David Hockney in Hamburg:Befreiung des gelähmten Zyklopen

Die David-Hockney-Retrospektive am Bucerius-Kunst-Forum zeigt die entspannten, die knalligen und die zarten Seiten des britischen Malers.

Von Alexander Menden

Nach seinem ersten Besuch in den USA 1961 äußerte David Hockney sich im Gespräch mit einem Freund bestürzt darüber, wie viele junge Amerikaner anscheinend hörgeschädigt seien. Der Freund erklärte, dass es sich bei den verkabelten Ohrsteckern, mit denen die New Yorker Jugendlichen herumliefen, nicht um Hörgeräte handele, sondern um Mono-Kopfhörer, mit denen sie Radio hörten. Die Absurdität sowohl des Missverständnisses als auch der technischen Uniformierung karikierte Hockney im letzten Blatt seines 16-teiligen Zyklus "A Rake's Progress": Fünf Figuren in Rückenansicht, mit Ohrknöpfen verkabelt, ein Transistorradio in der rechten Gesäßtasche und der T-Shirt-Aufschrift "I swing with WABC" (ein Hit-Sender in New York).

Obwohl die Arbeit den Titel "Bedlam" trägt, und damit auf das letzte Bild von "A Rake's Progress" von William Hogarth verweist, orientierte Hockney sich nur lose an dem Zyklus aus dem 18. Jahrhundert. Er berichtet vielmehr anekdotisch über seine Erfahrungen in New York; unter anderem illustriert er seinen ersten Versuch, sich das Haar blond zu färben - ein Look, der in den Sechzigerjahren für ihn typisch wurde. Die Reihe ist weit weniger finster als Hogarths Original, aber sowohl die ausdrückliche Bezugnahme auf die Kunstgeschichte als auch die Selbstironie, mit der der Künstler sich als bebrillter Hänfling in den Mittelpunkt stellt, machen die Grafikreihe zu einem typischen Hockney-Werk.

"A Rake's Progress" gehört zu den zahlreichen Leihgaben der Tate Collection, die das Hamburger Bucerius-Kunst-Forum derzeit in seiner David-Hockney-Retrospektive zeigt. Zu Recht trägt sie, obwohl durch einige Werke aus anderen Museen sowie privaten Sammlungen ergänzt, den Untertitel "Die Tate zu Gast". Es ist schon für sich genommen erfreulich, unmittelbar nach dem Brexit eine so sorgfältig kuratierte Schau zu sehen, die dem Werk eines seit mehr als 60 Jahren international denkenden und arbeitenden britischen Künstlers gewidmet ist. Doppelt erfreulich, wenn sie mit einem so klug gewählten Querschnitt aus den Werkphasen dieses bedeutendsten lebenden englischen Malers aufwartet. Dabei gibt es in der Auswahl erstaunlich wenige Überschneidungen mit der gigantischen Retrospektive, welche die Tate 2017 ausrichtete - was unter anderem die Produktivität des 82-jährigen beeindruckend belegt.

Den Auftakt bildet das neueste Werk: "In the Studio", fast drei Meter hoch und mehr als siebeneinhalb Meter breit, eine digitale Collage Tausender Fotos von Hockneys Atelier in Los Angeles, die den Künstler inmitten frisch entstandener Gemälde platziert. Wie so oft in Hockneys Welt ist es eine Kombination verschiedener Perspektiven, eine zugleich flache und tiefe Sicht, die den Betrachter aus der Rolle des "gelähmten Zyklopen" befreit, in die ein einzelner Fluchtpunkt ihn nach Hockneys Ansicht drängt. Starkfarbig, riesig, ungebrochen experimentell ist dies ein passender Einstieg in die eigentliche chronologische Schau.

Seine Bilder thematisieren eine homosexuelle Lebensweise, die damals unter Strafe stand

Sie beginnt mit einer Auswahl früher Gemälde, entstanden während seiner Zeit am Londoner Royal College of Art, das er von 1959 an besuchte. Sie stehen unter dem Eindruck des abstrakten Expressionismus und Jean Dubuffets, sind also antiakademisch, wenn auch nie abstrakt. "Doll Boy" (1960/61) aus der Hamburger Kunsthalle ist eines der Bilder, in denen Hockney seine Fantasien über den Popstar Cliff Richard verarbeitete. Das zur gleichen Zeit entstandene "Third Love Painting" mit einer phallischen Figur im Vordergrund, versehen mit einem Walt-Whitman-Zitat, thematisiert mit charakteristischer Entspanntheit eine homosexuelle Lebensweise, die damals in England unter Strafe stand.

