Debatte Erbe kaputt

„Das hailig römisch reich mit sampt seinen gelidern“ (1510): Der Doppeladler symbolisiert das weltliche, das Kreuz Christi das kirchliche Imperium. Abb.: oh

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Deutsche Geschichte - was heißt das genau jetzt und heute? Andreas Fahrmeir hat auf knappstem Raum eine Gesamtdarstellung gewagt. Pathosfrei vergegenwärtigt er eine Entwicklung ohne Ziel, ohne Telos.

Von Johan Schloemann

Dieses Land, hören wir, soll so bewahrt werden, "wie wir es von unseren Vätern ererbt haben". Mit Recht wird gegen diesen Spruch eingewendet, dass die Generationen der Eltern und Großeltern derjenigen, die so reden, ja nicht gerade behutsam mit dem Anvertrauten umgegangen sind. Sie haben Adolf Hitler und den Holocaust nicht aufgehalten, sondern an einem Vernichtungskrieg mitgewirkt, der auch das eigene schöne Land in Schutt und Asche gelegt hat. Erbe kaputt.

Trotzdem wäre es gefährlich, den Verweis auf ein nationales Erbe einfach als ewiggestrig abzuwinken. Damit täte man neurechten und identitären Ideologen einen sehr großen Gefallen. Sie arbeiten nämlich in ihren Programmen, Magazinen, Aktionen und Büchern daran, das angeblich ganz herausfallende "dunkle Kapitel" auszuklammern und den Rest der Geschichte in ihrem Sinne zu usurpieren. Das reicht von der Feier siegreicher Schlachten gegen die Osmanen bis zum Unschuldkult bezüglich zweier Weltkriege. Und sie versuchen dabei eine doppelte Wehrlosigkeit auszunutzen: Zum einen dürfte den meisten Rechtspopulisten-Wählern die Geschichte in ihren Einzelheiten ziemlich schnuppe sein; zum anderen zeigt die liberale Mehrheitsgesellschaft im Moment auch keine größere Leidenschaft mehr für historische Kenntnisse und Prägungen. Bleibt bei vielen nur ein diffuses Gefühl, dass Identität, was immer das ist, sich nicht nur aus der unmittelbaren Gegenwart speist, sondern auch aus dem, was man vorfindet und in das ja auch irgendwie "integriert" werden soll.

Das ist Grund genug, nach der Bundestagswahl und zum Tag der Deutschen Einheit mal nachzuschauen, was das vom Anfang bis jetzt eigentlich sein könnte, die deutsche Geschichte; was also gleichsam ihre orthodoxe Deutung, ihre Standardversion, ihre Quintessenz auf dem jüngsten Stand der Forschung ist. Und da kann man sich jetzt passenderweise an den Historiker Andreas Fahrmeir halten, der es gewagt hat, eine "Deutsche Geschichte" auf nur 120 Seiten zu schreiben. Sie ist soeben in der Reihe C.H. Beck Wissen herausgekommen. Und wenn man weiß, dass in jener Serie auch schon viele historische Einzelepochen in derselben Länge erklärt werden - vom Investiturstreit bis zur RAF -, dann will man auch wissen, wie denn so ein Kondensat aus zwei Jahrtausenden zum Preis von 9,95 Euro überhaupt funktionieren kann. In Zeiten übrigens, in denen historische Monografien sonst immer dicker werden. Fahrmeir, Jahrgang 1969, ist als Nachfolger von Lothar Gall seit gut zehn Jahren Professor für Neuere Geschichte in Frankfurt am Main und einer der führenden, einflussreichen Köpfe seines Fachs.

Hier wird kein "Sonderweg" nachgezeichnet, aber auch kein mühsamer Umweg nach "Westen"

Sagen wir es gleich: Die neue Rechte kann an so einem Büchlein definitiv keinen Spaß haben. Denn diese deutsche Geschichte hat endgültig kein Ziel, kein Telos mehr, weder ein negatives noch ein positives. Weder lief sie notwendig seit Jahrhunderten von Militarismus, Obrigkeitsdenken und Intoleranz auf den Nationalsozialismus und die Ermordung der Juden hinaus - was aus den großen, wichtigen Forschungen zum deutschen "Sonderweg" in der Nachkriegszeit immer wieder gefolgert wurde -, noch war sie ein langer, mühsamer Umweg zum letztlich unvermeidlichen "normativen Projekt" des Westens (Heinrich August Winkler). Solche Narrative, notiert Andreas Fahrmeir kühl, "ergeben sich vor allem aus der Zeit ihrer Entstehung".

Stattdessen erzählt der Historiker maximal nüchtern von diesem lange Zeit schwer abgrenzbaren Gemisch aus Stämmen, Konfessionen, Dialekten, Regionen, Städten und Staaten, das anfangs nur im Süden und Westen mit der römischen Zivilisation in Berührung kam (also mit guten Straßen, Geld und warmen Bädern) und aus dem sich spät und nicht ohne Gewalt dann doch ein einheitliches Deutschland formen ließ. Der macht-, sozial- und wirtschaftshistorische Blick des Autors ist dabei scharf, aber doch einer aus der Vogelperspektive; im Überflug über das Mittelalter zum Beispiel ist kein Raum für ein prägnantes Herrscherporträt auf ein paar Zeilen oder ein noch so klitzekleines Drama. Der unendlich verehrte römisch-deutsche Stauferkaiser Friedrich II., der Sizilien und noch vieles mehr erblühen ließ, verschwindet etwa in dieser nachrichtlichen Zeile: "Einige Herrscher entwickelten darüber hinaus in Italien erhebliche Interessen."

