Deutsch-türkische Beziehungen:Elitenemigration in die Türkei

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Arnold Reismans großartige Studie "Turkey's Modernization - Refugees from Nazism and Atatürk's Vision" aus dem Jahr 2006 erzählt die Geschichte dieser Elitenemigration, die ein kleines Who is Who der deutschen Moderne umfasst, mit Namen wie Erich Auerbach, Bruno Taut, Paul Hindemith, Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow, Leo Spitzer, Ernst Engelberg und vielen, vielen anderen. Sie wurden anständig dotiert, lernten Türkisch, bauten, komponierten; vor allem schrieben sie dem jungen Nationalstaat moderne wissenschaftliche Bücher. Erich Auerbachs Jahrhundertklassiker zur europäischen Literatur "Mimesis" wäre ohne die Herausforderung der fremden Umgebung nicht zustande gekommen. Das türkische Universitätswesen ist ohne den Beitrag der deutschen Emigration nicht denkbar.

Von wegen türkische Bildungsferne

Die lange Reihe der deutschen Emigration (sie umfasst etwa tausend Namen) kann man gut neben eine verdienstvolle Zusammenstellung in der deutschsprachigen Wikipedia legen, die im Eintrag "Liste deutsch-türkischer Schriftsteller" vorliegt. Etwa 250 Autoren, Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler und Drehbuchschreiber sind darin enthalten, in alphabetischer Folge zwischen Ateş, Seyran (Sachbuchautorin) bis Zaimoglu, Feridun (Romancier). Diese Liste straft alle kulturalistischen Fehlurteile von "konservativen Sozialdemokraten" (Sloterdijk) wie Thilo Sarrazin und Hans-Ulrich Wehler zur türkischen Bildungsferne Lügen. Die deutsch-türkische oder türkisch-deutsche Literatur hat in den westeuropäischen Ländern ihre Pendants in den postkolonialen Literaturen wie der französisch-maghrebinischen oder der britisch-indischen, mit dem Unterschied, dass Deutschland in der Türkei eben keine Kolonialmacht war.

Wer bedenkt, wie glanz- und lieblos die erste Generation der türkischen Arbeitsmigranten seit dem Beginn der Sechzigerjahre in Westdeutschland behandelt wurde, wird die in einer solchen Zusammenstellung sichtbar werdende Aufstiegsgeschichte mit erfreutem Respekt zur Kenntnis nehmen. Als 1961 die ersten "Gastarbeiter" ins Land gerufen wurden, war nur wenig von Integration die Rede - der Fremde ist bekanntlich "der Gast, der bleibt" (Georg Simmel), und diese Gäste sollten gar nicht bleiben. Also kamen sie im gesellschaftlichen Diskurs zunächst kaum vor, bestenfalls im Paket mit anderen Südländern. Dass vielfach ungelernte Arbeiter aus armen ländlichen Regionen für harte körperliche Tätigkeiten angeworben wurden, schuf eine Ausgangslage, die einer kulturellen Integration denkbar ungünstig war.

Längst gibt es einen erfolgreichen deutsch-türkischen Mittelstand

Inzwischen gibt es fast drei Millionen türkischstämmige Einwohner in Deutschland, von denen knapp die Hälfte die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Über Bildungsdefizite und die hohe Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe wird seit Jahren laut debattiert, am sachkundigsten von den türkischstämmigen Intellektuellen. Die Probleme haben mit der sozialen Herkunft der ersten türkischen Einwanderergeneration zu tun, aber auch damit, dass sie dann die Hauptverlierer des Abbaus der klassischen Industrie in Deutschland wurden.

Dabei gibt es längst einen türkisch-deutschen Mittelstand in Deutschland, der sich beispielsweise in Kreuzberg und Neukölln in unzähligen Geschäften und Handwerksbetrieben zeigt. Dieser Mittelstand reagiert auf die Kriminalität am Kottbusser Tor oder den Drogenhandel im Görlitzer Park (um bei Berliner Beispielen zu bleiben) genauso allergisch wie die Biodeutschen. Berüchtigte "Problemkieze" wie die Wrangelstraße in Kreuzberg sind inzwischen Gewinner der Gentrifizierung, denn die attraktiven türkischen Läden nehmen an der Verbürgerlichung und Internationalisierung der Umgebung teil. Als jüngst dort ein türkischer Gemüsehändler (übrigens von einem Investor mit griechischem Nachnamen) gekündigt wurde, nannte sich die dagegen gerichtete Initiative "Bizim Kiez", "unser Kiez".

Es gibt also - jenseits von NSU, Sarrazin-Debatte, Böhmermann und Erdoğan - eine deutsch-türkische Geschichte von säkularem Ausmaß und eine zivilgesellschaftlich-kulturelle Realität, deren Vielschichtigkeit und schiere Interessantheit oft nicht gegenwärtig sind. Diese Lieblosigkeit ist kaum zu begreifen, denn sie schwächt die Gesellschaft insgesamt. Vielleicht bekommt Deutschland irgendwann einmal einen Außenminister mit türkischem Nachnamen - das wäre ein Zeichen der Stärke gegen ein orientalisches Machotum, das auch viele türkische Deutsche schwer erträglich finden.

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