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Oper "Manon Lescaut":Ohne Geld keine Liebe

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Manon (Jules Massenet)
Premiere: 24.01.2021, 18.00 Uhr
Musikalische Leitung: Sébastien Rouland
Inszenierung: David Bösch

Elsa Dreisig ist in Hamburg die große Liebende und luxussüchtige "Manon Lescaut", der Jules Massenet eine hinreißend charaktervolle Musik komponierte.

(Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

Regisseur David Bösch und Dirigent Sébastien Rouland führen Jules Massenets "Manon Lescaut" an der Hamburger Staatsoper leichthändig in die gestreamte Corona-Realität. Elsa Dreisig brilliert in der Hauptrolle.

Von Reinhard J.Brembeck

Das also ist Manon im Januar 2021: eine junge blonde Aussteigerin, gestreifter Pulli und knielanger Rock, blauer Mantel, türkiser Strickschal, türkise Strickmütze. Die überwältigende Elsa Dreisig ist in Hamburg diese große Liebende und luxussüchtige Manon Lescaut, die der Abbé Prévost 1731 in einem Roman weltberühmt machte und der Jules Massenet 1884 eine hinreißend charaktervolle Musik komponierte. Fragiler, erotischer, verzweifelter und duftender, als das Daniel Auber, Giacomo Puccini und Hans-Werner Henze in ihren durchaus nicht üblen Veroperungen hinbekommen haben.

Massenets "Werther" nach Goethe wird nach wie vor viel gespielt, die "Manon" ist seltener zu erleben. Weil sie ein perfektes junges Liebespaar braucht plus eine Handvoll Schufte, einen ganz im französischen Ésprit aufgehenden Dirigenten und einen verspielt zwischen Todestragik und Lebenslust changierenden Regisseur. All das hat die Hamburger Oper in Höchstform zu bieten, die am vergangenen Sonntag eine "Manon" vor leeren Reihen live für die Opernfernsehsüchtigen zur Premiere brachte. Es ist ein Wunderwerk geworden, das man ab dem heutigen Mittwoch um 18 Uhr noch einmal für nur 48 Stunden als Video-on-Demand auf www.staatsoper-hamburg.de erleben kann - und auf keinen Fall versäumen darf.

Auf der dunklen Bühne stehen bloß ein paar Kneipentische und Stühle. Dann kommt Manon - Elsa Dreisig - mit ihrem (vermutlich) selbstgestrickten türkisen Schal samt farbgleicher Mütze als ein in Sparsamkeit, aber voll Lebenslust aufgewachsenes Mädchen von nebenan. Ohne alles Operndivengehabe singt sie Massenets Lebenslustgezwitscher: bravissima! Aber schnell kommen trübe Momente in den Gesang, soll Manon doch von der Familie in ein Kloster abgeschoben werden, weil zu lebenslustig und zu vergnügungssüchtig. Massenets Musik ist auf Treibsand gebaut, kein Gefühl hat eine Haltbarkeit über ein paar Sekunden hinaus, alles ist trügerisch, unsicher, chamäleonartig. Hier ist die existenzielle und tagtägliche Verunsicherung des modernen Menschen kongenial vertont.

Regisseur David Bösch begleitet dieses ungleiche Paar ganz unprätentiös und ohne alle intellektuell regietheaterhaften Allüren

Elsa Dreisig kann diese Gefühlswelt ohne alle Anstrengung singen und spielen. Plötzlich kommt der junge und unbedarfte Des Grieux daher, ein gut aussehender, reicher und reichlich naiver Jüngling mit wehenden Haaren, und es macht klick, Liebe auf den ersten Blick. Zumal Ioan Hoteas einschmeichelnder Tenor auch mit allen Raffinessen französischer Gesangskunst vertraut ist. Da muss man nicht nur als Frau einfach dahinschmelzen. Wer würde da nicht wie in dieser Inszenierung mit ihm und dem Nonnenschleier Fußball spielen?

