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Debatte um Gibsons Film "Apocalypto":In der Causa Mel gegen Gibson

Man schätzt den Regisseur und wundert sich über den Menschen. Im besten Falle. Die Debatte um Gibsons neuen Film "Apocalypto" nimmt daher kuriose Züge an - kaum weniger verwunderlich. Und das kurz vor den Oscar-Nominierungen.

Seit zwei Wochen debattiert man sich schon wieder die Köpfe heiß um Mel Gibson. Um seinen neuen Film "Apocalypto", der am Wochenende in den USA startete und sich locker behaupten konnte gegen ein starkes Konkurrentenfeld, Leonardo DiCaprio in "Blood Diamond", Cameron Diaz und Jude Law in "The Holiday/Liebe braucht keine Ferien". Am Donnerstag wird "Apocalypto" auch bei uns starten, ein kraftvolles, blutiges Spektakel aus der untergehenden Maya-Kultur Ende des 16. Jahrhunderts, mit Menschenopfern und Dschungelhatz, gedreht in der Yucatec-Sprache. Die Kritik ist mächtig beeindruckt und hin- und hergerissen. Dies ist "der obsessivste, physisch brutalste Film, den ich je gesehen habe", heißt es, und "ein visionäres Werk mit seiner eigenen wilden Integrität" und: "Den Film einmal gesehen zu haben reicht fürs ganze Leben . . ." All dies schrieb Joe Morgenstern im Wall Street Journal am Freitag.

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Für manche könnte auch einmal schon zu viel sein - Gründe dafür gibt es genug: die Brutalität, die Untertitel, der kulturpessimistische Grundton. Und natürlich Mel Gibson, der sich im Juli grell in die Schlagzeilen bugsiert hatte, als er betrunken am Steuer erwischt wurde und bei seiner Verhaftung "Fucking Jews, sie sind schuld an den Kriegen dieser Welt" rief. Er hat sich dann entschuldigt, beteuert, er sei nie im Leben ein Antisemit, und sich in Rehabilitation begeben - dennoch wurde ihm, oft sehr boshaft, bedeutet, es sei nun wohl vorbei mit seiner Karriere im Filmgeschäft. Viele Kollegen, wie Amy Pascal von Sony oder Ari Emanuel von der Endeavor Talent Agency, gingen auf Distanz, man sollte ein Zeichen setzen, hieß es, und künftig die Zusammenarbeit mit dem Hitzkopf Gibson verweigern. Und die Leute von Disney, die "Apocalypto" verliehen, hatten ein echtes Problem.

Nun aber scheint es, als hätten eher die Anti-Gibsonianer ein Problem - angesichts der großen Kritiken, von Variety bis New York Times und Time, die dem Filmemacher Gibson Respekt und Lob nicht versagen konnten, und angesichts der Reaktionen der Minderheitengruppen, die Gibson mit Test-Vorstellungen direkt ansprach, die Latinos und die verschiedenen Indianerstämme.

Neben dem Test an den Kinokassen steht eine weitere Frage im Raum: Wie werden die etwa 6000 Kollegen in der Academy sich verhalten, wenn im Januar die Oscar-Kandidaten nominiert werden? Wie viele werden sich, unversöhnlich, weigern, einen Film des Antisemiten Gibson überhaupt anzuschauen - dem schon bei "Passion of the Christ" antisemitische Untertöne vorgehalten wurden? Darf man einen starken Film ignorieren, weil sein Regisseur sich diskreditiert hat? Muss man den Menschen Mel vom Filmemacher Gibson trennen? Präzedenzfälle gibt es, gerade im 20. Jahrhundert, mehr als genug, siehe Céline, siehe David W. Griffith, dessen "Birth of a Nation" lange als erstes Meisterwerk der Filmgeschichte galt, bis es als rassistisches, inkorrektes Machwerk auf dem Index landete. Und die alles entscheidende Frage: Wie gehört die Moral überhaupt in die Kunst, in den künstlerischen Prozess?