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Das zweite Kaiserreich:Blut, Eisen, Spott

Staatskunst und Demokratie: Neue Bücher zum zweiten Kaiserreich zeichnen ein erfreulich vielfältiges Bild.

Von Gustav Seibt

Die politische Geschichte der Reichsgründung von 1870/71 ist weitgehend auserzählt. Das liegt an den vielen modernen Bismarck-Biografien, angefangen bei Lothars Galls Standardwerk von 1980. So finden sich die Neuigkeiten in diesem Jubiläumsjahr bei der Kriegsgeschichte und der Einbeziehung der Urteile von Zeitzeugen, nicht zuletzt der skeptischen, darunter auch jener Parlamentarier, die Bismarck nicht zum Zug kommen ließ. Er achtete sorgsam darauf, das Geschehen bei der monarchischen Exekutive zu halten. Das galt vor allem auch für den bildträchtigen Proklamationsakt in Versailles, den Soldaten und deutsche Fürsten dominierten.

Militärhistorisch wurde der Krieg dagegen regelrecht neu entdeckt, und zwar als spezifisch moderner Krieg, an der Schwelle zwischen individuellem Töten im Nahkampf und technisch-industrieller Kriegsführung, die bereits auf den Ersten Weltkrieg vorausweist. Jedenfalls kann man nicht mehr sagen, 1914 seien die kommenden Schrecken unvorstellbar gewesen. Das Gedächtnis der Generalstäbe bewahrte die Erfahrungen von 1870 minutiös.

Wichtig ist vor allem die Perspektive von einfachen Soldaten und Zivilisten. Ein gewaltiges Augenzeugenpanorama entfalten Hermann Pölking und Linn Sackarnd in einem voluminösen Begleitband zu einer mehrteiligen Dokumentation, die "arte" sendete. Näher kann man dem Krieg nicht kommen, bis zu dem ergreifenden Gedicht Rimbauds über einen Gefallenen, den "Schläfer im Tal", das von Stefan George so meisterlich übertragen wurde. Nun erfährt man die Entstehungsbedingungen dieser lyrischen Ikone und ihre Nähe zum realen Tod, wie er in Sedan von Tausenden gestorben wurde. Da jeder gebildete Franzose diese Verse im Ohr hat, sollten auch Deutsche sie kennen.

Kriegs- und Diplomatiegeschichte mit Einsprengseln von Augenzeugenschaft und zeitgenössischen Kommentaren verbindet Christoph Jahr in einem knackig-knappen Band. Wer nicht gleich tausend Seiten lesen mag und trotzdem etwas vom Aroma der Epoche bekommen will, ist hier gut aufgehoben. Jahr ist kritisch, aber nicht einseitig. Dass Bismarcks dänische, österreichische und französische Gegner es ihm allzu leicht machten, kommt gut in den Blick. Auch das Wellental der internationalen Politik nach dem Krim-Krieg, das Bismarck seine Risikopolitik erst ermöglichte, wird sichtbar: Russland und England waren anderweitig beschäftigt, sodass die Hammerschläge gegen Österreich und Frankreich einzeln geführt werden konnten. Jahr hat auch immer wieder gute Zitate, so die behaglichen Diagnosen von Marx und Engels, die Bismarcks bonapartistische Politik als halb unfreiwilligen Fortschrittsdienst für Industrie und Arbeiterklasse würdigten, mit Nachwirkungen bis in die Nationalgeschichtsschreibung der DDR. Nichts von "verspäteter Nation"!

"Verspätete Nation"? - Besser spät als nie, spottete Reinhart Koselleck

"Kritisch" (mit Nipperdeyschen Anführungszeichen), nämlich eine Streitschrift, ist die Darstellung von Eckart Conze. Ausgelöst wurde sie offenbar durch den Erfolg von Christopher Clarks "Schlafwandler", das Buch zum Kriegsausbruch 1914, und durch den aktuellen Hohenzollern-Streit. Aufhübschung droht, womöglich Goldrähmchenhistorie. Vermutlich können vor allem jüngere Leser davon profitieren, die alle die Kontroversen seit Fritz Fischer und dessen Buch "Griff nach der Weltmacht" (1961) nicht mehr selbst erlebt haben. Das große Problemregister von obrigkeitlichem Nationalismus, antiparlamentarischer Innenpolitik, Ausgrenzung von Reichsfeinden, Abkoppelung von einem europäischen Gemeininteresse, aufflammendem Antisemitismus, blättert Conze routiniert auf. Verdienstvoll ist vor allem die Übersichtlichkeit im Altbekannten.

