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Debatte um geschlechtsneutrale Sprache:Aus dem "Ausländer" wird der "Migrant"

Diese Ideen wurden sogar gebaut, etwa in Gestalt des Stockholmer Kollektivhauses, in dem es zwar Wohnungen für Familien gab, die Küchen aber, vor allem zum Wohle der Frau, auf ein äußerstes Minimum reduziert waren - gegessen (und gewaschen) wurde für das Kollektiv, von eigens dazu bezahlten Menschen (in denen sich dann die Klassengesellschaft fortsetzte, die innerhalb des Kollektivs aufgehoben sein sollte).

Die Familie, und überhaupt jede Form der persönlichen Abhängigkeit, galt hier allenfalls noch als Übergangsform auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der es zwischen dem Einzelnen und dem Staat keine weiteren sozialen Instanzen mehr geben durfte, weil sie - die Ehe, die Familie, die Gruppe - den Einzelnen an seiner Entfaltung hinderten. Er, der Staat, sollte dagegen gleichermaßen Instrument der Aufsicht wie der Befreiung sein.

Vor kurzem ist, herausgegeben von Marta Kuzma und Pablo Lafuente, die ebenso voluminöse wie beeindruckend anachronistische Anthologie "Whatever Happened to Sex in Scandinavia" (Koenig Books, London 2011) erschienen. Darin ist ein Interview abgedruckt, das Vilgot Sjöman, der Regisseur des Films "Ich bin neugierig - Gelb" (1967) - das war eines der großen Skandalwerke des sechziger Jahre - dem amerikanischen Kritiker John Lahr gab: "Ich hatte das Gefühl", erklärt Sjöman darin, dass der Film "die schwedische Gesellschaft porträtiert, so wie sie gerade lange geschlossene Türen öffnet . . . Die jungen Leute erkunden gegenseitig ihre Körper, sie sind neugierig, wie die Körper funktionieren."

Es ist, ganz offensichtlich, dass das "Du", das hier entdeckt werden soll, im Gegensatz zu einem "Sie" verstanden werden muss, das für die Welt der Traditionen und der Autoritäten, für die geschlossenen Türen der "Gesellschaft" steht. Oder anders gesagt: die staatlich garantierte Befreiung des einzelnen Menschen, die in Schweden in den dreißiger Jahren begann, hat hier das Kochen und Waschen längst hinter sich gelassen und ist zur Befreiung der Sexualität vorgedrungen. Im Nachhinein betrachtet, nimmt sich die filmisch dokumentierte Entfesselung des Körpers indessen weniger seltsam aus (komisch ist sie auch) als das anti-staatliche Pathos, mit dem diese Befreiung reklamiert wird.

Zum Scheitern verurteilt?

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn das Personalpronomen "hen" heute dazu dienen soll, den sprachlichen Ausdruck eben jener körperlichen Unterschiede auszulöschen, denen damals die konzentrierte Neugier Vilgot Sjömans und seiner Darsteller galt. Das liegt daran, dass all diese Befreiungsideologien, eben weil sie staatlich garantiert werden, einer Dialektik unterliegen, die offenbar erst mit einiger Verspätung erkennbar wird.

Es gibt keine Befreiung der Frau, die sich nicht auch auf dem Arbeitsmarkt niederschlüge: in Gestalt der wachsenden Schwierigkeiten, eine Familie mit einem Einkommen zu ernähren. Für die damit verbundenen Anstrengungen soll das "hen" die Frauen entschädigen, indem es mit den Mitteln der Sprache den tröstlichen Schein der Aufhebung aller Unterschiede von Mann und Frau erzeugt. Die Instanz aber, von der dieser Schein abstrahlt, ist der Staat, der ihn den Individuen verordnet.

Zum Scheitern verurteilt ist das Projekt einer geschlechtsneutralen Sprache wohl ohnehin - wie alle Bemühungen, die Welt an ihrem sprachlichen Ausdruck zu korrigieren. Denn wenn sich "Ausländer" erst in "Migranten" und dann in "Menschen mit Migrationshintergrund" verwandeln, verändert sich ja an deren Situation eher wenig. Und weil das so ist, weil also die Anstrengung, einen sozialen, ökonomischen oder politischen Gegensatz durch eine Sprachregelung aufzulösen, so hilflos ist, nutzen sich die jeweils neuen Ausdrücke bald ab und müssen durch wieder neue Formeln der Anerkennung ersetzt werden. Das gilt auch für "hen".

© SZ vom 15.03.2012/mapo
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