Ebenso pathosfrei ziehen verschiedene Schlüsselmomente vorüber: die Reformation (Einstiegssatz: "Im 16. Jahrhundert endete die konfessionelle Homogenität des Reichs"), der Dreißigjährige Krieg, Napoleon, die Paulskirche, die Figur Bismarcks oder auch die geistige Lage der frühen Bundesrepublik. Stilistisch regiert der Nominalstil - auch etwas sehr Deutsches, das allerdings den Eindruck der Unbestechlichkeit des Historikers verstärkt und wohl auch Platz spart.

Die Modernität des Kaiserreichs wird vor lauter Pickelhauben gern übersehen

Wach und nützlich ist die neue "Deutsche Geschichte", weil Andreas Fahrmeir Akzente der jüngeren Forschung ohne viel Aufhebens eingefügt hat: Das Alte Reich war ein "kulturell pluralistisches Gebilde". Der Deutsche Bund (vom Wiener Kongress 1815 bis zu den Einheitskriegen von 1866 an) stand in einer interessanten Spannung zwischen wirtschaftlicher Innovation und politischer Reaktion - ein Spezialthema von Fahrmeir. Das Kaiserreich war voller Modernität, was man vor lauter adeligem und höfischem Gehabe, Pickelhauben und Imperialismus leicht übersieht. Und beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs handelten die deutschen Eliten, meint Fahrmeir im Anschluss an Christopher Clark, "kaum verantwortungsloser als ihre Pendants" in den anderen Hauptstädten. Ganz am Ende steht der Hinweis, dass Nationalhistoriker heute die europäische und globale Verflechtung immer mit einarbeiten - und dass noch offen sei, was der Brexit für Deutschland bedeute.

In den Abschnitten über Weimar und NS-Zeit liest man manche Sätze in diesen Tagen besonders aufmerksam: "Allerdings förderten der wirtschaftliche Aufschwung und die kulturelle Pluralität indirekt die rechte Kritik an der Weimarer Republik." Die Rechte arbeitete "durch professionelle Medienarbeit an der Delegitimierung einer von ihr grundsätzlich abgelehnten Republik". Und zur frühen NSDAP heißt es: "Der politische Kurs der Partei war nicht nur vage, sondern auch intern umstritten, wobei persönliche mit ideologischen Rivalitäten zusammenfielen." Die Unterschiede werden aber auch klar - heute wollen ja nicht fast alle Parteien einen Friedensvertrag wie den von Versailles aufheben, Rassenbiologie und Antisemitismus sind nicht breit akzeptiert, Demokratie und Rechtsstaat nicht in existenzieller Gefahr, und das Gewaltmonopol des Staates hält der politischen Straßengewalt bisher dann doch noch stand.

Die große Abkühlung in der Beschreibung macht Andreas Fahrmeirs postideologische "Deutsche Geschichte" souverän, aber oft auch geschäftsmäßig und trocken. Die analytische Distanz ist sehr wohltuend, wenn man von rhetorischer Verschärfung umgeben ist, Revisionisten finden hier kein Gramm Futter. Der Preis dafür ist jedoch, dass auch aller positiver Anschluss an die Vergangenheit erschwert ist. Sicher ist es billig, bei einem so knapp zusammengeschnurrten Riesenthema Lücken zu monieren, aber es ist schon auffällig: Vom Schwung des Vormärzes oder von späteren Erfolgen der Emanzipation etwa spürt man eigentlich gar nichts; in dieser deutschen Geschichte ist außerdem kein Dürer, kein Melanchthon weit und breit, keine Weimarer Klassik (nur "ein besonders lebendiges intellektuelles Klima" im 18. Jahrhundert), kein Kant, kein Hegel, kein Marx oder Heine, kein Nietzsche, kein Thomas Mann. Also kein Fitzel von dem, was etwa Dieter Borchmeyer auf 1000 Seiten "Was ist deutsch?" beackert.

Allerdings ist sich Andreas Fahrmeir der Identifikationssehnsüchte durchaus bewusst - das beweist sein parallel ebenfalls jetzt gerade veröffentlichtes Buch "Die Deutschen und ihre Nation" (Reclam, 214 Seiten, 20 Euro). Da liefert er den ideengeschichtlichen Hintergrund für die Frage: Guter oder schlechter Nationalismus?, sowie für die unzähligen Debatten der Historiker über die Bewertung verschiedener Traditionen und Kausalitäten in der deutschen Geschichte, die immer auch mit Sorgen und Hoffnungen der Gegenwart zu tun hatten und haben.

Im nationalen Rahmen, den man in den letzten Jahrzehnten so gerne für fiktiv und erledigt erklärt hat, entwickelte sich Destruktives ebenso wie Demokratie und Sozialstaat. Das Bild von Deutschland ist heute im Ausland, aber auch innen - trotz AfD - immer noch günstiger als lange zuvor. Besser jedenfalls als das der EU. Andreas Fahrmeir schreibt: "Vor wenigen Jahren hätte dieses Buch mit Erwägungen über den Übergang zu einer europäischen Nationalität geschlossen." Aber man schaut nach Schottland, Ungarn oder Katalonien und stellt fest: "In den letzten Jahren mehren sich jedoch Zweifel am Anbruch einer postnationalen Epoche." Und wenn das so ist, dann sollten wir uns gerade jetzt die deutsche Geschichte von Herrn Gauland und Herrn Höcke wieder zurückholen.