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Debatte um geschlechtsneutrale Sprache:Schwedens "Mappas" und "Pammas"

Zuerst die Frau, dann der Mensch: In Schweden ist ein Streit um eine geschlechtsneutrale Sprache entbrannt. Mittlerweile hat die Debatte rund um das neue Personalpronomen "hen" die Spitzen der Politik erreicht und es stellt sich die Frage, ob volkspädagogische Bevormundung die Gesellschaft verändert.

Ende Januar ist in Schweden das erste Kinderbuch in geschlechtsneutraler Sprache erschienen. "Kivi" heißt das Kind, um das es in diesem kleinen Werk von Jesper Lundqvist und Bettina Johansson geht (Olika Verlag, Stockholm 2012), und weil "Kivi" sich einen Hund wünscht, aber nicht sofort bekommt, entsteht eine kleine Geschichte in Reimen. Das alles ist sehr heiter und angemessen skurril, hätte aber nie die große Aufmerksamkeit erreicht, die es jetzt erhielt, wäre in diesem Buch nicht konsequent das neue Personalpronomen "hen" verwendet worden. In ihm sollen "hon" ("sie") und "han" ("er") zusammenfallen, wobei selbstverständlich auch die konjungierten Formen "hens" für den Genitiv und "henom" für die Objektform dazugehören. Seitdem geht eine öffentliche Auseinandersetzung um die Sprache als Medium sexistischer Vorurteile durch das Land.

In Schweden ist eine Debatte über das geschlechtsneutrale Pronomen "hen" entbrannt.

(Foto: AFP)

Für eine "neue Methode, Gleichberechtigung zu erreichen", erklärte Nyamko Sabuni, Schwedens Ministerin für Integration und Gleichstellung, das kleine Wort, während Maud Olofsson, die bekannteste Politikerin der Zentrumspartei, befürchtet, das Pronomen "hen" werde Kindern die Geborgenheit rauben.

Wenn es ein Land auf der Welt gibt, in dem eine solche Initiative Erfolg haben könnte, dürfte es Schweden sein. Das liegt zum einen an der Sprache: Der Unterschied zwischen Maskulinum und Femininum, dem im Deutschen Substantive (und Artikel) unterworfen werden, ist im Schwedischen im Utrum aufgehoben, in einer Form für beide Geschlechter (daneben gibt es, wie im deutschen, ein Neutrum). Die Differenz macht sich nur bei den Pronomen geltend, so dass sie tatsächlich ein möglicher, weil kleiner und fest umrissener Gegenstand einer Sprachreform sein könnten - zumal die Objektform (also Dativ und Akkusativ) ohnehin gerade verschwindet.

Zum anderen liegt es an den sozialen und politischen Bedingungen für den Umgang mit der Sprache in Schweden: Es gab dort schon einmal, und ebenfalls aus Gründen der Gleichbehandlung, eine Sprachreform: und zwar in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als, unterstützt von staatlichen Institutionen, die Anrede "Ni" ("Sie") aufgegeben und durch das allgemeine "du" als Ausdruck von Freiheit und Gleichheit ersetzt wurde, mit Erfolg.

Vor ein paar Jahren erschien in Schweden ein Buch, das solche Verbindungen von staatlicher Aufsicht und dem individuellen Anspruch auf Selbstbestimmung für etwas spezifisch Schwedisches erklärte. "Är svensken människa?" ("Ist der Schwede ein Mensch?", 2006) heißt dieses Werk des Journalisten Henrik Berggren und des Historikers Lars Trädgårdh, in dem die Schweden so definiert werden: "eine pragmatische Gemeinschaft, in der man einander wohlgesonnen ist, ein starker, aber kalter Staat und autonome, geschlechtslose, zeitlose und gleichgestellte Bürger".

Weiblichkeit als Nachteil

Anders gesagt: das "hen" soll dazu dienen, den wahren Menschen von seiner Bestimmung als Geschlechtswesen zu befreien - was selbstverständlich vor allem den Frauen zugutekommen soll, die ihre Weiblichkeit als Nachteil in der Konkurrenz um Geld und Macht erfahren müssen.

Wenn es also im Kinderbuch um Kivis Eltern geht, dann heißen sie aus diesem Grund "Mappa" und "Pamma". Das ist nur scheinbar lustig, denn dahinter droht ein erhebliches Maß an volkspädagogischer Bevormundung und Selbstgerechtigkeit. Henrik Berggren und Lars Trädgårdh würden hingegen darin die Absicht erkennen, dem eigentlichen Menschen mit den Mitteln eines radikalen Etatismus zu seinem Recht zu verhelfen.

