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DDR und PDS:Ein sozialer Solitär

Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Aufbau-Verlag Berlin 2017. 538 Seiten, 24 Euro. E-Book: 15,99 Euro.

Gregor Gysis Autobiografie zeigt das Leben eines Mannes, der an seinen Idealen festhält. Sein Buch ist ein bleibendes Geschichtswerk, auch wenn das nicht allen gefallen wird.

Von Franziska Augstein

Im Jahr 1999 traf Gregor Gysi mit Helmut Kohl zusammen. Der Altkanzler zeigte, dass seine Masche, mit anderen Politikern über ihre privaten Verhältnisse zu reden, um lockeren Umgang zu schaffen, nicht aufgesetzt war. Bei dem Treffen mit Gysi, so schreibt dieser in seiner Autobiografie, "erklärte" Kohl "mir meinen Vater!": Wenn der sich in der DDR gegen die SED gestellt hätte, wäre er "keiner mehr von den Seinen und mithin sehr einsam geworden unter den eigenen Genossen".

Wer Gysi hasst, wird auch mit seiner Autobiografie nichts anfangen können. Die Lektüre könnte nämlich zu einem Sinneswandel führen, was alle Leute abschrecken wird, die lieber über Granit laufen als über Sand. Gysi ist eitel, das weiß er selbst. Entsprechend hochtrabend ist der Titel seines Buches: "Ein Leben ist zu wenig". Clever, wie er ist, kommentiert Gysi das so: Nicht die Eitelkeit sei "das Problem" der eitlen Leute, "sondern die Frage, ob sie ihre Eitelkeit beherrschen oder von ihr beherrscht werden". Das Fazit nach der Lektüre: Ohne Eitelkeit hätte Gysi seine letzten fünfzig Jahre vermutlich nicht heil überstanden.

Der Vater war ein echter Kommunist. Der Sohn einer jüdischen Mutter floh in der NS-Zeit nach Frankreich. Unter der Vichy-Regierung wurde er in ein Lager gesperrt. Eines Tages kreuzte ein NS-Offizier auf: Gysi auf den Laster! Das Schlimmste war zu vermuten. Aber was machte der Offizier? Er fuhr Vater Gysi und zwei andere Juden in die unbesetzte Zone, hieß sie aussteigen und sagte, mehr könne er für sie nicht tun.

Vater Gysi hat seinen Sohn und die Tochter Gabriele zum Kommunismus hin erzogen. Der Tochter wurde die restriktive Politik der DDR in den 80er-Jahren zu bunt. Der Vater half bei der Ausreise. Der Sohn blieb beim heruntergestuften Kommunismus, dem Sozialismus, und bei dem Gedanken, dass die "Härte des Kalten Krieges" und die Unerfahrenheit der Machthaber samt ihrer Selbstgerechtigkeit das politische System der DDR zugrundegerichtet hätten. Der größte Gegner der DDR, so Gysi, sei nicht äußere Feindlichkeit gewesen, sondern das System selbst.

Gysi war immer, wie er schreibt, ein "Einzelgänger mit Gruppensinn". Das erste ergab sich aus seiner Herkunft: Zu seinen Vorfahren zählen Aristokraten, ein Bankdirektor. Ein Onkel gründete in Rhodesien eine Kommunistische Partei und versicherte seinem Neffen, die Partei habe nie mehr als zwanzig Mitglieder gehabt. Zu Hause in Ost-Berlin war die ganze Welt zu Gast, Leute aus Südafrika, den USA, England, Frankreich. Es gab ein Kindermädchen - eher ungewöhnlich in einem "Arbeiter- und Bauernstaat". Unter diesen Umständen war Gysi natürlich ein Solitär unter seinen Schulkameraden. Das hat er abzubauen versucht. Was er "Gruppensinn" nennt, ist das natürliche Bedürfnis eines jungen Menschen, "dazu" zu gehören. Zwar haben Gysis Eltern sich 1958 scheiden lassen, aber beide gaben ihm mit auf den Weg, dass man nur in der Gemeinschaft gut leben könne. Elitärer als Gysi konnte man in der DDR nicht heranwachsen. Die Mutter war Verlegerin, samt Dienstwagen. Der Vater war Botschafter in Rom, Kulturminister und später zuständig für Kirchenfragen.

Gysi hatte viel zu tun, seine Bildung und seine Herkunft zu überspielen. In den späten 60er-Jahren, als der Vater Kulturminister war, musste er sich anhören, ob sein Papa nun dafür sorgen werde, dass man West-Musik nicht mehr hören dürfe. Tatsächlich habe der Papa einiges bewirkt: Er delegierte "Auseinandersetzungen vom Ministerium auf die jeweiligen Künstlerverbände (. . .) Dadurch wurden sie eigenständiger und auch unabhängiger."

Diese Autobiografie ist ehrlich. Gysi spricht offen über sich. Er hat besten Einblick in die DDR-Verhältnisse. Daher ist sein Buch ein bleibendes Geschichtswerk. Am interessantesten sind die Passagen, in denen er über den Beginn der Partei des Demokratischen Sozialismus, der Nachfolgepartei der SED, berichtet. Ein kregler Typ, der er ist, SED-Mitglied, das er war, kam er in das Amt des Parteivorsitzenden der PDS quasi wie die Jungfrau zum Kind. Heute erklärt er das damit, dass man Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen musste und dass er halt immer noch zum sozialistischen Denken stehe.

