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Neuer Roman von David Schalko:In den Abgründen des Größenwahns

Grand Hotel de l Europe, ehemaliges Hotel bei Nacht, Bad Gastein, Nationalpark Hohe Tauern, Österreich, Europa *** Grand

Von der ganz großen Party zur klassischen Provinzposse. Das Grand Hotel de l'Europe in Bad Gastein war einst eines der modernsten und exklusivsten Luxushotels Europas.

(Foto: Marc Rasmus/imago)

Der fieseste Hund ist immer das Schicksal. Auch im neuen satirischen Roman "Bad Regina" von David Schalko.

Von Jens-Christian Rabe

Das ist natürlich fast zu gut, um wahr zu sein. Der österreichische Schriftsteller und Filmemacher David Schalko, der 2011 auch in Deutschland endlich bekannt wurde als Erfinder, Drehbuchautor und Regisseur der genialischen Satireserie "Braunschlag", hat einen neuen satirischen Roman geschrieben - und Schauplatz ist Bad Gastein. Jener Ort in den Hohen Tauern also, der einst wegen seiner Thermalquellen berühmt und im 19. Jahrhundert schließlich zum mondänen Sommerkurbad Europas schlechthin wurde, mit majestätischen Belle-Époque-Hotelbauten, die in dieser Größe nach Wien und Berlin passen, aber eigentlich nicht in ein kleines Dorf an einem Alpenhang. Kaiser Franz I. von Österreich und der preußische Kaiser Wilhelm I. verhandelten und erholten sich hier und mit ihnen die gesamte adelige und diplomatische Elite Europas, samt Gefolge.

Bald kamen die Industriemagnaten: Thyssen, Krupp, Opel, Siemens, Rockefeller, Vanderbilt; und die berühmtesten Schriftsteller: Heinrich Mann, William Somerset Maugham. Und es ging lange so weiter, 1909 eröffnete mit dem Grand Hotel de l'Europe sogar eines der damals größten und modernsten Luxushotels des Kontinents. Nach den Kriegen wurde es schwerer, aber die Erfindung des Wintertourismus half, und in den Fünfzigern residierten Hollywood-Stars wie Billy Wilder, Tyrone Power und Charles Laughton im Straubinger Hof, direkt gegenüber von Wilhelms altem Badeschloss.

In den Siebzigern wurden viele der alten Prachtbauten allerdings nicht mehr renoviert, auch weil schlicht kein Platz war für die dringend benötigten Parkplätze der Skigäste, die mit dem eigenen Auto anreisten und von denen der Ort, der in normalen Jahren mehr als eine halbe Million Übernachtungen zählt, bis heute lebt. Oberhalb des alten Ortskerns wurden neue Hotels für ein neues Massenpublikum gebaut, im Ortskern schloss bald ein legendäres Haus nach dem anderen - und verfiel. Sogar das 1974 fertiggestellte "Kongresshaus", ein brutalistischer Betonkoloss mitten im Ort, rottet heute vor sich hin. Auch weil die Gemeinde in der Not einem Wiener Investor die alten Gebäude zwar verkaufte, der aber dann doch nicht investierte, sondern spekulierte und sie leer stehen ließ. Aus der ganz großen Party wurde die klassische Provinzposse.

Von Abgründen erzählt es sich am besten, wenn man es sich dabei mit schlechtem Gewissen gut gehen lassen kann

Wobei die Häuser ja immer noch im Hang hängen als eine der spektakulärsten und schrägsten Kulissen der Alpen und - natürlich - schließlich die ganz Cleveren kamen, aus Berlin und Wien, aus ein paar Ruinen famose Designhotels machten, und einem nach dem Außergewöhnlichen gierenden urbanen Hipster-Publikum neben Luxus-Wellness schaurig-schöne historische Führungen durch den Glamour von einst anbieten.

Man muss das alles etwas ausführlicher erzählen, weil David Schalkos neuer Roman "Bad Regina" ganz bewusst aus diesem Echoraum vergangener europäischer Herrlichkeit heraus- und in die heruntergekommene heutige Kulisse hineingeschrieben ist. Außerdem sollte es nicht wundern, wenn der 48-jährige Wiener gute Teile des Buches als Gast in einem der Designhotels verfasst hat. Weil sich die Abgründe des heimatseligen kleingeistigen Größenwahns, den der Mensch so in sich trägt, ja nur halb so unterhaltsam erzählen lassen, wenn man es sich dabei nicht mit schlechtem Gewissen sehr gut gehen lassen kann.

