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DDR: Westpakete zu Weihnachten:Ein Paket, ein Paket!

Giftiger Glanz in der schmuddelig-schönen Welt: Warum das Westpaket in die DDR auch etwas Subversives hatte - eine Erinnerung.

Wenn vom Meer her Nebel aufzogen, und die Kälte des späten Herbstes die Insel in den Griff nahm, kam manchmal "der Däne" durch. Dann raunten wir uns in der Schule zu: Schongemerktderdänekommtdurch? Bis zu uns, ganz in den nördlichen Osten, nach Rügen, reichte sonst kein Westfernsehen. Wenn aber "der Däne" durchkam, saßen wir abends vor dem tonlosen Gegrissel, das vorgab, "der Däne" zu sein, und das genauso "der Schwede" oder "der Pole" hätte sein können, so wenig war zu erkennen.

Marke der Deutschen Bundespost, mit der in den fünfziger Jahren für Paketaktionen geworben wurde, aus dem Band "Das Westpaket. Geschenksendung, keine Handelsware." von Christian Härtel und Petra Kabus (Hrsg.), Links Verlag, Berlin.

(Foto: Foto: Privatarchiv Eberhard Delius, Berlin)

Und doch hielt man sich fest an Schatten und Schemen dieser Welt, von der man nur eine Ahnung hatte. Die Ahnung nährte sich aus verschnürten und oft vom Zoll schon gefledderten Kartons, die per Post ins Haus kamen. Darauf stand geschrieben: Geschenksendung, keine Handelsware.

Was man bekam

Manchmal, in wachen Nächten, gehe ich durch die Kaufhalle meiner Kindheit. Drei Gänge. Hinten rechts der Brotstand. "Ein Dreiundneunziger bitte", sagte man, und bekam ein Dreiundneunziger. Das hieß so, weil es 93 Pfennig kostete. Daneben der Fleischstand, an dem man nahm, was man bekam. Daneben wieder gab es Käse und Quark, der löffelweise aus einer Plasteschüssel auf zwei Schichten Packpapier klatschte, und den man sich beeilen musste, nach Hause zu bringen, weil das Papier so schnell durchweichte, dass es vom Quark dann nicht mehr zu trennen war. Wer trödelte, hatte später Schlusen im Mund. Vorn, bei den Kassen, standen drei große, mit Rollen versehene Drahtkörbe, worin Weißkohl, Rotkohl und Kartoffeln lagen.

Im Sommer aß man, was der Garten hergab, im Winter, was der Garten hergegeben hatte: also Eingekochtes und Eingekellertes. Spätestens im Januar aber hatten sich die blutleeren Keimlinge der Kartoffeln im Keller derart zu Gestrüpp verfilzt, dass man lange brauchte, die schrumpeligen Dinger im Dunkel zu ertasten, um sie, ein zweites Mal, zu ernten.

Es war dies eine schmuddelige, aber schöne und klare Welt. Im Grunde war es, vom "Dänen" abgesehen, das Westpaket, das sie durcheinanderbrachte. Es war wie ein Gift mit seinem Duft und dem Glanz, der überlegen daherkam. Mit der Perfektion der Verpackungen kam es, mit Farbe. Das Westpaket war die rauschhafte Intervention in einem Alltag, den der Sozialismus regelte, und zu Weihnachten war der Rausch, wegen der Fülle der Pakete, die in unser Pfarrhaus kam, noch intensiver als sonst im Jahr.

Die SED-Führung wusste, dass das Land angewiesen war auf die Sendungen aus dem Westen. Deshalb ließ sie sie zu, flankierte den Verkehr aber mit unzähligen Vorschriften, die auf Druck des Westens erst nach und nach gelockert wurden. Das Westpaket wurde stillschweigend zu einer festen Plangröße.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum der Westdeutsche der bessere Mensch war.

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