Der Vater war Kommunist und hoher DDR-Funktionär, die Mutter war Verlegerin

1990 begannen viele Jahre dessen, was man auf gut Deutsch "mobbing" nennt. Dem hochintegren Schriftsteller Stefan Heym, der 1994 Alterspräsident des Bundestags wurde, schrien die Gazetten hinterher, er habe für die Stasi gearbeitet. Das hatte Heym nicht getan, aber den Versuch war es den PDS-Hassern wert. Gysi und der PDS wurde unterstellt, sie hätten sich als Nachfolgepartei der SED das gigantische Vermögen der SED unter den Nagel gerissen. Dazu schreibt Gysi: Frühzeitig seien die Unternehmen der SED "in Volkseigentum überführt" (also: der Treuhandanstalt übergeben) und "die Geldreserve der Partei an die Regierung überwiesen" worden. Egon Bahr war an die PDS herangetreten: Es mögen doch bitte alte Immobilien der SPD an seine Partei zurückgegeben werden. Auch das wurde geregelt. Schlagzeilen machte aber nur, dass zwei Leute von der PDS dummerweise versucht hatten, 107 Millionen D-Mark im Ausland in Sicherheit zu bringen. Die Mär, dass die PDS vom Vermögen der SED gelebt habe, ist ein Dauerbrenner.

Am schlimmsten traf es Gysi selbst. Ein Informant der Stasi sei er gewesen, wird bis heute kolportiert; die Bild unterstellte ihm in den 90er-Jahren, Sprengstoffanschläge geplant zu haben. Eines Tages rief der renommierte Hamburger Presseanwalt Heinrich Senfft ihn an: Was er sich denn noch alles bieten lassen wolle? Selbstironisch schreibt Gysi: "An Presserecht und Presserechtsprozesse habe ich - ein Anwalt! - damals überhaupt noch nicht gedacht." Fortan vertrat Senfft Gysi. Die allermeisten Prozesse wurden glatt gewonnen.

Wer sämtliche Unterlagen gelesen hat, die die Stasi-Unterlagen-Behörde auf Anfrage - und für rund 600 D-Mark- 2001 in Kopie zur Verfügung stellte, kam zu dem Schluss: Da findet sich nichts, was Gysi belastet. Sogar ein Gysi-Gegner räumte einmal ein, es gebe wirklich nur eine Schwachstelle: Ein Satz, den Gysis Mandant, der Systemkritiker Robert Havemann, bei sich zu Haus geäußert hat, ist bei der Stasi gelandet. Nun, was wissen wir, ob bei Havemann nicht Wanzen angebracht waren? Dessen ungeachtet, hat die Stasi-Unterlagen-Behörde unter ihrem damaligen Chef Joachim Gauck ein Gutachten gegen Gysi verfasst. Das fiel vor Gericht durch; es gab keine Anhaltspunkte, Gregor Gysi zu verfolgen. So viele Anfeindungen über Jahre hin können an einem Menschen nicht spurlos vorbeigehen. Gysi schreibt, dass er mit seinem jetzigen Wissen das Amt des Parteivorsitzenden der PDS nicht noch einmal übernehmen würde.

Die "politischen" Fälle in seiner DDR-Kanzlei, schreibt Gysi, hätten nicht mehr als fünf Prozent ausgemacht. Für gewöhnlich war er mit Ehescheidungen und anderen zivilrechtlichen sowie mit normalen Straffällen befasst. Was die politischen Fälle anging, hatte er einen direkten Draht zur Abteilung "Staat und Recht" bei der SED. Die Abteilung "Staat und Recht"war der Stasi vorgesetzt. Als Gysi Ende der 80er-Jahre für einen hohen Kader-Posten vorgeschlagen wurde, hat die Stasi dagegen votiert. Erich Honecker hat er übrigens nie kennengelernt. Überhaupt sei Egon Krenz das einzige Mitglied des Politbüros, das er je getroffen habe - aber da war der Untergang der DDR schon nahe.

Gysi schreibt, dass er zwar Dissidenten vertreten habe, aber selbst keiner gewesen sei. Er wollte die DDR reformieren (wie übrigens viele seiner "politischen" Mandanten, angefangen mit Robert Havemann). Schade ist, dass er nicht mehr über Rudolf Bahro geschrieben hat: Der kannte das System und wusste, dass seine Gespräche mit dem Anwalt mitgehört wurden. Also schimpfte Bahro: er benötige eine Schreibmaschine, wie sonst solle er seine Tage rumbringen? Dem Vernehmen nach hatte Bahro wenig später in seiner Zelle eine Schreibmaschine.

Ende der 90er-Jahre war Gysi bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Gast. Ihm wurde das Übliche vorgehalten: Wie könne man die Nachfolge der SED antreten?, blabla . . . Der damalige Wirtschaftsressortleiter hielt sich zurück. Gefragt warum, sagte er: Gysi sei wegen seiner rhetorischen Begabung eine große Bereicherung des Bundestags. Aber die Argumente seien doch schon alle ausgetauscht. Gysi sieht das anders, er sucht die Diskussion.

© SZ vom 10.10.2017

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