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Debatte:Schützt der Baum vor dem Grauen der NS-Geschichte?

So kann man sich das Haus der Kunst auch vorstellen: baumlos.

(Foto: Abb.: TU München)

In der Debatte um das Münchner Haus der Kunst eskaliert der Konflikt zwischen Natur und Architektur.

Von Gerhard Matzig

Sepp Dürr, der eigentlich Dr. Josef Dürr heißt, ist ein bayerischer Landtagsabgeordneter der Grünen. Mit sympathischem Hang zu amokhafter Rhetorik. So schätzt man ihn. Was sich aber bisweilen nach Filserbriefhaftigkeit rund um die Provinz München anhört, ist nun auch überregional bemerkenswert.

Dürr hat im Streit um das Haus der Kunst in München, gelegen zwischen Englischem Garten und Prinzregentenstraße, soeben eine nahezu literarische Position bezogen. Sie ist geeignet, den komplexen Konflikt gleichzeitig zu versimpeln und zu erhellen. Am Mittwoch donnerte Dürr im Landtag (SZ vom 26. Januar): "Ja wie? Da steh ich dann und schau direkt den Nazi an. Und der schaut mich an."

Besser lässt sich das Thema nicht auf den Punkt bringen, denn zwischen dem Nazi und der Welt hat nach dem Krieg der liebe Gott in Gestalt des Gartenbauamtes das wachsen lassen, was der Urbanismus in verräterischer Weise als "Abstandsgrün" bezeichnet. Geworden ist daraus in München eine mittlerweile bald 200 Meter lange Baumreihe, die für Abstand sorgt. Und zwar in jeder Hinsicht - historisch, politisch, gesellschaftlich, architektonisch.

Zur Erinnerung: Das Haus der Kunst, ein 1937 von Adolf Hitler eröffneter und von Paul Ludwig Troost entworfener, pseudoklassizistischer, im Grunde tro(o)stlos-banaler NS-Monumentalbau, der nicht nur der deutschen Kunst, sondern auch der dumpfnationalen Erbauung geweiht war, muss saniert werden. Deshalb hat der britische Architekt David Chipperfield einen Entwurf angefertigt, den man als "kritische" Rekonstruktion begreifen kann. Er schlägt unter anderem vor, die Baumreihe zur Prinzregentenstraße hin zu entsorgen. Die Bäume verschleiern, Chipperfield zufolge, die Geschichte. Und - wenn nicht vor allem: die Architektur. Genau deshalb aber, weil die "Trees of Shame", die Bäume der Schande, gefällt werden könnten, wehrt sich Sepp Dürr so heftig dagegen. Ohne Baumschleier schaut uns, Dürr zufolge, nicht nur das Haus, sondern gleich der ganze verdammte Nationalsozialismus an.

Deutschland versiegelt sich zu Tode

Dieses Argument, man mag es teilen oder auch nicht, ist auch deshalb so bemerkenswert, weil hier durch den NS-Aspekt etwas zugespitzt wird, das auch anderswo die stadträumlichen Debatten konfliktträchtig macht. Der Kampf in München gilt nämlich nicht nur dem NS-Terror in Form seiner architektonischen Hinterlassenschaften, sondern der Kampf ist ein Kampf vornehmlich zwischen Grün und Grau. Zwischen Natur und Architektur.

Das ist es auch, was der Diskussion um das Haus der Kunst zu dieser verblüffenden Öffentlichkeit verhilft. Mag Chipperfield auch noch so oft (naiv) klagen, dass es in der Sache doch "nicht um Bäume", sondern um "ein Gebäude" gehe: Gerade der Konflikt zwischen beiden Sphären ist das, was die Öffentlichkeit bewegt. Das mag abseits der politisch wie akademisch so viel brisanteren Denkmalproblematik simplifizierend sein - verständlich ist es aber.

Es ist wie ein Fluch, der uns nicht aus der NS-Ära, sondern aus dem Jahr 1968 heimsucht. Damals sang eine gewisse Alexandra aus Tellingstedt einen Refrain, der gewissermaßen die Urbanismusdebatte der Stunde vertont: "Mein Freund der Baum ist tot / Er fiel im frühen Morgenrot . . ."

Um hier abzukürzen: Von Alexandra über die Gründung erster grüner Landesverbände bis zur aktuellen Diskussion um das gesundheitsschädliche Potenzial der großen, verkehrlich belasteten Feinstaub-Innenstädte hat sich immer mehr gesellschaftlicher Sinn, ja eine regelrechte Sehnsucht für den Gegenpart verstädterter Kultur herausgebildet. Und das ist eben "die" Natur. Bäume werden dazugerechnet.

Deshalb gab und gibt es großen S-21-Stress im Stuttgarter Stadtpark, wo im Zweifel immer noch ein paar Baumschützer in den winterlichen Kronen etwaig zu fällender Bäume campieren. Deshalb hat man in München von vorneherein auf einen an sich idealen Standort für ein neues Konzerthaus verzichtet, im Finanzgarten, weil man die drohenden Klagen betroffener Baumfreunde scheut wie sonst nur den Asiatischen Laubholzbockkäfer.

Das ist aber keine Hysterie (oder nicht nur), sondern hat einen guten Grund: Deutschland versiegelt sich zu Tode. Stets wird mehr zubetoniert und zuasphaltiert, als man auf der anderen Seite als "Ausgleichsgrün", schon das Wort ist erbärmlich, schafft. Das gilt für kleine wie große Städte überall in Deutschland. Deshalb gibt es (in Berlin) einen Kampf um die Erhaltung der Schrebergärten und (in Hamburg) einen gegen ein neues Parkhaus dort, wo noch ein paar Grasbüschel stehen.

In München hat Dürr recht: Die Bäume vor dem Haus der Kunst müssen erhalten bleiben. Nicht, weil einen sonst der verdammte Nazi anschaut, sondern sogar der verdammte Klimawandel und der nicht minder verdammte Altstadttunnel, der sich mehrspurig direkt vor dem Haus der Kunst durch die Stadt fräst. Und weil die Bäume auch zur Geschichte gehören.

© SZ vom 27.01.2017/doer
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