Rhetorik vom Kampf für die "Werte" nach den Anschlägen von Paris in die Irre führt: Es geht um die Bekämpfung von Verbrechen, nicht um einen Krieg der Kulturen.

Von Gustav Seibt

Ein Terroranschlag in Paris hat eine symbolische Bedeutung, die jeden Bürger der westlichen Welt ins Herz treffen muss. Es geht, wie sofort und zu Recht gesagt wurde, um "unsere Art zu leben". Es geht um ein welthistorisch ziemlich spätes, ziemlich einzigartiges Amalgam von Freiheit und Lebensfreude, Aufklärung und Hedonismus, um den Ort, wo Diderot seine "Encyclopédie" projektierte, während in den Salons Champagner zu Austern getrunken wurde, wo kurz danach eine der großen Menschenrechtserklärungen Gesetzeskraft erhielt und eine politisch-kulturelle Dynamik entfesselt wurde, die unsere Welt bis heute prägt. Die "Marseillaise", das "revolutionäre Tedeum" (Goethe), konnte so zur einzigen Nationalhymne werden, die universellen Charakter hat. Nichts bewegender, als sie in diesen Tagen überall in der Welt zu hören: eine Weltbürgerhymne.

Die Rede von den "Werten" ist ein Reflex auf eine entgötterte Welt

Bei solchen Erinnerungen fehlt dann selten der Verweis auf "unsere Werte", für die es zu "kämpfen" gelte. Was es mit Werten auf sich hat, erleben wir täglich an jedem Flughafengate und demnächst bei allen Eingängen zu Fussballstadien: Wir müssen "Freiheit" mit "Sicherheit" verbinden, obwohl "Sicherheit" einzelne Freiheitsrechte zwangsläufig einschränken muss. Hier findet eine Wertabwägung statt. Werte sind immer relativ zueinander, es gibt höhere und geringere Werte.

Die Rede von den "Werten", das hat die philosophische Diskussion in Deutschland bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erbracht, ist ein Reflex auf den modernen Pluralismus, auf eine entgötterte Welt, in der Individuen oder Gesellschaften ihre Wertentscheidungen für sich treffen. An die Stelle des Naturrechts mit der Idee eines höchsten Guten treten variable Wertordnungen voller Abwägungen und damit Freiheiten.

Die Rückseite des Werte-Pluralismus ist der "Kampf der Werte"

Nicht umsonst tritt die Rede von den Werten in "offenen Gesellschaften" auf, wie der Philosoph Karl Popper sie nannte, Gesellschaften, die nicht vorgeben zu wissen, was der Sinn der Geschichte oder der Zweck des Daseins ist. Solche Gesellschaften erlauben das Lebensexperiment, das "Streben nach Glück", aber auch politisch-soziales Herumprobieren, solange es ohne Zwang geschieht: Ende offen.

Die Rückseite dieses Werte-Pluralismus ist aber eine gar nicht so geheime Neigung zum Kriegerischen, zum "Kampf der Werte". Am Ende des Ersten Weltkriegs resümierte beispielsweise Max Weber resigniert: "Wie man es machen will, 'wissenschaftlich' zu entscheiden zwischen dem Wert der französischen und deutschen Kultur, weiß ich nicht." Das richtete sich nicht nur gegen die Weltkriegspolemiken nach Art von Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen", sondern gegen materiale Wertlehren überhaupt.

Diese setzen Werthierarchien fest, und da wäre man zum Beispiel schnell wieder in Paris, der Stadt, die nicht nur die moderne Libertinage hervorbrachte, sondern auch den modernen "Terror der Tugend" und den "Despotismus der Freiheit", mit Schiller gesagt: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht." Es gab für die Vorkämpfer von Freiheit und Gleichheit eine Zeit lang höhere Werte als ein paar lausige Menschenleben von Aristokraten und angeblichen Spionen.

Verbrechensbekämpfung, nicht "Krieg"

Solche Wertsetzungen haben aber auch die Terroristen. Sie bestätigen ein ganz modernes Gesetz: Je entschiedener, zweifelsfreier die Wertsetzungen, desto gnadenloser die Praxis. Fundamentalismus, das lehrt jede religionssoziologische Betrachtung, ist Religion im Schatten des Nihilismus. Die fundamentalistische Religion hat jede Daseinssicherheit in Tradition, Sitte, Kultur verloren, Islamismus ist, wie Navid Kermani feststellte, Islam ohne islamische Kultur. Insofern hat er teil am modernen Werterelativismus, den er mit einer radikalen Wertsetzung beantwortet, der absoluten, nicht hinterfragbaren Treue zu einem nur unzweideutig zu verstehenden Gesetz.

