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Debatte:Bocksgesang, Unschuldslamm

Michael Kleeberg

Der Autor Michael Kleeberg.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Bei seinen Frankfurter Poetikvorlesungen erregt Michael Kleeberg Unmut mit Passagen über den Islam.

Von Volker Breidecker

"Bei Gott, ich bin ein Thema", bekennt der Held von Michael Kleebergs Roman "Der König von Portugal" (2001). Jetzt ist Kleeberg, der die traditionsreiche Frankfurter Poetikgastdozentur bekleidet, selbst zum Thema geworden - nicht aufgrund respektabler Ausführungen über die Arbeit am neuen Roman, einer Fortschreibung von Goethes "West-östlichem Diwan" in die von Krieg, Terror und Massenflucht gezeichnete Gegenwart. Nein, einzig deshalb, weil er in der dritten Vorlesung den Mund zu voll genommen und Irritationen und Kritik ausgelöst hat.

Was war geschehen? Kleeberg, der Jahre unterwegs im Orient und Okzident war, hatte sich im Kapitel "Leben und Lesen" rhetorisch mit geradezu schicksalshaft-tragischer Geste in einen "Staatsbürger Michael Kleeberg" und einen "Künstler Michael Kleeberg" aufgespalten: "Ein Riss" gehe durch ihn hindurch, seitdem in seinen Schreiballtag regelmäßig die Gegenwart einbreche. Da fiel das Stichwort "Islam": "Den Islam", räumte Kleeberg ein, gebe es nicht, was ihn dennoch nicht hinderte, vom Islam und von Muslimen schlechthin zu sprechen. Zwar sollten sich Schriftsteller, sagte er, lauthals vorgetragener politischer Meinung besser enthalten, aber auch diese Weisheit konnte Kleeberg nicht davon abhalten, in just diese Trompete zu blasen und auf der begleitenden Pauke zum Rundumschlag auszuholen.

Es folgten Töne, wie sie so sonst nur aus dem pseudointellektuellen Umfeld der AfD und auf Schulungsseminaren des Ritterguts Schnellroda, im Braintrust der "Identitären Bewegung", zu hören sind. Die Rede war von einer "deutschen Neurose", die seit den Tagen von Joschka Fischer in der "ausschließlichen historischen Fixierung der deutschen Geschichte auf Auschwitz" und im Wunsch nach "Entschuldung" bestünde: "In der irrsinnigen Hoffnung, dass sich das 'Nazigen' der Deutschen irgendwann in einem großen 'Multikulti-Genpool' vollständig aufgelöst haben" werde, habe "die deutsche Regierung" zuletzt "die Grenzen für eine unkontrollierte Einwanderung von Hunderttausenden und im Laufe der nächsten Jahre Millionen Muslimen geöffnet" - ein "Spiel mit dem Feuer", gleichsam wie auf einer "das ganze Land umfassenden Aufführung von Max Frischs 'Biedermann und die Brandstifter'".

So sprach Bürger Kleeberg, bis er sich wieder in den Künstler gleichen Namens zurückverwandelte, um eine bekannte Erlösungsmelodie zu trällern. Gottlob habe der Künstler es nicht mit "Massenphänomenen", sondern mit einzelnen Menschen zu tun, die des Mitgefühls und der Versöhnung bedürftig seien - darunter gewiss auch Muselmane einer anderen, der wahren, schönen und guten Sorte. Ende der Vorstellung. Applaus.

Zu Beginn der nächsten Vorlesung sahen sich die universitären Veranstalter zu einer Stellungnahme veranlasst. Kritisiert wurde Kleebergs Sprachgebrauch, vorgetragen wurde die zurückhaltend formulierte Distanzierung von der Germanistin Susanne Komfort-Hein. Im Gegenzug holte Kleeberg zur Selbstdeutung aus, gab sich als Orient- und Islamexperte, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen über seine fatale, in die Bockshörner des Salonrechtsradikalismus blasende Rhetorik zu verlieren. Dieselbe Strategie verfolgte Kleeberg in einem Gespräch mit der FAZ vom Mittwoch, in dem er als verfolgtes Unschuldslamm auftrat.

© SZ vom 06.07.2017

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