US-Politologe über Identität Wer sein Land verändern will, muss sich mit ihm identifizieren

Christopher Street Day - ist die große Beachtung von Identitätsfragen ein Erfolg linken Engagements? Oder eine Schwäche?

(Foto: Robert Haas)

Der US-Politologe Mark Lilla sieht die Schwäche der Linken darin, dass sie jedes Nationalgefühl als Rassismus stigmatisiert. Statt Snobismus fordert er konkrete Politik.

Interview von Max Tholl

Der amerikanische Politologe und Professor für Geisteswissenschaften an der New Yorker Columbia University Mark Lilla bezeichnet sich selbst als Liberalen. Gleichzeitig ist er einer der schärfsten Kritiker linker und progressiver Politik. Mit seinem Buch "The Shipwrecked Mind. A History of Political Reaction" wurde er kurz nach dem Wahlsieg Donald Trumps zu einer der stärksten Stimmen im politischen Diskurs der USA.

SZ: Für Ihre Thesen zur Identitätspolitik wurden Sie von vielen Linken scharf kritisiert, auch in Deutschland. Können Sie die Kritik nachempfinden?

Mark Lilla: Die NS-Vergangenheit in Deutschland macht es schwer, dieses Thema dort unaufgeregt zu diskutieren. Darum vermittelt die Linke auch den Eindruck, die Identitäten aller Gruppen anerkennen zu wollen, außer die der Deutschen. Zumindest stellt es die AfD so dar. Unter vielen deutschen Linken ist es ja üblich, sich aufgrund der NS-Vergangenheit nicht mit Deutschland identifizieren zu wollen, aber so geraten sie in Widerspruch mit sich selbst. Denn der einzige Weg, Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen, ist die Identifikation mit der Geschichte ihres Landes. Wenn Deutschsein nur eine wählbare Option ist, dann wird niemand Verantwortung für das Vergangene tragen wollen. Die Linke hat diesen Reflex, Nationalgefühl als Rassismus zu stigmatisieren, und begreift nicht, dass nationale Zugehörigkeit eine Notwendigkeit für die Demokratie und die historische Verantwortung ist.

Nationalgefühl kann aber auch schaden, vor allem, wenn Rechtspopulisten es für sich beanspruchen.

Die Rechten wollen die Verbrechen der Vergangenheit kleinreden und ignorieren, und das darf die Linke nicht zulassen. Gleichzeitig muss sie begreifen, dass man in eine Nation hineingeboren wird und sich mit ihr identifizieren muss, um sie vor falschem Patriotismus zu schützen und sie zum Besseren zu verändern. Eine große und demokratische Nation braucht Identifikation, ich kann daran nichts Falsches erkennen.

Man wird aber auch mit einer gewissen Hautfarbe, einem Geschlecht oder einer sexuellen Orientierung geboren, die nicht immer im Einklang mit dem vorherrschenden Nationalgefühl sind. Gerade im gegenwärtigen Amerika.

Die Politik und ihre Institutionen sind der einzige Weg, daran etwas zu ändern. Wer sich nicht mit seinem Land identifiziert, hat keine Chance, Veränderungen zu bewirken. Und Identifikation mit der Gesellschaft, in der man lebt, und dem eigenen Geschlecht schließen sich nicht gegenseitig aus. Man kann sich mit beliebig vielen Dingen identifizieren, ich sehe da keine Konflikte. Was mich beunruhigt, ist die Tatsache, dass viele linksorientierte Amerikaner sich nur noch mit subpolitischen Randgruppierungen identifizieren und nicht mehr mit der Republik, die sie benötigen, um ihre Ziele umzusetzen.

Sie haben vor kurzem beklagt, dass liberal mittlerweile als Schimpfwort in den USA aufgenommen wird und zwei Drittel der Bevölkerung für gesellschaftsliberale Ideen nicht mehr empfänglich sind.

Ich glaube, dass noch viele Bürger für liberale und damit linke Ideen empfänglich sind, es wird nur nicht mehr versucht, sie zu überzeugen.

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Ist das ein Versäumnis der Linken, oder haben die Rechten die Bevölkerung zu sehr vereinnahmt?

Beides. Rechts wird das Vakuum gefüllt, das links geschaffen wurde. Menschen sehnen sich nach einem Nationalgefühl, sie wollen stolz sein auf ihr Land. Ohne dieses Gefühl der Zugehörigkeit gibt es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Minoritäten in unserer Gesellschaft, die mehr Rechte für sich beanspruchen, müssen die Mehrheitsgesellschaft dazu bringen, sich mit ihnen zu identifizieren. Dazu braucht es eine gemeinsame Identifikationsgrundlage, damit aus Randgruppen Mitbürger werden. Die amerikanische Geschichte ist geprägt von Kämpfen nach gleichberechtigter Staatsbürgerschaft, weil diese der Weg zur Emanzipation ist. Die Linke muss das endlich begreifen, ansonsten ist sie impotent. Aber die Linke liebt es, machtlos zu sein. Linker Widerstand muss scheitern, um das eigene Dasein zu rechtfertigen. Er romantisiert die edle Niederlage. Das ist alles nur Selbsttäuschung, damit man sich weiterhin alternativ fühlen kann, wenn man in besetzten Häusern haust und Farbeimer an die Wand schmeißt.

Mark Lilla

Mark Lilla ist Politologe und Professor für Geisteswissenschaften an der Columbia University in New York. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt "Der Glanz der Vergangenheit: Über den Geist der Reaktion" (NZZ Libro).

Bei einer Bewegung wie Black Lives Matter geht es aber doch um viel mehr. Um die eigene Sicherheit oder sogar das eigene Leben.

Lassen Sie uns nicht übertreiben. Auf amerikanischen Straßen wird nicht mehr ums Überleben gekämpft. Es stimmt, dass Afroamerikaner öfter Opfer von Polizeigewalt werden und das auch tödlich enden kann, aber diese ganze Ta-Nehisi-Coates-Idee, dass wir einen Rassenkrieg auf offener Straße erleben, ist kompletter Quatsch. Was passiert, ist, dass Afroamerikaner in Nachbarschaften leben, in denen Kriminalität und Armut hoch und staatliche Infrastrukturen und Jobs quasi nicht existent sind. Das ist das wahre Verbrechen, darum sollte es gehen.