Die Rede von "Werten" ist also tendenziell "polemogen", um es mit Niklas Luhmann zu sagen, kriegserzeugend: Ich habe meine Werte, du hast die deinen. Im Zweifelsfall siegen die höhere Überzeugtheit und Entschlossenheit, die größere Skrupellosigkeit. Wenn jetzt beispielsweise der Springer-Chef Mathias Döpfner eine "Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte" fordert, dann verlangt er doch wohl von uns allen (der "Mitte") einen solchen Kampf in der Arena der Werte.

Ist "Aufklärung" ein "Wert", für den wir kämpfen sollten?

"Kulturkampf" heißt das, nicht nur bei Döpfner, seit den Neunzigerjahren. Dass der "Clash of Civilisations" (wie der Politologe Samuel Huntington den Konflikt nannte) und die englisch-amerikanischen "values" eine etwas andere Begriffsfärbung haben, ändert an solcher Polemogenität wenig: Es geht um Kampfgeist und Entschlossenheit.

Ist "Aufklärung" ein "Wert", für den wir kämpfen sollten? Das mag man redensartlich so sagen, aber genauer wäre doch: Aufklärung ist ein Prinzip (Gebrauch des eigenen Verstandes, öffentlicher Vernunftgebrauch, Anzweifeln von Autoritäten), im Zweifelsfall eines, mit dem man auch "Werte" überprüft. Dann aber müsste man sagen: Einer der Werte, für die wir kämpfen, ist auch der Werterelativismus, also das Eingeständnis, das Ziel der Geschichte nicht zu kennen, und die Erlaubnis, sein eigenes Leben jeweils eigenen Werten zu unterwerfen. Da kann der eine dann die Lust wählen ("Hedonismus"), der andere die Selbstbeherrschung ("Askese"), die meisten einen Mix aus beidem.

Die Rede von "Werten", die den logischen Schatten von Pluralismus und Relativismus verleugnet, den sie voraussetzt, läuft Gefahr, in einen Glaubenskrieg zu münden. Glaubenskriege haben, wie man nicht nur aus der europäischen Geschichte weiß, eine Tendenz zur Unbeendbarkeit; sie bluten eher aus, als dass sie zu Friedensschlüssen führen. Die Vorstellung, mit Terroristen Frieden zu schließen, ist auch abwegig. Aber darum dürfen wir ihnen auch nicht ähnlich werden. Deshalb ist auch die wiederkehrende Rede vom "Krieg", wo es eigentlich um Verbrechensbekämpfung geht, so unglücklich. Kriegseinsätze gegen Terroristen sind nötig und legitim, solange es eine funktionierende internationale Rechtsordnung und eine wirksame Weltpolizei nicht gibt. Aber es wäre fatal, den "Islamischen Staat" als "Kriegspartei" anzuerkennen.

Rechtsgrundsätze brauchen keine philosophische Überhöhung

All diese begrifflichen Unterscheidungen wären ziemlich egal, hätten sie nicht Auswirkungen auf das Zusammenleben innerhalb der pluralistischen Gesellschaft. Hier zeigt die Rede von den "Werten" ihr potenzielles Gift. Die Reflexhaftigkeit, mit der jetzt das freundliche Gesicht der Willkommenskultur, der beste Beweis der freiheitlichen Selbstsicherheit dieser Gesellschaft, infrage gestellt wird, hat etwas Ermüdendes.

Wir haben guten Grund, den zu uns fliehenden Menschen zu erklären, dass hier der säkulare Rechtsstaat gilt, dass Frauen und Männer bei uns gleiche Rechte haben und dass Homosexualität eine anerkannte Lebensform ist. Aber dabei handelt es sich um Rechtsgrundsätze und Regelwerke, die nicht der philosophischen Überhöhung als "Werte" bedürfen. Wir können, ja müssen von den hier einwandernden Muslimen strikte Befolgung unserer Gesetze verlangen, aber nicht, dass sie ihrem Glauben abschwören, selbst wenn dieser nicht libertär-hedonistisch ist. Das nämlich wäre gegen unsere Werte. Diese überzeugen allein und am besten durch ihre Lebenstauglichkeit, als unsere äußerst attraktive Art zu leben. Der Rest ist Sicherheitspolitik.

© SZ vom 17.11.2015/doer
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