Dauerausstellung Weimar, deine Helden

Mehr als Goethe und Schiller: Das Neue Museum zeigt die Stilimpulse, die von dieser Stadt ausgingen. Henry van de Velde und der Netzwerker Harry Graf Kessler prägten die Avantgarde.

Von Laura Weissmüller

Darauf muss man erst einmal kommen. Eine Totenmaske als Give-away. Makaber? Nicht für Elisabeth Förster-Nietzsche, die sogar mit dem toten Antlitz ihres Bruders Friedrich zu werben wusste. Ganz offensichtlich mit Erfolg. Denn im Neuen Museum in Weimar gibt es etliche von diesen Totenmasken. In der Stückzahl werden sie nur von den Büsten übertroffen, die den Philosophen lebend zeigen. Mit leicht eingetrübtem starrem Blick unter buschigen Augenbrauen, noch buschigerem Schnauzbart und der genialischen Frisur stehen sie in langen Reihen. Die Auftraggeberin: "Alles Elisabeth", sagt Sabine Walter, die mit ihrem Team die neue Dauerausstellung im Museum kuratiert hat. Nietzsches Schwester befeuerte den Kult um ihren Bruder. Deswegen holte sie ihn Ende des 19. Jahrhunderts auch zu sich nach Weimar, obwohl er da schon geistig schwer umnachtet war. Die Stadt der deutschen Helden passte perfekt in Elisabeths PR-Strategie.

Was dieser Umzug für Weimar, ja für ganz Deutschland bedeutete, das macht nun die Dauerausstellung im Neuen Museum so klug wie anschaulich klar. Sie zeigt den Weg dieser Stadt in die Moderne. Es ist erstaunlich, aber als zusammenhängendes Narrativ hat man das hier noch nie gesehen. Weimar, das war bisher vor allem Goethe und Schiller, auch für die Klassik-Stiftung Weimar, die neben dem Neuen Museum auch für das neue Bauhaus-Museum in Weimar verantwortlich ist.

So groß diese Helden sein mögen, so wenig können sie erklären, warum just in Weimar im 20. Jahrhundert so viel seinen Anfang nahm. Allem voran die Weimarer Republik und die Weimarer Verfassung, aber natürlich auch das Bauhaus. All das mag radikal neu erscheinen und fußte doch auf einer Vorgeschichte. Sie wird nun zum ersten Mal erzählt, anhand von ihren drei wichtigsten Protagonisten, aber auch von vielen Kunstwerken und Objekten, die lange im Depot schlummerten, von Filmen und Installationen. Dabei hat man sich sehr umsichtig der Hilfe von neuen Medien bedient. Dass davon tatsächlich jeder Museumsbesucher etwas haben kann, der versierte Kenner genauso wie der kindliche Erstbesucher oder der körperlich Eingeschränkte, auch das zeigt diese Dauerausstellung.

Es ist ein seltener Glücksfall, dass der Ausstellungsort so kongenial zur Schau passt, dass er selbst Teil der Erzählung wird. Das Neue Museum wurde zwar noch von Großherzog Carl Alexander finanziert, aber gewidmet war es dem Volk als neuer bürgerlicher Ort und öffentlicher Raum. Man erbaute es in der Achse zwischen dem damals ebenfalls gerade neu errichteten Bahnhof und der Altstadt im puren Neoklassizismus. Der Bau sollte vor 150 Jahren stilbildend wirken. Was dringend nötig war. Die Industrialisierung schritt voran und brachte eine Zeitenwende mit sich, technisch, wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich. Doch in welche Formen man diese neuen Orte, die neuen Produkte, ja das neue Leben bringen sollte, wusste man noch nicht. Deswegen gründeten sich in ganz Europa nahezu gleichzeitig Museen wie das Neue Museum, damals noch Großherzogliches Museum. Sie sollten zumindest das Gewerbe bei ihrer Suche nach einer neuen Form unterstützen.

Triumvirat des guten Geschmacks: Henry van de Velde, Nietzsches Schwester und ein Impresario

Dass sich die Zukunft ganz sicherlich nicht neoklassizistisch darstellen würde, war dem Architekten und Gestalter Henry van de Velde jedoch klar. Frei nach Nietzsche, der den "Tumult der Stile beklagte" und erklärte, der neue Mensch könne in einer "verzopften Umgebung" keine neuen Gedanken fassen, verordnete der Flame seiner Zeit eine formale Entschlackungskur. In Berlin traf er damit auf wenig Gegenliebe. Kaiser Wilhelm II. ätzte, er werde seekrank in van de Veldes Einrichtungen, der alles, was er in die Finger, besser gesagt als Auftrag bekam, in seine dynamisch geschwungenen Linien brachte. Harry Graf Kessler, der große Kosmopolit dieser Zeit und grandiose Netzwerker der europäischen Kulturelite, sah das naturgemäß anders als der Kaiser. Er ließ van de Velde seine Wohneinrichtung in Berlin entwerfen, was bedeutete, dass Kessler sich dem Alleskönner, der auch ein Allesentwerfer war, bis zur Messerspitze und dem Esszimmerstuhl auslieferte.

Was Berlin nicht schätzte, hatte es in Weimar leichter. Zusammen mit Elisabeth Förster-Nietzsche holte Harry Graf Kessler Henry van de Velde 1901 dorthin. Sein von sämtlichem überflüssigen Ornament befreiter Stil erschien beiden genau das Richtige, um Weimar zur europäischen Avantgarde aufsteigen zu lassen. Nun sollte van de Velde stilbildend mit seiner "vernunftbestimmten Gestaltung" wirken, erst als Berater des Großherzogs, 1908 dann in der von ihm gegründeten Kunstgewerbeschule - dem Vorläufer zum Bauhaus.

Dieses Triumvirat sah sich bewusst als Elite und pflegte sein enormes Sendungsbewusstsein. Während Elisabeth Förster-Nietzsche weiter am Nietzsche-Kult und dem Denken über den Neuen Menschen feilte, kuratierte Harry Graf Kessler Ausstellungen im Neuen Museum, die Weimar mit der Moderne bekannt machen sollten. So eröffnete 1903 die Ausstellung "Deutsche und französische Impressionisten und Neo-Impressionisten" mit Werken von Pierre Bonnard, Paul Signac und Odilon Redon. Kessler zeigte die erste große Paul-Gauguin-Ausstellung und gleich zwei über Auguste Rodin. Ein üppiger Einkaufsetat ermöglichte ihm Ankäufe. Wie exzellent Kesslers Geschmack war, zeigen seine Erwerbungen für Weimar, darunter Monets "Kathedrale von Rouen", eine der ersten Ankäufe eines französischen Werks für ein deutsches Museum, das Gemälde "Junge Männer am Meer" vom jungen Max Beckmann und Rodins Meisterwerk "Das Eherne Zeitalter".

Nicht allen gefiel der neue Geschmack. Die zweite Rodin-Ausstellung von Harry Graf Kessler ließ man zum Skandal eskalieren, der den Kunstsinnigen schließlich aus der Residenzstadt vertrieb. Wie demokratisch Harry Graf Kesslers Ansinnen gleichwohl war, macht die neue Dauerausstellung geradezu spürbar deutlich. Nachbauten von van de Veldes Stühlen lassen sich im Oberlichtsaal bequem vor dem Kunstwerk der eigenen Wahl positionieren. Selbstbestimmter hat man in einem Museum selten gesessen.