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Debatte um Stauffenberg:Die Entlarvung des 20. Juli

Man darf Stauffenberg nicht als einen Helden unserer heutigen Zeit sehen - eine Antwort auf die Thesen des Historikers Richard J. Evans.

Karl Heinz Bohrer

Es ist das Verdienst des von dem englischen Historiker Richard J. Evans verfertigten Urteils (SZ Magazin vom 23. 1. 2009) über den Attentäter Stauffenberg als neudeutschen "Helden", dass es das oberflächliche Interesse vom Film und seiner Erzählung hin zur moralischen und politischen Substanz diesen Heldenbilds gelenkt hat. Wenn er dabei darauf aus gewesen sein sollte, einer deutschen Leserschaft Aufklärung zu verabreichen, dann liegt ein doppelter Irrtum vor: Zum einen besteht diese Aufklärung von Evans aus historischen Halbwahrheiten, widersprüchlichen Thesen und ehrabschneiderischen Allusionen, die Person Stauffenbergs betreffend.

Vorbild oder nicht? Karl Heinz Bohrer verteidigt Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

(Foto: Foto: dpa)

Zum anderen aber sind diese Verzerrungen selbst mehr oder weniger die in der bundesrepublikanischen Intelligenz geläufige Ansicht zum 20. Juli und zu den hauptsächlich adligen Verschwörern aus alten preußischen Familien. Insofern trug Evans Eulen nach Athen. Wenn man die aktuelle Rezeption und Beurteilung des Attentats, das Hitler im Juli 1944 töten sollte, angemessen verstehen will, muss man den versetzten Horizont von 2009 im Blick haben.

Bevor ich also auf die Schwächen von Evans' Thesen eingehe, zunächst ein kurzer Blick auf den aktuellen deutschen Horizont: Man hat sich daran zu erinnern, dass bis Ende der fünfziger Jahre und länger die überwältigende Mehrheit der deutschen Bevölkerung das Attentat und seine führenden Männer geradezu stigmatisierte.

Die Motive hierfür, das deutet Evans Text mit Recht an, speisten sich einerseits aus Überbleibseln der nazistischen Mentalität der Bevölkerungsmehrheit, zum anderen aber aus dem Ressentiment einer neuen kleinbürgerlichen Mittelschicht, die mit Charakteren wie Stauffenberg, Tresckow, Kleist, Schulenburg, Bussche, Trott zu Solz, aber auch Moltke und Yorck von Wartenburg kulturell, politisch und psychologisch nichts mehr anfangen konnte. Dass auch eine Reihe bürgerlicher Männer von Rang und Namen - der bekannteste ist wohl Dietrich Bonhoeffer - als frühe Widerständler ihr Leben verloren, hat dieses Vergessen nicht verhindern können.

Wenn die Namen der unmittelbaren Attentatsverschwörer überhaupt noch in der Erinnerung des BRD-Publikums auftauchten, dann eher - den offiziösen Gedenktagen zum Trotz - als wohlfeile Sündenböcke: Konnten diese Mitglieder einer elitären Oberschicht, indem sie verschwanden, zugleich doch den Makel der nazistischen Vergangenheit abtragen helfen, der sich die westdeutsche Mehrheit zunächst nicht gestellt hat (bis dann die Kinder und Enkelkinder eben dieser Nazis nicht müde wurden, mit ihren "antifaschistischen" Selbstdarstellungen das intellektuelle Klima zu verkitschen).

Attentatsverschwörer als Sündenböcke

Insofern kommt Evans' Entstellung des 20. Juli und seiner zentralen Gestalt, die sich in seinem wichtigen Buch "The Third Reich At War" (2008) nicht findet, diesem Milieu nunmehr nachdrücklich entgegen, ja, man gewinnt bei der Lektüre seines Textes zuweilen den Eindruck, er sei ihm aus diesem zum Teil akademisch-westdeutschen Kreisen souffliert worden. Die zweifelhafte Darstellung hat zwei Brennpunkte: 1. die Problematisierung des "moralischen Motivs Stauffenbergs", 2. die Problematisierung seines Vorbildcharakters. Beim ersten Aspekt beginnt schon der innere Widerspruch und die unklare Identifizierung.