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Die Menschlichkeit im Angesicht der Vergeblichkeit: David Schalko.

(Foto: Vivien Killilea/AFP)

Der florierende Massenwintersportort Gastein spielt dabei in "Bad Regina" allerdings keine Rolle. Kleine Verzerrung ins Kenntliche. Der Niedergang des Ortes ist im Roman vielmehr so gut wie vollendet, die Party ist wirklich vorbei, es gibt nur noch 46 Einwohner, und wer noch ein Haus zu verkaufen hat, der verkauft es einem zwielichtigen chinesischstämmigen Immobilienunternehmer namens Chen: "Es lag ein Fluch über Bad Regina. Und dieser Fluch hieß Chen. Niemand von den verbliebenen kannte ihn. Niemand wusste, was er vorhatte. Aber alle nahmen sein Angebot an." Einzig Othmar, der - passend zur desolaten Kulisse - auch nicht gerade in bester Form ist, will den Ausverkauf seiner Heimat nicht hinnehmen und will herausfinden, was "der Chinese" mit dem Ort vorhat.

Zu Hause ist dort, wohin man immer wieder unfreiwillig zurückkehrt

Ausgerechnet Othmar. Bis Ende der Neunziger managte er mit dem "Kraken" den berühmtesten Partyclub der Alpen, heute lebt er, von der Gicht geplagt, von der Invalidenrente des ehemaligen britischen Star-DJs Alpha, der kurz nach seinem Auftritt im Kraken beim bekifften Skifahren mit Othmar verunglückte und seither in Othmars Wohnung querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzend im Wachkoma vor sich hindöst: "Othmar hatte ihm trotz seines würdelosen Zustands die Würde bewahrt. Alle zwei Wochen kam Selma und restaurierte ihn."

Die Schnelligkeit und die Präzision, der dialogische Witz und die Lakonie, mit denen auf den ersten 30, 40 Seiten die Situation und das Personal skizziert wird, ist große literarische Satirekunst, die den hochbegabten Drehbuchautor und erfahrenen Regisseur erkennen lässt.

cover

David Schalko: Bad Regina. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 400 Seiten, 24 Euro.

Und was das Aberwitz-Niveau betrifft - damit geht die Suche nach den Motiven Chens, die die Handlung des Buches vorantreibt, gerade erst los. Es wird danach bis zum Schluss nur aberwitziger und aberwitziger. Hingebungsvoll detailliert führt Schalko einen durch die Verkommenheiten der verbliebenen Einwohner, die bald die Abscheu gegenüber Chen und "den Scheißchinesen" eint, die "glauben, die ganze Welt kaufen zu können". Wobei die ohnmächtige Hilflosigkeit, mit der sie vorgehen, immer wieder anrührend mitfühlend erzählt wird: "Erst später begriff er, dass zu Hause dort war, wohin man immer wieder unfreiwillig zurückkehrte."

Das war auch schon die große Stärke von "Braunschlag", es ist überhaupt die große Stärke des Schalko-Blicks, den erkennbar auch bei der monströsesten Witzfigur am Ende nicht vor allem dessen Lächerlichkeit, sondern dessen Menschlichkeit im Angesicht der deprimierenden Vergeblichkeit des Daseins interessiert. Über allem liegt bei ihm die lakonische Wehmut darüber, dass der fieseste Hund noch immer das Schicksal ist.

Als Leser ist man allerdings auch etwas wehmütig angesichts der Tatsache, dass das alles etwas zu lang, zu wüst und zu verwirrend erzählt ist. Der Vorgänger "Schwere Knochen", eine historische Groteske über die Wiener Unterwelt der Nachkriegszeit, ist sicher das besser gemachte Buch. Die Handlung von "Bad Regina" ist so reich an irren Wendungen, Rückblenden, Figuren und Überraschungen, dass man bald leider gar nicht mehr so überrascht ist, sondern eher genervt. Was die Lektüre nach spätestens 100 Seiten zunehmend mühsam macht. Trotz aller immer wieder grandioser Szenen und Dialoge.

Über am Ende etwas zu weite Strecken lesen sich die 400 Seiten dieses Buches so wie ein zu eilig ausgeschmücktes, noch nicht ganz fertiges Drehbuch einer Serie. Einerseits. Andererseits würde man sich diese Serie selbstverständlich sofort angucken, wenn sie David Schalko gedreht hätte. Schon allein wegen der Kulisse und ihrer Geschichte.

© SZ/fxs
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