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Debatte:Der Rock ist also zu "girly" geworden?

Die Art, wie Sister Rosetta Tharpe schon in den späten Dreißigerjahren ihre elektrische Gitarre anschlug und ihre Soli verzerrte, brachte Elvis Presley ins Schwärmen.

(Foto: AP)

Bono, der Sänger der Band U2, findet das - und ignoriert dabei, dass Frauen die Gitarrenmusik schon immer entscheidend mitgeprägt haben.

Wie männlich ist die Rockmusik? Die Frage hat eigentlich einen langen Bart, aber Paul David Hewson alias Bono, der Sänger der Band U2, der seit den Paradise Papers auch als kreativer Steuervermeider bekannt ist, hat mit ihr für den Aufreger des Jahreswechsels gesorgt. Er sagte in einem Interview mit dem amerikanischen Rolling Stone nämlich, Popmusik sei heute "very girly", also: sehr mädchenhaft. Das habe auch etwas Gutes, aber trotzdem sorge er, also Bono, sich um die jungen Männer, die heute gar nicht mehr wüssten, wohin mit ihrer jungen männlichen Wut. Der einzige Ort für junge Männerwut im Pop sei heute Hip-Hop, aber dem fehlten, so Bono, die Gitarren, und das sei "not good".

Die Statistik hat Bono auf seiner Seite: 2017 war das Jahr, in dem Hip-Hop in den USA Rock zum ersten Mal als meistgehörten Musikstil ablöste. Eigentlich hätte man sich also darüber aufregen müssen, dass hier ein alternder Rockstar, der mit dem Bedeutungsverlust seiner Musik anscheinend nicht gut klarkommt, dem Hip-Hop pauschal zuschreibt, wütend zu sein, ihm andererseits aber pauschal abspricht, diese Wut adäquat auszudrücken. Zerpflückt wurde übers Wochenende - im Guardian, bei Salon und in vielen Musikblogs - aber eben die Formulierung, Pop sei "too girly". Zu Recht, denn in den Zeiten von #MeToo blickt man kritisch auf unnötige Stereotypisierungen von Weiblichkeit und Glorifizierungen von Männlichkeit.

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Bonos simple Rechnung lautet anscheinend: Gitarrenvirtuosität gleich Männersache gleich Prädikat besonders wertvoll. Oder andersrum: Gitarrenmangel gleich Weiberkram gleich minderwertige Musik. Solch ein assoziativer Kurzschluss kann nur daher kommen, dass männliche Rock'n'Roller es mit ihrem ausdauernden Gitarren-Gegniedel und breitbeinigen Gepose geschafft haben, jegliche Erinnerung daran auszulöschen, dass der frühe Rock'n'Roll auch von Frauen geprägt war.

Videos von ihren Auftritten beweisen: Die Frau war ein Ereignis

Im neuen Jahr könnte damit allerdings Schluss sein, denn das Komitee der immer mal umstrittenen, letztlich aber einflussreichen "Rock and Roll Hall of Fame" in Cleveland, Ohio, hat angekündigt, im April 2018 endlich Sister Rosetta Tharpe aufzunehmen. Die Musikerin habe es mit ihrer "kraftvollen Art, ihre Gibson-Gitarre zu spielen, mit den besten ihrer männlichen Zeitgenossen aufnehmen können", so die Begründung. Die Sängerin und Gitarristin wurde 1915 in Cotton Plant, Arkansas, als Rosetta Nubin geboren und wird ihren Platz nun bei den "Early Influences", also den frühen Einflüssen, bekommen.

Sister Rosetta Tharpe war eigentlich Gospel- und Blues-Sängerin, aber die Art, wie sie schon in den späten Dreißigerjahren ihre elektrische Gitarre anschlug und ihre Soli verzerrte, brachte später Elvis Presley ins Schwärmen. Johnny Cash und Little Richard erklärten sie zu ihrer Lieblingssängerin, auch Bob Dylan verliert hin und wieder lobende Worte über sie. Videos von ihren Auftritten, zu sehen auf Youtube, beweisen: Die Frau war ein Ereignis. Nur passte sie mit ihren damenhaften Mänteln und hochgesteckten Haaren wohl nicht recht ins Bild vom wilden Supermachoverein namens Rock'n'Roll.

Ob Bono von Sister Rosetta Tharpe, die 1973 starb und heute die Mär von der rein männlichen DNA des Rock'n'Roll entlarvt, schon mal gehört hat, geht aus dem Rolling-Stone-Interview nicht hervor. Allerdings sagt er darin auch, dass es seine Aufgabe als Chef einer Rockband sei, hin und wieder Dinge kundzutun, "nur damit die Leute sich aufregen". Vielleicht findet Bono das ja irgendwie männlich.

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