Debatte über Valery Gergiev:Reduktion der Musik in Richtung Technik

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Was bedeutet das nun alles für eine Aufführung und Interpretation seiner Werke - und sei sie technisch noch so furios? Das Argument, Gergiev sei ein herausragender Musiker - was unwidersprochen bleiben soll - und deshalb sei seine private Haltung zweitrangig bis irrelevant, klingt wie eine Verteidigung der Musik, entwertet sie jedoch in Wirklichkeit, reduziert sie in Richtung Technik.

Gerade die interpretatorische Kunst kann man sich kaum ohne Einflüsse des Kontextes und der Rezeption denken. Sie davon losgelöst zu sehen scheint kunsttheoretisch so rückwärtsgewandt wie die Haltungen, für deren Verständnis Gergiev in seinem Brief wirbt.

Gergiev plädiert dort auch für einen Dialog, den die Musik ermöglichen solle. Das ist richtig, nur fragt man sich, zwischen wem und worüber der in der Münchner Philharmonie stattfinden soll. Will Gergiev mittels Musik dem Münchner Publikum die russische Haltung zu Homosexualität und Autorität nahebringen? Oder meint er damit, dass er seine Haltung ändern wird, wenn er erst einmal in der liberalen Umgebung Münchens arbeitet?

Musik als Grundlage für Dialog lässt an einen anderen Dirigenten denken, Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper unter den Linden in Berlin. Barenboim nutzt die Musik - dezidiert politisch - in vielen Projekten, um den Dialog voranzubringen. Zum Beispiel beim West-Eastern Divan Orchestra, in dem junge Musiker aus Israel und arabischen Ländern Konzerte an verschiedenen spannungsreichen Orten geben, unter anderem in Ramallah oder an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea.

Barenboim scheut sich nicht, mit seinen Aktionen bei Regierungen anzuecken. Wenn es Gergiev ernst ist mit dem Dialog, wie könnte der dann aussehen? Vielleicht ein Konzert mit Pussy Riot in der Münchner Philharmonie? Das wäre tatsächlich ein neuer und kühner Dialog - künstlerisch wie politisch.

"Ich bin ein vielbeschäftigter Künstler"

In einer Pressekonferenz im Dezember 2013 in München hatte Gergiev betont, er sei Musiker und kein Politiker, er wolle sich zu dem Anti-Schwulen-Gesetz in seiner Heimat nicht äußern, er kenne dieses Gesetz nicht und verstehe es auch nicht: "Ich bin ein vielbeschäftigter Künstler." Wenn man diese Verteidigung liest, kommt einem ein anderes Zitat in den Sinn: "Was wollen die Menschen von mir? Warum verfolgen sie mich? Weshalb sind sie so hart? Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler!"

Tatsächlich würden sich diese Worte, ersetzte man "gewöhnlicher Schauspieler" durch "ungewöhnlicher Musiker", fast nahtlos in die Äußerungen Gergievs einfügen. Es handelt sich um die Schlussworte aus Klaus Manns Roman "Mephisto", mit denen sich Hendrik Höfgen für sein anbiederndes Verhalten im Nationalsozialismus rechtfertigt.

In der Figur des Hendrik Höfgen war unschwer Gustaf Gründgens zu erkennen, und diese Darstellung führte dazu, dass die Veröffentlichung des Romans, weil sie eine schwere Herabwürdigung der Person Gründgens darstelle, aus Rücksicht auf dessen postmortales Persönlichkeitsrecht in der Bundesrepublik untersagt wurde.

Allerdings geht es hier nicht um den Vergleich politischer Systeme, sondern um zwei Künstler und ihre Haltung zu Politik und Kunst. Valery Gergiev scheint mit seiner Haltung Chefdirigent in München werden zu können.

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