Diese Idee hat in Schweden eine lange Tradition: Als die Sozialdemokraten in den frühen dreißiger Jahren an die Macht kamen, entwickelten sie, beflügelt durch die Pamphlete des Ökonomen Gunnar Mrydal und seiner Frau Alva, einer Pädagogin, weitreichende Ideen, zuerst die Frau und dann den Menschen als solche mit den Mitteln der Sozialtechnik von seinen persönlichen Abhängigkeiten zu lösen.

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Aus dem "Ausländer" wird der "Migrant"

Diese Ideen wurden sogar gebaut, etwa in Gestalt des Stockholmer Kollektivhauses, in dem es zwar Wohnungen für Familien gab, die Küchen aber, vor allem zum Wohle der Frau, auf ein äußerstes Minimum reduziert waren - gegessen (und gewaschen) wurde für das Kollektiv, von eigens dazu bezahlten Menschen (in denen sich dann die Klassengesellschaft fortsetzte, die innerhalb des Kollektivs aufgehoben sein sollte).

Die Familie, und überhaupt jede Form der persönlichen Abhängigkeit, galt hier allenfalls noch als Übergangsform auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der es zwischen dem Einzelnen und dem Staat keine weiteren sozialen Instanzen mehr geben durfte, weil sie - die Ehe, die Familie, die Gruppe - den Einzelnen an seiner Entfaltung hinderten. Er, der Staat, sollte dagegen gleichermaßen Instrument der Aufsicht wie der Befreiung sein.

Vor kurzem ist, herausgegeben von Marta Kuzma und Pablo Lafuente, die ebenso voluminöse wie beeindruckend anachronistische Anthologie "Whatever Happened to Sex in Scandinavia" (Koenig Books, London 2011) erschienen. Darin ist ein Interview abgedruckt, das Vilgot Sjöman, der Regisseur des Films "Ich bin neugierig - Gelb" (1967) - das war eines der großen Skandalwerke des sechziger Jahre - dem amerikanischen Kritiker John Lahr gab: "Ich hatte das Gefühl", erklärt Sjöman darin, dass der Film "die schwedische Gesellschaft porträtiert, so wie sie gerade lange geschlossene Türen öffnet . . . Die jungen Leute erkunden gegenseitig ihre Körper, sie sind neugierig, wie die Körper funktionieren."

Es ist, ganz offensichtlich, dass das "Du", das hier entdeckt werden soll, im Gegensatz zu einem "Sie" verstanden werden muss, das für die Welt der Traditionen und der Autoritäten, für die geschlossenen Türen der "Gesellschaft" steht. Oder anders gesagt: die staatlich garantierte Befreiung des einzelnen Menschen, die in Schweden in den dreißiger Jahren begann, hat hier das Kochen und Waschen längst hinter sich gelassen und ist zur Befreiung der Sexualität vorgedrungen. Im Nachhinein betrachtet, nimmt sich die filmisch dokumentierte Entfesselung des Körpers indessen weniger seltsam aus (komisch ist sie auch) als das anti-staatliche Pathos, mit dem diese Befreiung reklamiert wird.

Zum Scheitern verurteilt?

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn das Personalpronomen "hen" heute dazu dienen soll, den sprachlichen Ausdruck eben jener körperlichen Unterschiede auszulöschen, denen damals die konzentrierte Neugier Vilgot Sjömans und seiner Darsteller galt. Das liegt daran, dass all diese Befreiungsideologien, eben weil sie staatlich garantiert werden, einer Dialektik unterliegen, die offenbar erst mit einiger Verspätung erkennbar wird.

Es gibt keine Befreiung der Frau, die sich nicht auch auf dem Arbeitsmarkt niederschlüge: in Gestalt der wachsenden Schwierigkeiten, eine Familie mit einem Einkommen zu ernähren. Für die damit verbundenen Anstrengungen soll das "hen" die Frauen entschädigen, indem es mit den Mitteln der Sprache den tröstlichen Schein der Aufhebung aller Unterschiede von Mann und Frau erzeugt. Die Instanz aber, von der dieser Schein abstrahlt, ist der Staat, der ihn den Individuen verordnet.

Zum Scheitern verurteilt ist das Projekt einer geschlechtsneutralen Sprache wohl ohnehin - wie alle Bemühungen, die Welt an ihrem sprachlichen Ausdruck zu korrigieren. Denn wenn sich "Ausländer" erst in "Migranten" und dann in "Menschen mit Migrationshintergrund" verwandeln, verändert sich ja an deren Situation eher wenig. Und weil das so ist, weil also die Anstrengung, einen sozialen, ökonomischen oder politischen Gegensatz durch eine Sprachregelung aufzulösen, so hilflos ist, nutzen sich die jeweils neuen Ausdrücke bald ab und müssen durch wieder neue Formeln der Anerkennung ersetzt werden. Das gilt auch für "hen".

© SZ vom 15.03.2012/mapo
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