Debatte um "Unsere Mütter, unsere Väter":Entsetzlicher Kitsch als Propagandaschinken

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Nun aber gilt gerade sie manchen deutschen Kommentatoren des Films - wie dem Historiker Hans-Ulrich Wehler - durch die Thematisierung des polnischen Antisemitismus als besonders mutig. Sehr viel Mut braucht es dazu allerdings keineswegs, gehört er doch neben den Vertreibungen der Deutschen seit eh und je zum Repertoire des Polen-Diskurses in Nachkriegsdeutschland.

Ein Beispiel aus der DDR: In einem Theaterstück des einstigen Jung-Nazis und späteren Feuilletonchefs des Neuen Deutschland, "Die seltsame Reise des Alois Fingerlein", das jahrzehntelang durch fast alle Theater der Republik tingelte, wurde der "bürgerliche" Widerstand als feige und antisemitisch dargestellt, während der einzige Tapfere, der Juden aus dem Ghetto freikämpft, der Volksdeutsche Fingerlein war. Er lehnte es ab, im "Warthegau" einen polnischen Bauernhof zu übernehmen. Dafür schloss er sich der "Armia Krajowa" an, deren Soldaten nur an ihre Tafelsilber dachten (im ZDF-Film schlagen sie den getöteten Deutschen die Goldzähne aus). Danach half Fingerlein den von ihm geretteten Juden, den Staat Israel aufzubauen. Entsetzt darüber, dass sie mit den Palästinensern nicht können, kehrt er nach Deutschland zurück, um in der DDR, quasi als neuer Faust, im Oderbruch den Sumpf trockenzulegen.

Summa Sumarum: Entsetzlicher Kitsch als Propagandaschinken.

In einem Zeit-Gespräch verwahrte sich Produzent Nico Hofmann dagegen, seinen Dreiteiler einen Schinken zu nennen. Als Beleg dafür soll die zungenlösende Wirkung von "Unsere Mütter, unsere Väter" an deutschen Familientischen dienen. Das ist kein hinreichendes Argument.

Gerührt von den netten Fünf, die aus der heilen Welt des Sommers 1941 auszogen, das Fürchten zu lernen, mögen deutsche Zuschauer die aberwitzigen Kopfgeburten der Filmemacher, die unglaubwürdigen Begegnungen der Protagonisten übersehen. Für polnische Zuschauer ist beispielsweise die schlampig geschriebene und gespielte Episode bei den polnischen Partisanen äußerst befremdlich. Ärgerlich ist dabei weniger die Darstellung der antisemitischen Partisanen. Schließlich thematisieren gerade in diesen Monaten zwei hervorragende polnische Spielfilme, "Die Nachlese" und "Die Treibjagd", sowohl den Antisemitismus als auch Kollaboration und Grausamkeit des Partisanenkrieges in Polen.

Lucas Gregorowicz in "Unsere Mütter, unsere Väter"

Lucas Gregorowicz als Partisanananführer Jerzy im ZDF-Mehrteiler Unsere Mütter, unsere Väter.

(Foto: David Slama)

Ärgerlich ist vielmehr die Gedankenlosigkeit und Schludrigkeit der polnischen Episode. Die Filmemacher geben ja selbst zu, dass sie erst im letzten Moment darauf gekommen sind, als die ursprüngliche Idee, Viktor nach Amerika fliegen und wie etwa Stefan Heym mit der US-Armee zurückkehren zu lassen, aus Kostengründen geplatzt sei. Polen also als Platzhalter aus Kostengründen - eine veritable Aufarbeitung der Geschichte!

Und so wurde diese Episode auch zusammengeschustert. Sie fängt mit der kleinen Alina an, die Viktor zu den Partisanen führt. Dass sie gebrochen Deutsch spricht, ist verständlich, dass sie Polnisch aber mit deutschem Akzent spricht, wie übrigens auch einige der übrigen "Polen", macht die Sache peinlich. Für deutsche Zuschauer mag das irrelevant sein, für polnische - die sofort merken, dass die russische und ukrainische Episode sorgfältiger inszeniert wurde - leuchtet ein Alarmsignal auf: Warte mal, was denken sie sich jetzt bloß aus?

Und es geht noch weiter. Ausgerechnet Ende Juli 1944 von der nahen Befreiung Warschaus zu sprechen, ohne den Warschauer Aufstand zu erwähnen, zu dem diese Partisanen hinzuzustoßen wären, hätte verpflichtender Bestandteil des Films sein müssen. So ist er einfach nur feige. Genauso feige ist es von Nico Hofmann, Katyn in den Gesprächen der Polen untereinander NICHT zu erwähnen.

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