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David Lynch: Interview-Projekt:Fünf Minuten für ein Leben

"Etwas, das menschlich ist": Regisseur David Lynch interviewt in einer Reihe von Kurzfilmen gewöhnliche Menschen im gewöhnlichen Amerika.

Das Gewöhnliche und Durchschnittliche hat in Amerikas Medien wenig Platz. Dass etwa Michael Jackson von seinen früheren Vertragspartnern vom ohnehin unbescheidenen "King of Pop" posthum zum "größten Entertainer aller Zeiten" ernannt wurde, wundert nicht. Es liegt in der Kultur begründet, höher, schneller und weiter reichen zu wollen als alle anderen. Oder, wenn es andersrum sein soll: sich aggressiver und immer noch ein Stück gefährlicher zu geben als der Rest.

In seiner Dokumentarreihe "Interview Project" widmet sich David Lynch ganz dem vermeintlich gewöhnlichen Leben. Bis jetzt sind 121 Filmporträts entstanden.

(Foto: Foto: dpa)

Auch der Regisseur David Lynch ist mit seinen Ausflügen ins Reich des Surrealen, wie etwa der Fernsehreihe "Twin Peaks", kaum als Chronist des amerikanischen Durchschnittslebens in Erscheinung getreten, von dem Roadmovie "The Straight Story" (1999) einmal abgesehen, in dem ein einfacher alter Mann eine mühsame Reise unternimmt, um seinen kranken Bruder zu besuchen. In seiner nun angelaufenen Dokumentarreihe "Interview Project" widmet sich Lynch ganz dem vermeintlich gewöhnlichen Leben: Insgesamt 121 Interviews, zwischen drei und fünf Minuten lang, werden von ihm auf der Website interviewproject.davidlynch.com mit einigen dürren Sätzen angekündigt.

"Heute treffen wir Jess", sagt er zur Einführung des ersten Clips. "Das Team hat ihn in Needles, Kalifornien am Straßenrand sitzend vorgefunden." Jess ist ein Vietnamveteran, seine Frau war drogenabhängig und verließ ihn mit den Kindern vor mehr als 20 Jahren. Er bereut vieles, sagt er. Etwa, dass er seinen Vater nicht mehr gesehen hat, bevor der starb. Dass seine Mutter im Altersheim gelandet ist. Und dennoch erzählt er seine Geschichte lakonisch, seltsam distanziert, fast heiter. "Ich bin auf nichts stolz, außer dass ich am Leben bin", sagt Jess, von Bitterkeit keine Spur.

Gedreht hat die Filme Austin Lynch, der Sohn des berühmten Regisseurs, in Kooperation mit einem Freund, der nur als Jason S. vorgestellt wird. Die beiden fuhren wochenlang rund 20000 Meilen weit quer durchs Land und sprachen wahllos Leute an, die sie auf der Straße, in einer Bar oder vor ihrem Haus sitzend antrafen. "Es gab wirklich keinen Plan", erklärt Vater David Lynch auf der Homepage. Vielleicht ist es dieser Umstände wegen, dass die Rentner und Arbeitslosen, ganz gewöhnliche Bürger "down on their luck" überrepräsentiert sind. Die Macher stellen jeden dritten Tag einen neuen Kurzfilm online, 103 davon stehen noch aus.

Austin Lynch hat die Interviews im Stil der traditionellen Dokumentation geschnitten, ohne dass der Interviewer selbst Teil der Geschichte wird. Die Kamera ruht konzentriert auf dem Gesicht der Erzählenden, es wird wenig vom Umfeld gezeigt: eine Aufnahme vorbeifahrender Autos, ein am Himmel fliegender Vogel, der Gesprächspartner, wie er auf dem Fahrrad davonfährt.

Wir lernen einen Teil Amerikas kennen, der sonst nur als abseitiges Wählersegment, als Randzielgruppe, wahrgenommen wird. Individuen, die am Boden der Gesellschaft leben, außerhalb der urbanen Zentren mit ihren vielen "Type-A-Personalities".

Die Menschen hier führen ein schlichtes Leben. "Ich habe Bohnen gepflückt und das Unkraut aus den Zwiebelbeeten entfernt", sagt die 85-jährige Clara. "Deshalb bin ich hier, um eine Familie zu haben. Bisher ist noch keines meiner Kinder auf die schiefe Bahn geraten. Das Leben gehört den Lebenden, nicht um wegen etwas erinnert zu werden."

Clara ist ein Beispiel dafür, wie fesselnd es sein kann, alltäglichen Geschichten zuzuhören. Der Faszination am Gewöhnlichen wurde erst kürzlich wieder durch das Phänomen Susan Boyle Auftrieb gegeben, der "Jungfer aus Schottland". Die kräftige Dame mittleren Alters wurde mit ihrem Gesang in der Castingshow Britain's Got Talent zum Star. Und auch in der US-Version American Idol sieht man immer mehr wenig attraktive Kandidaten, mal mit schiefer Frisur, mal mit schlechten Zähnen, die von der Jury dennoch gelobt werden. Das amerikanische Publikum kann sich auch mit Losern identifizieren. Voraussetzung ist nur, dass etwas an ihnen den sichtbaren Mangel deutlich überstrahlt.

Anders Lynchs Interviewpartner. Sie sind vor allen Dingen gewöhnlich und sehr weit entfernt von jedem Medienerfolg, ihre Vergangenheit oft voller traumatischer Erinnerungen. Eine junge Frau erzählt von frühem Missbrauch. Ein pensionierter Soldat spricht von seiner Kindheit im Waisenhaus, wo er jedes eigene Bedürfnis hintanstellen musste. Sein Sohn sei jung gestorben, sagt er. Dann erinnert er daran, dass "uns unsere Kinder nur geliehen werden, so wie wir unseren Eltern nur geliehen wurden".

Doch auch die Außenseiter des amerikanischen Traums wollen an ihrer Version von Glück festhalten. "Ich habe nichts Großartiges zu dieser Welt beigetragen", sagt der 75-jährige John, der im Rollstuhl sitzt und während des Gesprächs immer wieder diskret in einen Plastikbehälter spuckt. "Ich möchte als jemand in Erinnerung behalten werden, der eine gute Zeit hatte." Jeden Montag spielt er Bridge im Seniorenzentrum.

"Es liegt in der Natur vieler amerikanischer Eindrücke, zu einem Ende zu kommen, sobald man ihnen den Rücken zudreht", schrieb der Schriftsteller Henry James. "Sie verblassen, sterben, hinterlassen nicht einmal ein Wrack." Vielleicht haben sich aus diesem Grund viele der Teilnehmer des Interview Projects so bereitwillig auf das Abenteuer eingelassen. "Es ist etwas, das menschlich ist", sagt David Lynch. "Du kannst nicht wegschauen."

David Lynchs Interview Project im Internet: http://interviewproject.davidlynch.com. Weitere offizielle Seiten auf Facebook und Twitter ( twitter.com/interviewproj).

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