Regisseur David Bösch begleitet dieses ungleiche Paar (arm/reich!) ganz unprätentiös und ohne alle intellektuell regietheaterhaften Allüren auf der Flucht nach Paris in eine ärmliche Mansarde, wo der größte Luxus eine Pizza à deux in der Pappschachtel ist. Das ist kein Leben für Manon. Elsa Dreisig singt ihren Schmerz: den Bub, dem der Vater den Geldhahn abdreht, zu lieben, aber auf Luxus nicht verzichten zu können. Zwei Liebhaber wohnen, ach, in ihrer Brust. Das war schon für den zunehmend moralischer werdenden Abbé Prevost kein Grund, Manon zu verdammen, dieser Konflikt sicherte seinem Buch das Überleben. Bösch spitzt den Konflikt aufs Heute zu: Ohne Geld keine Liebe, aber die Liebe, diese große unmenschliche Zerstörerin, lässt sich nicht durch Geld auslöschen. Sonst wäre das auch keine (große) Liebe, zumindest keine so große, wie sie Dreisig und Hotea singend vorspielen.

Also lässt Bösch, anders als im Libretto, Manon den widerwärtigsten ihrer Verehrer über den Haufen schießen und sich am Ende selbst vergiften. Die unauflösbare Dialektik aus Geld und Liebe lässt in diesem Stück auch keine andere Lösung zu. Dass Menschen im realen Leben in diesem Punkt eher Kompromisse eingehen, ist verständlich, aber eben ein Verrat an der Liebe. Die "Manon" macht diesen Verrat offenbar, ohne ihn zu denunzieren. Dieser Verrat, den man im Alltag so leicht entschuldigt und genauso leicht verdrängt, ist das beunruhigende Kernstück in Prévosts Erzählung. Er erklärt die Aktualität des Stücks bis heute, und David Bösch arbeitet ihn leichthändig heraus.

Diese Brüchigkeit hat nichts vom maroden Charme des historisch abgelebten Fin de Siècle

Die damit korrespondierende Dauerverstörung in der Musik Massenets arbeitet Dirigent Sébastien Rouland genauso leichthändig wie der Regisseur heraus (bravissimo!). Er schafft es zudem, den großen Bogen bis in den letalen Schluss hinein zu halten, in dem sich Dunkel mit Leichtigkeit mischt, Diesseitigkeit mit Vision. Zart brechende Linien, brüchige Klänge, düstere Einsprengsel: Rouland baut diese kleinteilig geniale Partitur zu einem raffinierten Panoptikum aus, das alle menschlichen Gefühle streift, aber sich an keines verliert, keines absolut setzt. Diese Brüchigkeit hat nichts vom maroden Charme des historisch abgelebten Fin de Siècle, es ist ganz heutiges Gefühlsbarometer. Wagner und Verdi, Puccini und Strauss wirken im Vergleich zu dieser existenziell leichten Musik, die nichts beweisen will, wie längst aus der Zeit gefallene Heroen, deren übergroße Gefühle im Heute und vermutlich zu keiner Zeit eine Entsprechung haben. Massenet, Rouland folgt ihm bis in die feinsten Verästelungen seines Klangdenkens, reißt genauso große Gefühle wie die genannten Komponisten an, aber er weiß, dass die im Alltag nicht lebbar sind. Also zieht er immer sehr schnell, aber elegant, die Handbremse und schlittert so jedes Mal an Illusionen, Heroismus, Hochdramatik und Unglaubwürdigkeit vorbei.

Von den Schuften passt sich Björn Bürger als Manons Bruder am besten in dieses Panoptikum des Vergehens ein. Er ist Elsa Dreisigs männlicher Kontrapunkt: gut aussehend, brillant singend und einem unrealistischem Traum nachhängend, ein Spieler, Junkie und Verlierer. Diese Oper ist bittersüß, und die Hamburger Aufführung ist traumhaft. Auch weil sie ein Versprechen für die Zukunft ist: Diese alten Stücke wird man auch mit Seuche noch ewig spielen, weil immer die Chance besteht, dass sie vielleicht wieder einmal so gut aufgeführt werden. Danke, Elsa Dreisig.

© SZ/mau
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