Debatte um den Zölibat:Was, wenn die Zahl der Berufenen dahinschmilzt?

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Die Reformation beseitigte die Zölibatsforderung, durchschaute auch das Problem der kultischen Reinheit. Dabei aber entfiel praktisch die "Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen". Der Gewinn allerdings, den das evangelische Pfarrhaus für die europäische Kultur erbrachte, ist unabschätzbar. Im Katholizismus wurde der Zölibat, wo immer das Trienter Konzil griff, zur Normalität wie nie zuvor im Mittelalter. Und kein Zweifel, der Zölibat hat ganze Priestergenerationen zu höchstmöglichem Einsatz motiviert, hat in Zeiten politischen Terrors, wegen der Unabhängigkeit von Familie, resistenzfähig gemacht. Ein nicht-zölibatärer Klerus wird anders leben.

Der jüngste Appell ist ein Notschrei

Uns, den Modernen, vermag die kultische Reinheit in keiner Weise mehr einzuleuchten. Es waren primär die Sexualstoffe, die längst zur physiologisch-biologischen Gegebenheit geworden sind, jenseits aller religiösen Wertung. Die heutige Zölibatsbegründung geht denn auch wieder auf den erstchristlichen Ansatz zurück: Ehelosigkeit als charismatischer Ruf für Priesterdienst und Seelsorge. Wer indes noch grundsätzlich darauf besteht, Priestertum sei nur zölibatär möglich wie auch die Mundkommunion die einzig mögliche Empfangsform, leugnet die religionsgeschichtliche Revolution Jesu Christi.

Keine andere christliche Großkirche hat die charismatische Berufung zur Ehelosigkeit so kompromisslos mit dem Altardienst verbunden wie die römisch-katholische. Was aber nun, wenn die Zahl solcherart charismatisch Berufener dahinschmilzt und die Seelsorge wegen fehlender Priester Schaden nimmt? Seit dem Zweiten Vatikanum war man sich eigentlich einig: Der Zölibat dient der Seelsorge; sonst sind andere Lösungen zu suchen, etwa viri probati, "erprobte verheiratete Männer", zu Priestern zu weihen. So dachte früher auch Joseph Ratzinger. Der jüngst von katholischen Politikern vorgebrachte Appell ist ein Notschrei. Der derzeitige Priestermangel macht zunichte, was das Zweite Vatikanum in die Mitte gerückt hat: die eucharistische Gemeinde um den Altar.

Wegen der veränderten Lebensverhältnisse, vor allem wegen neuer Einstellungen zu Körperlichkeit und Partnerschaft, kann Sexualität nicht länger abwehrend beurteilt werden. Sie gehört zur eigenpersönlichen Entfaltung. Viele Zölibatäre verspüren das, und nicht wenige, die sich einmal ehrlichen Herzens zum Zölibat entschlossen hatten, haben später anders entschieden und ihr Amt verlassen, in den größeren Diözesen hundert und mehr. Bei flexibleren Lösungen könnten immer noch genügend Priester da sein, dass sich die vielbeklagten Gemeinden-Fusionen erübrigten.

Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen

In der Zölibatsfrage kann die römisch-katholische Großkirche freilich nicht eurozentrisch entscheiden. Die überwiegende Zahl der Katholiken lebt außerhalb Europas. Auch hier hat Sexualität ihre besondere Bedeutung, oft mit einem anderen Bild von Mann, Frau und Kind, auch von Reinheit und Unreinheit. Überdies ist die innerkirchliche Lagerbildung so angespannt, dass Anstöße einzelner Bischöfe nach den Pädophilieskandalen, neu über den Zölibat nachzudenken, sofort wieder verstummt sind. Rom scheint zu dem Disput über die Alte Liturgie nicht noch ein weiteres, viel emotionelleres Diskussionsfeld zulassen zu wollen.

Am Ende kann es nur bei der biblischen Ausgangssituation bleiben. Indem das Neue Testament verheiratete Bischöfe und Diakone bezeugt, ist die kultische Reinheit grundsätzlich abgetan. Die gleichzeitig empfohlene Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist ein charismatisch-persönlicher Rat. Nur die römisch-katholische Kirche hat diesen Rat der Ehelosigkeit kompromisslos auch für den Altardienst eingefordert. Als Kirchengesetz kann der Zölibat nur so lange bestehen, wie er der Kirche nützt. Eben das ist heute fraglich. Wem ist demnach das größere Verantwortungsbewusstsein zu zusprechen, den Kritikern des Pflichtzölibats oder den Verteidigern?

Arnold Angenendt, geboren 1934, lehrte an der Universität Münster Kirchengeschichte und Liturgiewissenschaft. Er ist katholischer Priester.

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