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Debatte über Valery Gergiev:Kann es richtig sein, zu bestrafen statt zu überzeugen?

Es war bekannt geworden, dass er vor sechs Jahren 1000 Dollar für eine Organisation gespendet hatte, die sich erfolgreich für einen Verfassungszusatz zum Verbot von gleichgeschlechtlichen Ehen in Kalifornien eingesetzt hatte. Auch er hatte, wie Gergiev, niemanden persönlich diskriminiert, es ging um die intolerante Haltung, die sich in dieser Spende ausdrückte.

In diesem Zusammenhang entwickelte sich in den USA eine Diskussion darüber, ob es gerechtfertigt sei, jemanden dafür zu "bestrafen", dass er eine andere Meinung vertritt. Die Überschrift eines Aufrufs von 58 bekannten Unterstützern der gleichgeschlechtlichen Ehe, die sich kritisch mit dem erzwungenen Rücktritt von Eich auseinander setzten, lautete: Freiheit zu heiraten, Freiheit anderer Meinung zu sein - Warum wir beides haben müssen.

Fortschritt, so die Argumentation, kann es nur in einer offenen Gesellschaft geben. Deren Werte aber würden verletzt, wenn die Verfechter einer fortschrittlichen Haltung, sobald sich diese durchgesetzt hat, Andersdenkende bestrafen statt überzeugen.

Die Eich-Verteidiger beziehen sich auf den spiegelbildlichen Fall von Franklin Kameny, der 1957 seinen Job verloren hatte. Denn er war homosexuell. Man dürfe nun nicht genauso, wenn auch mit anderen Vorzeichen, agieren.

Die Gegenseite verweist unter anderem darauf, dass man schließlich auch nicht rassistische Haltungen mit Meinungsfreiheit verteidigen könne. Und beide Seiten berufen sich darauf, dass gerade eine Organisation wie Mozilla aus dem Open-Source-Bereich, dem Bereich der freien Software, die Freiheit hoch halten müsse. Die einen stellen die Freiheit der Lebensformen in den Vordergrund, die anderen die Meinungsfreiheit.

Ist Musik wirklich so unpolitisch?

Bei Valery Gergiev kommt jedoch noch eine weitere Dimension ins Spiel. Bei seinem Konzert im Dezember letzten Jahres standen Demonstranten vor dem Gasteig. Soweit keine Überraschung, das war auch schon in London und New York so. Aber sie intonierten den Gefangenenchor aus Verdis Oper "Nabucco" - und wiesen somit auf eine bislang wenig diskutierte Frage hin: Ist Musik wirklich so unpolitisch und lassen sich Kunst und Politik tatsächlich in dem Maße trennen, wie es sich Gergiev wünscht?

Der Gefangenenchor dient dafür als Beispiel. In ihm besingen die hebräischen Sklaven ihre Sehnsucht nach Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft. Übertragen wurde er zur inoffiziellen Hymne des Kampfes der Italiener um ein geeintes Italien.

Was geschähe nun, kann man sich fragen, in den Köpfen der Zuhörer, wenn Gergiev den Gefangenenchor dirigiert? Und auch in denen der Orchestermusiker? Welchen Einfluss hat es generell auf Aufführungen und ihre Rezeption, wenn der Dirigent eine, vorsichtig ausgedrückt, zurückhaltende Einstellung zur Freiheit hat?

Oder Tschaikowsky: Der russische Komponist wurde wegen seiner Homosexualität angefeindet. Bei einer Pressekonferenz war diese Tatsache Gergiev entgegengehalten worden, als dieser das russische Homosexuellengesetz mit den Worten verteidigte, man solle Kinder nicht mit "nichttraditionellen Lebensformen" behelligen, sondern eher über Mozart sprechen.

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