Der Umzug in die USA im Jahre 1966 nimmt angemessenen Raum ein, und obwohl Hockneys wohl berühmtestes Bild "A Bigger Splash" fehlt, reflektieren andere wichtige Werke den Fetischismus der Oberfläche und den Westküsten-Libertinismus, denen Hockney in Los Angeles frönte. Das intensive kalifornische Licht, der scharfe Schattenwurf, die knallige Palette, die "Man in Shower in Beverly Hills" (1964) oder "Hollywood Garden" (1966) prägen, verwendete er von da an immer wieder. Zuletzt tat er das in seinen grellen, trivialen iPad-Arbeiten, die Kuratorin Kathrin Baumstark dankenswerterweise nicht in die Auswahl aufgenommen hat.

Stattdessen schaffte sie es, drei von Hockneys wichtigsten naturalistischen Doppelporträts nach Hamburg zu holen, darunter das seiner Eltern von 1977 sowie "Mr and Mrs Clark and Percy" (1970/71). Im Aufbau offenkundig beeinflusst von Jan van Eycks "Arnolfini-Hochzeit", ist dieses Bild einer Ehe in Auflösung eines der am stärksten psychologisierenden Werke Hockneys. Die Zartheit und Distanz, die es ausstrahlt, macht es einzigartig in seinem Oeuvre.

Ein eigener Bereich ist den "Illustrationen für vierzehn Gedichte von K. P. Kaváfis" von 1966 gewidmet, Grafiken, zu denen der Künstler durch die homoerotische Lyrik des griechischen Dichters Konstantinos Kaváfis inspiriert wurde. Die Mappe war bereits im vergangenen Jahr im Kölner Museum Ludwig zu sehen, das zugleich den Dokumentarfilm "Love's Presentation" von James Scott zeigte. Scott begleitet darin den faszinierenden Entstehungsprozess der Radierungen; dass sein Film in Hamburg fehlt, ist das einzige wirkliche Manko einer Ausstellung, der sonst die stilistische und technische Kontextualisierung Hockneys ebenso durchgehend gelingt wie die inhaltliche und biografische.

Zoom, Froschperspektive und Panoramawinkel in einer einzigen Landschaftsdarstellung

Besonders gut arbeitet die Ausstellung unter der Rubrik "Moving Focus" seine permanente Beschäftigung mit Perspektive heraus. Die Konvention des Fluchtpunktes, die Illusion einer gemalten Dreidimensionalität, hatte er schon früh infrage gestellt. In den Achtzigerjahren entstehen im Innenhof des Hotels Romano Angeles im mexikanischen Acatlán großformatige farbige Grafiken, die verschiedene Blickwinkel in ein einziges Bild übernehmen. Diese Herangehensweise gipfelt in den Neunzigerjahren in Werken wie "A Closer Grand Canyon" (1997), einem riesigen, flachen Landschaftstableau, das aus 60 Einzelleinwänden zusammengesetzt ist. Zoom, Froschperspektive und Panoramawinkel vereinen sich hier in einer Landschaftsdarstellung, in der sich die Meisterschaft dieses Künstlers manifestiert.

Am kommenden Dienstag wird "The Splash", das kleinere Komplementärgemälde zu "A Bigger Splash", bei Sotheby's in London versteigert - eine Auktion, die ihn vielleicht wieder zum teuersten lebenden Künstler machen wird. David Hockney malt derweil weiter; kürzlich ist er aus Frankreich, wo er ungestört rauchen konnte, wieder ins wärmere Kalifornien zurückgezogen. Man hat im Bucerius-Kunst-Forum also keineswegs ein abgeschlossenes Oeuvre vor Augen. Gerade deshalb ist die Vielfalt, Reichhaltigkeit und technische Souveränität der hier ausgestellten Auswahl ein imponierender Beleg für die Bedeutung dieses letzten großen Briten des 20. Jahrhunderts.

David Hockney - Die Tate zu Gast. Bucerius Kunst Forum, Hamburg. Bis 10. Mai. buceriuskunstforum.de; Katalog 29 Euro.

© SZ vom 10.02.2020
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB