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David Szalays Buch "Turbulenzen":Und gestern die ganze Welt

Service im Flugzeug

Hierarchische Weltgesellseschaft: Die erste Klasse der Lufthansa im Jahr 1996.

(Foto: Wolfgang_Fritz_/_Lufthansa/picture-alliance / dpa)

David Szalay beschreibt in seinem Buch "Turbulenzen" die Epoche der totalen Bereisbarkeit der Welt. Kurz, schwerelos, genial.

Von Xaver von Cranach

Obwohl David Szalays Buch "Turbulenzen" erst vor zwei Jahren im Original erschienen ist, wirkt es bereits jetzt wie aus einer anderen Epoche. In dieser Epoche war es überhaupt kein Problem, spontan für ein Wochenende nach Paris zu fliegen, um Freunde zu besuchen, für einen Tag nach New York, um einen Vertrag zu unterzeichnen, oder für einen Monat nach Vietnam, um auf Elefanten zu reiten. Es war kein Problem, weil es günstig war, weil es einfach war, und weil es sicher war.

Von dieser Epoche also handelt "Turbulenzen". Ein kleines Buch, das im Sommer von Henning Ahrens ins Deutsche übersetzt wurde und sich zur Größe seines Sujets - das Leben an sich und die Welt als Ganzes - diametral entgegensetzt verhält.

Der Brite David Szalay wurde 2016 schlagartig bekannt, als sein Roman "Was ein Mann ist" auf der Shortlist des Man Booker Prize landete. Darin beleuchtete Szalay schlaglichtartig neun Männer in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens auf ihren Reisen durch Europa. Auch "Turbulenzen" folgt einem strengen formalen Konzept. Zwölf Geschichten werden erzählt, jede spielt im Transit, von Ort A nach Ort B. Von London nach Madrid, von Madrid nach Dakar, von Dakar nach São Paulo. Das Element, das alle Geschichten und alle Leben in diesem Buch verbindet, ist das Flugzeug.

Die Nebenfigur der einen wird zur Hauptfigur der nächsten Geschichte

134 Seiten, schnörkellos erzählt, man könnte es problemlos auslesen auf dem Flug von LGW-MAD. Auch wenn es einen vielleicht nicht beruhigen würde. Die Frau, die im ersten Kapitel eben diesen Flug macht, leidet an enormer Flugangst und trinkt sicherheitshalber drei Bloody Mary, bevor sie ihr Leben an das des Piloten knüpft und sich in einem Hunderte Tonnen schweren Koloss elftausend Meter in die Höhe schießen lässt.

Der Wodka wirkt, "das dichte Gewebe der Welt begann sich zu lockern", heißt es. Bis die Turbulenzen anfangen, sodass "die Illusion der Sicherheit auf einmal dahin war". Die Frau in dieser Geschichte, die wie alle anderen nur ein paar Seiten lang ist, besuchte in London ihren sterbenskranken Sohn und fliegt nun wieder nach Hause, also nach Madrid. Im Flugzeug sitzt sie neben einem Geschäftsmann aus Dakar, dessen Ankunft in der nächsten Episode geschildert wird.

So geht es immer weiter, die Nebenfigur der einen wird zur Hauptfigur der nächsten Geschichte. Ein deutscher Frachtpilot, der sich nicht sicher ist, ob seine Frau ihn betrügt. Eine kanadische Schriftstellerin, deren Tochter gerade ein blindes Kind zur Welt gebracht hat. Eine chinesische Ehefrau, die sich mit 60 Jahren in ihren Arzt verliebt und vierzig Jahre Ehe infrage stellt.

Ein Rückblick auf eine Epoche, die gerade noch die unsere war

Szalay ist ein Meister darin, ein ganz großes Leben in ganz feinen Strichen zu zeichnen. Es dauert eine Weile, bis man versteht, worauf Szalay am Ende hinaus will: Von Toronto nach Seattle, von Delhi nach Kochi, von Doha nach Budapest. Und am Schluss wieder: nach London. Zurück, wenn man so will.

Damit erinnert "Turbulenzen" in seiner ganzen Anlage an Arthur Schnitzlers "Reigen", ein Drama, das der österreichische Arzt Ende des 19. Jahrhunderts schrieb und das damals einen Skandal auslöste. In kurzen Dialogen treffen immer zwei Menschen aufeinander, unterhalten sich und haben Sex. Eine Person geht über in die nächste Szene und so weiter. Es beginnt mit der Dirne und geht gesellschaftlich immer höher bis zum Grafen, der am Schluss, natürlich, mit der Dirne schläft und den Kreis somit schließt.

Mit diesem Sex-Reigen durch die Wiener Gesellschaft versuchte Schnitzler damals einen Querschnitt der österreichischen, und, mit allem eurozentristischen Selbstbewusstsein, auch irgendwie der Weltgesellschaft abzubilden. Szalay hat es natürlich ungemein schwerer, seine Bühne ist nicht Wien, sondern die Welt. Umso erstaunlicher, dass nichts davon gewollt wirkt, manieriert oder hilflos. Im Gegenteil.

Und alleine der Umstand, dass es bei Schnitzler noch das zwischenmenschliche Begehren war, das den gesellschaftlichen Reigen verband, während es bei Szalay das entwertete Reisen ist, könnte Anlass für zukünftige Dissertationen sein.

"Turbulenzen" ermöglicht, ungewollt, aber trotzdem, einen Blick zurück auf eine Epoche, die doch gerade noch die unsere war. Vieles wird natürlich bleiben. Die Ausbeutung. Die Hierarchien. Die tragischen Schicksale und die einsamen Entscheidungen. Vieles wird sich aber auch ändern. Ob es eine derartige körperliche Vernetzung bald wieder geben wird, ist mehr als fraglich. Es gehört zu den Paradoxien dieser Pandemie, dass sie uns das, was sie zerstört, gleichzeitig so klar vor Augen führt - dass die Erreichbarkeit der Welt überhaupt erst zur globalen Ausbreitung führen konnte, die diese wiederum für lange Zeit unmöglich gemacht hat. Erst die Enge der Welt hat dazu geführt, dass sie jetzt wieder so unerreichbar scheint.

Ob das ein Dauerzustand bleibt - ob das Flugzeug also abstürzt, oder ob es sich nur um Turbulenzen handelt -, ist noch offen. Die Illusion von Sicherheit ist auf jeden Fall dahin.

David Szalay: Turbulenzen. Aus dem Englischen von Henning Ahrens, Hanser, München 2020. 134 Seiten.

© SZ/fxs
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Ich befinde mich schon mein ganzes Leben in Isolation. Alles gut. Also fast alles.

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