Wenn denn, wie Evans zu Eingang noch sachlich vermerkt, Stauffenberg durch ein emphatisches Moralverständnis markiert war, sei es aristokratischer Ehrenkodex, katholische Lehre oder romantische Dichtung, dann galt dies auch für seine anfängliche Affinität zum Nationalsozialismus, den Stauffenberg als "geistige Erneuerung" missdeutete. Wenn denn "wahre Spiritualität" am Anfang von Stauffenbergs politischem Impuls lag - neben Stefan Georges mystischem Nationalismus war es vor allem wohl die Sprache Hölderlins, sein Wort vom "Vaterland", dem "heiligen Herz der Völker", sein Bekenntnis "das Heilige sei mein Wort" -, dann wäre konsequenterweise von dieser Spiritualität aus, die bei Hölderlin noch pietistisch gefärbt war, Stauffenbergs moralischer roter Faden zu verfolgen. Es überzeugt deshalb nicht, Stauffenbergs anfängliches patriotisches Engagement im Krieg zum moralischen Defizit zu erklären.

Zweifel an der moralischen Motivation

Um die Motive Stauffenbergs zu verunklären, operiert Evans gern mit Jahreszahlen. "Erst 1941" seien Stauffenberg Zweifel gekommen. Zweifel wegen was? Wegen der Erfolgsmöglichkeit des nationalsozialistischen Kriegs oder wegen der nationalsozialistischen Verbrechen in Russland? Evans' Rhetorik wird an dieser Stelle opak: Wenn er zugeben muss, dass es eindeutig die nationalsozialistischen Massentötungen waren, die Stauffenberg, den spirituell motivierten Soldaten, zum Attentäter machten, warum dann die Relativierung dieses Motivs durch den Hinweis auf Stauffenbergs Einsicht in die militärische Zwecklosigkeit dieser Verbrechen, eine Einsicht, die auch hohen SS-Führern gekommen ist?

Evans verfolgt ohnehin die Taktik, mit Hinweis auf den angeblich späten Zeitpunkt zum Attentatsentschluss dessen moralische Motivation in Zweifel zu ziehen, als ob die Angst vor dem absehbar verlorengehenden Krieg und nicht Sittlichkeit die Verschwörer motiviert hätte. So behauptet Evans im zitierten, ansonsten durchweg fairer historischer Beobachtung geschuldeten Buch "The Third Reich At War", Fritz Dietlof von der Schulenburg, einer von Stauffenbergs frühen politischen Mentoren, habe erst 1943, nach der Katastrophe von Stalingrad, den Entschluss zum Attentat gefasst.

Ehrabschneiderisch verleumderisch

In Anbetracht der Tatsache, dass es unstrittige Dokumente dafür gibt, dass Schulenburg schon 1939, vor Ausbruch des Krieges, in konspirativem Gespräch die Notwendigkeit einer Beseitigung Hitlers erwog - nicht zuletzt wegen der offensichtlich gewordenen Kriminalität des Regimes -, ist Evans' Verschiebung des Zeitpunkts ehrabschneiderisch verleumderisch zu nennen, impliziert sie doch, dass es ausschließlich militärische Gesichtspunkte waren, die Schulenburg gegen Hitler motivierten. Diese im Buch nur angedeutete Sicht wird jetzt zur Methode. Dass Schulenburg wie Stauffenberg auch in Kategorien eines uns heute fremd gewordenen preußisch-deutschen Patriotismus dachten, scheint Evans eindimensionale historische Phantasie zu überanstrengen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Karl Heinz Bohrer das Vorgehen von Richard Evans für intellektuell beschränkt hält.

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