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David Cronenberg zum 70. Geburtstag:Eher Folterer als Heiler

David Cronenberg

In der Wunderkammer des Schreckens: David Cronenberg im Jahr 2008.

(Foto: AP)

Fleisch, Blut und Fantasy: David Cronenberg formt und deformiert Körper, das macht den Horror seiner Filme aus. Der Typ, von dem Martin Scorsese einst glaubte, das müsse einer sein wie Renfield in "Dracula", wird nun 70.

Von Fritz Göttler

Sammelsurien des Schreckens sind diese Filme, Kabinette des Apokryphen, verwirrende Wunderkammern, in denen die Handlung sich immer wieder verläuft, sekundenschnell die Ebene wechselt, vom Realen zum Imaginären und wieder zurück, vom Monströsen zur Normalität.

Was in Erinnerung bleibt, sind die mysteriösen, bedrohliche Objekte und Instrumente, die die Filme okkupieren. All die kleinen Tier- und Götzenfiguren aus primitiven Kulturen, die auf jedem freien Quadratzentimeter lauern im Studierzimmer des Doktor Freud in Wien, in "A Dangerous Method".

Die obszön verdrehten, sondergefertigten Skalpelle und Zangen der Gynäkologen-Zwillinge in "Dead Ringers", beide gespielt von Jeremy Irons - sie scheinen zur heilsamen Behandlung weniger geeignet wie zur subtilen Folterung. Und natürlich die perversen Accessoires der Videokultur der Achtziger in "Videodrome", die lasziv pulsierende Videokassette, die fleischigen Pistole (die dann wieder in "eXistenZ" auftaucht), der Schlitz im Bauch, in den man eine Kassette einführt, um die eigene Phantasie mit neuen Programmen zu laden.

Merkwürdige Ausformungen einer sadomasochistischen Kultur, die heute, wenige Jahrzehnte nur später, unförmig und archaisch wirkt angesichts der totalen Digitalisierung - zum letzten Mal auf den Körper zu beharren scheint, seine Begehrlichkeiten, seine Verletzlichkeit.

David Cronenberg, geboren am 15. Februar 1943 in Toronto, macht ein Kino der Metamorphosen und Metastasen - an den überkommenen Formen des Kinohorrors ist er nur mäßig interessiert. Die Imagination ist kein abgehobenes, jenseitiges Terrain, sie prägt den Körper, formt und deformiert ihn - das macht den Horror dieser Filme aus.

Innen- und Außenwelt gehen ineinander über

Manchmal holt er sich Inspiration aus der Literatur, bei William S. Burroughs oder Don DeLillo. Robert Pattinson, der junge Milliardär in Cronenbergs bislang letztem Film, der DeLillo-Verfilmung "Cosmopolis", gondelt mit seiner Stretchlimousine durch Manhattan und sieht sich einer aggressiven, hässlichen Umwelt ausgesetzt, die er nicht nach seinen Vorstellungen formen kann. Er sieht es mit freudigem Erstaunen, reagiert erregt und hat plötzlich selbst eine Pistole in der Hand.

Cronenbergs Filme leben von der Ausstattung, er macht Kulturkritik übers Design. Viele Filme hindurch hat er mit seiner Designerin Carol Spier zusammengearbeitet - diese Teamarbeit verleiht diesem Werk magische Kohärenz. Die Innenwelt und die Außenwelt gehen hier ineinander über. "Naked Lunch", nach Burroughs, wollten sie ursprünglich in Tanger drehen, 1990, aber der Irakkrieg brach aus und sie mussten Tanger künstlich rekonstruieren in einer riesigen Halle in Toronto.

"Er hat seine Dekors gern ziemlich normal", hat Carol Spier erzählt, "weil all die andern Sachen, die in seinen Filmen passieren, so abnormal sind. Alles soll natürlich, realistisch aussehen. Das haben wir versucht - aber ihnen doch eine Art Zack verpasst. Sie sind real, aber da ist etwas an ihnen, bei dem man sich nicht sicher ist . . ." Die Landschaft, die Kleinstadt, die Dekors in "A History of Violence", Cronenbergs uramerikanischem Film, haben alle einen doppelten Rand.

Zersetzung hat ihren Schrecken verloren

Der Film kommt wie ein klassisches Americana daher, aber die Welt, die er zeigt, hat der Held sich selbst zusammengeleimt, ganz trumanesk - um sich gegen seine Vergangenheit zu schützen, in der er ein Killer war. Das Vergangene lebt weiter in ihm, pulsiert und bohrt, und sein Körper ist jederzeit bereit zur Mutation. Wie er die Kanne mit dem brodelnden Kaffee in seiner Hand hält, ist sie bereits eine potenzielle Waffe.

The new flesh, das war die berüchtigte Cronenberg-Formel in den Achtzigern, der Körper, der sich bedenkenlos transformiert, um neuen Lüsten und Gefahren zu begegnen. Zersetzung hat ihren Schrecken verloren.

Martin Scorsese hatte Heidenangst davor, mich zu treffen, erinnert sich Cronenberg. Er erwartete einen Typen wie Renfield in "Dracula" - "a drooling maniac". Dabei wäre Scorsese entrüstet, wenn jemand erwarten würde, er sei wie Travis Bickle. Die neue Form von Identität, die das Kino produziert, Fleisch und Blut und Fantasy.

© SZ vom 15.03.2013/pak

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