Debatte um Integration Deutschsein als Kulturtechnik, die sich nie ganz erschließt

80 zivilgesellschaftliche Organisationen aus der ganzen Republik haben sich an diesem Wochenende unter das Dach der "Neuen Deutschen" begeben. Der Begriff geht auf das Buch "Wir neuen Deutschen" zurück, dass die Zeit-Journalistinnen Alice Bota, Khuê Pham und Özlem Topçu im Jahr 2012 veröffentlicht haben. Wären die "Neuen Deutschen" eine Partei, würden sie 20 Prozent der Bevölkerung repräsentieren.

Weil sie sich in erster Linie als Deutsche verstehen, spielen die jeweiligen kulturellen Hintergründe eher keine Rolle. Die "Neuen Deutschen" fordern keine Rücksicht auf etwaige kulturelle Missverständnisse, sie wollen schlicht als Deutsche wahrgenommen werden. Sie argumentieren nicht unter ethnischen, sondern thematischen Gesichtspunkten. Die neue Organisation wendet sich an jene, die aufgrund ihrer Ethnie oder ihrer Religion schlechte Erfahrungen gemacht haben; an alle, die auf die eine oder andere Art zu verstehen bekommen haben, dass sie in diesem Land zwar etwas beitragen dürfen, Deutschsein aber letztlich eine Kulturtechnik ist, die sich ihnen nie vollends erschließen wird.

Es geht darum, jenen deutschen Integrationsbegriff zu aktualisieren, der sich an einem nostalgisch-metaphysischen Idealbild kultureller Homogenität ausrichtet. In einem demokratischen Staat bedeutet Integration nicht, dass alle gleich sind, sondern dass alle über die gleichen Möglichkeiten zu gesellschaftlicher Teilhabe verfügen und sich gleichberechtigt im demokratischen Aushandlungsprozess einbringen können.

Gerede und Realität

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani argumentierte deshalb in Berlin, dass öffentliche Auseinandersetzungen zwischen den Bevölkerungsgruppen kein Zeichen misslungener Integration seien, sondern im Gegenteil zeigten, dass die Integration funktioniere. Man könne von einer Gesellschaft nur dann Anerkennung fordern, wenn man sich als integraler Bestandteil dieser Gesellschaft verstehe.

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In Paris, London und Stockholm gab es in den vergangenen Jahren ethnisch und sozial motivierte Ausschreitungen, in Deutschland aber seien solche Krawalle bislang ausgeblieben - ein untererklärtes Phänomen. Möglicherweise, so Mafaalani, redet man sich im egalitären Schweden und im ehemals weltumspannenden Imperium Großbritannien ein, dass die Integration funktioniert, während ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt sind, während es sich in Deutschland genau andersherum verhält: Man rede zwar unentwegt von misslungener Integration, aber die Minderheiten sind sich ihrer gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten in hohem Maße bewusst.

An der Gesetzeslage wollen die "Neuen Deutschen" deshalb gar keine tief greifenden Umwälzungen vornehmen. Sie sehen in Deutschland eigentlich viele Chancen. Vielmehr geht es ihnen um die gesellschaftliche Anerkennung, alltägliche Formulierungen und das kollektive Bewusstsein der Deutschen. Um Bildungsarbeit und Begriffe wie "ethnische Segregation". In den modernen Metropolen gebe es eigentlich nur eine Gruppe, die sich eine ethnische Segregation leisten könne, so El-Mafaalani: die Wohlhabenden. Nur wer sich aussuchen könne, wo er wohnt, lebe tendenziell unter seinesgleichen. Alle anderen achten unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund eher auf den Mietzins als auf die Nachbarn.