Dauerausstellung in Frankfurt:Botschaft auf besticktem Stoff

Das Deutsche Exilarchiv in Frankfurt präsentiert seine in siebzig Jahren aufgebaute, beeindruckende Dauerausstellung.

Von Volker Breidecker

Am 23. April 1933, einem Sonntag, löste der Journalist Walter Zadek eine Fahrkarte 3. Klasse für die Bahnfahrt von Köln nach Aachen. Dort nahm Zadek, dem man den Pass entzogen hatte, ein Taxi, ließ sich ins Dreiländereck fahren und flüchtete zu Fuß über die grüne Grenze nach Holland. Die Fahrkarte behielt er, um auf ihrer Rückseite die kurze Geschichte seiner Flucht aus Nazi-Deutschland zu notieren: "Fahrkarte in die Freiheit: Absichtlich zur Täuschung 'Rückfahrt' gekauft."

Auf Zadeks Fluchtweg war Holland die erste Etappe. Sechs Jahre später, am 22. August 1939, ist er der Fotograf zweier Aufnahmen von der Landung des Flüchtlingsschiffs "Parita" vor Tel Aviv. Von dem überfüllten Frachtschiff gingen 850 illegale jüdische Einwanderer von Bord, die auf diese Weise die Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen unterliefen. Dafür waren sie gerettet, so wie drei Jahre zuvor der als Mitglied eines zionistischen Jugendbunds legal in Palästina eingewanderte 16-jährige Frankfurter Ernst Loewy.

Der kleine Koffer, der den späteren Publizisten Loewy ins Exil begleitete, ist jetzt in der Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs in Frankfurt zu sehen. Wie auch Walter Zadeks Fahrkarte in die Freiheit und dessen Fotos von der Landung des Flüchtlingsschiffs. Sie finden sich neben rund 250 weiteren Exponaten von Originaldokumenten aus eigener Sammlung: "Neben" heißt hier nicht, dass dokumentarisches Material nur nebeneinander aufgereiht würde. Sylvia Asmus, die Leiterin des Archivs, und ihr Team sind neue Wege zur Präsentation einer vielschichtigen Sammlung gegangen, deren Objekte ihre je ureigenen Geschichte von einem individuellen Menschenschicksal erzählen möchten.

Im Rahmen eines flexiblen Aufbaus - drei Schwerpunkte sind gesetzt mit den Leitthemen "Auf der Flucht", "Im Exil" und "Nach dem Exil" - bleibt alles, was es zum Exil nach 1933 zu sagen gibt, den Objekten selbst überlassen, mit seiner eigenen Sprache eine individuelle Geschichte zu erzählten

Koffer fungieren Koffer etwa als "Speicher" von unverwechselbaren Inhalten, Erfahrungen und Erinnerungen: Es kann der große Koffer des Schriftstellers Walter Meckauer sein, welcher mit gesammelten Kurzgeschichten von eigener Hand gefüllt ist; es kann ein hölzernes Kästchen sein, das Erinnerungsstücke an glückliche Momente des Lebens vor dem Exil enthält, etwa jenes aus dem Besitz der aus Wien vertriebenen Rechtsanwältin Clementine Zernik. Zwischen einem Programmzettel der Salzburger Festspiele und Hotelpost findet sich auch hier eine Bahnfahrkarte, von Wien Westbahnhof nach Dorfgastein, deren Bedeutung allein die Besitzerin wusste kannte.

"Morgen um 4 wird unser Schiff schon im Mittelmeer fahren ja ja die Zeit verrinnt im Sauseschritt."

Ein berührendes Epos seiner Urheber enthalten die vier Schreibmaschinenseiten, auf denen die Kleidungsstücke und die Habseligkeiten eines Ehepaars "Hermann Israel Marx und Frau, Halensee, Eisenzahnstr. 5" nach Anzahl, Bezeichnung, Erwerbsjahr und Kaufpreis gelistet sind: das spärliche Handgepäck der Emigration. Die Mitnahme von Leibwäsche unterlag strengen Restriktionen, Erwerbsdaten und gegebenenfalls Kaufpreise waren anzugeben, weil für von Juden erworbene Gegenstände ab 1933 bei ihrer Ausreise hohe Abgaben fällig waren.

Da gibt es den für das Abfahrtsdatum 19. März 1939 und den Ankunftstag 25. April markierten Fahrplan einer Ozeanlinie von Genua nach Shanghai; die Zeichnung des Fluchtwegs der Regina Solzbacher mit ihren kleinen Kindern von Belgien nach Südfrankreich; das Bündel von Karteikarten des "New Yorker Emergency Rescue Comitee", obenauf die Karte des Schriftstellers Franz Pfemfert, gefüllt mit sämtlichen Transaktionen bis zur Überfahrt ins Exilland Mexiko.

Und dann gibt es den letzten Brief des zehnjährigen Thomas Häfner an seine in Deutschland zurückgebliebenen Eltern vor Abreise nach Ceylon: "Lieber Pappie", heißt es darin, "Ich bin jetzt augenblicklich in Marseille in einem nicht unvornehmen Hotel. Morgen um 4 wird unser Schiff schon im Mittelmeer fahren ja ja die Zeit verrinnt im Sauseschritt wir Menschen aber eilen mit."

Vom Alltag im Exil zeugt das illustrierte Buch der Volkswirtin Erna Meyer "Wie kocht man in Erez-Israel"; vom Untertauchen unter falschem Namen zeugt der gefälschte Pass von Betty Isolani, ausgestellt auf den französischen Namen Berthe Imbert. Er wurde wie rund 1 000 andere falsche Pässe auf dem Gemeindeamt der Maquis-Hochburg Dieulefit ausgegeben. Und da findet sich auch der gelbe Judenstern, den die neue Passbesitzerin noch in Paris tragen musste. Es gibt den visuelle Bericht des politischen Flüchtlings Adolf Moritz Steinschneider, der für seine siebenjährige Tochter eine Collage aus Prospekten, Magazinen und Cartoons fertigt; das illustrierte Tagebuch der Künstlerin Lili Cassel (später: Wronker), die noch heute als Illustratorin in den USA lebt: Ihr Album "A London Diary" aus den Jahren 1939/40 ist eine Chronik in Bilderschrift, gemalt in Aquarell und in einem Stil, der an das Bilderepos von Charlotte Salomon erinnert. Als Chronik auf anderem Material fungiert die handgefertigte Stofftasche mit bunten Stickereien in Wort und Bild, womit Irma Lange, als feindliche Ausländerin auf der Isle of Man interniert, ihrem Sohn Hans die Erlebnisse dieser Jahre wiedergibt.

Und nach dem Exil? Was erlebten und erführen die Rückkehrer: Die Einstellung der Ermittlungen etwa gegen den des Mordes an dem Flüchtling Adolf Moritz Steinschneider beschuldigten Generals der Waffen-SS in Form eines Dreizeilers der Staatsanwaltschaft an die Witwe; die Rubrik mit der Frage nach "Jude oder Mischling" auf dem polizeilichen Anmeldeformular, das Thomas Häfner im November 1948 in der Gemeinde Leopoldshöhe gemäß "Reichsmeldeverordnung vom 6. Januar 1938" zu beantworten hatte; oder Gottfried Benns gehässige Worte im Brief an die Freundin Erna Pinner vom 9. November 1947: Einige seiner Werke seien jetzt im Ausland erschienen, "aber hier in Deutschland herrschen die Emigranten u. die sind mir sehr feind. (...) - en verra."

Heute, wo man wieder hört und sieht - bis hinein in den Bundestag -, wie deutsche Vergangenheit und Erinnerungskultur umformuliert und umgedeutet werden sollen, kommt diese Ausstellung zur rechten Zeit.

Exil. Erfahrung und Zeugnis. Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933 - 1945. Zu sehen in der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt am Main. Info unter (069) 15250.

© SZ vom 09.03.2018
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