Es bleiben ein paar Gegenfragen. Warum spielen kontrafaktische Überlegungen kaum eine Rolle? Wäre Kaiser Friedrich III. 1888 nicht einem Krebsleiden erlegen, die Geschichte hätte ganz anders verlaufen können. Warum wird so wenig verglichen? Italien zeigt den aufschlussreichen Parallelfall einer Nationaleinigung: ebenfalls kriegerisch, gleichzeitig aber parlamentarisch; parlamentarisch, aber mit einem weit restriktiveren Wahlrecht als im Deutschen Reich. Auch Italien führte Kolonialkriege - mehr als das deutsche Kaiserreich -, und es beteiligte sich am Ersten Weltkrieg. Letzteres völlig ohne Not, angetrieben nicht von einer autoritären Herrschaftskaste, sondern von einer avantgardistisch aufgeputschten Straßen-Öffentlichkeit. Unterschiede im Ähnlichen: So könnten historische Vergleiche sinnvoll werden, ganz ohne begrifflich unhaltbare Sonderwegsthesen.

Auch verwundert es, dass, wenn es schon kritisch zugehen soll, Helmuth Plessners scharfsinnige These von der "Großmacht ohne Staatsidee" keine Rolle mehr spielt. Die ist interessanter als der Klingelton von der "verspäteten Nation" (besser spät als nie, spottete Reinhart Koselleck). Die rein machtpolitische Gründung des kleindeutschen Reichs durch Bismarck, ihr Handstreichcharakter ohne nennenswerte demokratische Unterfütterung, habe den neuen Staat kulturell unattraktiv gemacht, so Plessner. Er sei ohne "werbenden Gedanken", ohne universale Idee in die Welt getreten.

In der Tat hat die deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts keine geistige Melodie hervorgebracht, die heute noch so mitreißen könnte wie Verdis Opern mit ihrem Befreiungspathos. "Realpolitik", "Blut und Eisen" - dergleichen konnte schon in Wien niemanden überzeugen, geschweige in anderen europäischen Hauptstädten. Das führt auf den Punkt, dass die oft betrauerte Möglichkeit einer großdeutsch-demokratischen Lösung von 1848 fürs internationale System womöglich eine noch größere Belastung dargestellt hätte als die Einigung im kleindeutsch-österreichischen Dualismus. Dann hätte es womöglich statt "Staatskunst und Kriegshandwerk" später "Staatskunst und Demokratie" heißen müssen, um Bilanzen des Scheiterns zu ziehen.

Dass der Deutsche Bund seit 1815 die historisch beste Lösung aller deutschen Fragen war, ist eine Einsicht, die womöglich erst durch die Zwei-plus-vier-Regelungen von 1990 ihr Gewicht wiedergewonnen hat: Deutschland kann als Land der Mitte strukturell ohne internationale Absicherungen nicht bestehen. Insofern bleibt es ein historiographiegeschichtlicher Unglücksfall, dass der todkranke Thomas Nipperdey sein Riesenwerk zum Kaiserreich gleichzeitig mit der zweiten Wiedervereinigung abschließen musste. Die Erkenntnischance des Moments konnte so nicht mehr fruchtbar werden. Nipperdeys Darstellung bleibt bis heute unerreicht durch Ambivalenzfreude und Ambiguitätswahrnehmung. Dieses "Hin- und Herdenken" (Nipperdey über sich selbst) macht seine schwerleibigen Bände allerdings auch anstrengend.

Unterhaltsam und leichtgängig rückt Christoph Nonn die Widersprüche des Kaiserreichs ins Bild, genauer gesagt in zwölf Bilder. An Hand von zwölf Episoden entfaltet er die Krisenherde im Detail, von den Reichsfeinden bis zum Antisemitismus, vom Sozialstaat bis zur Parlament. Warum das so gut funktioniert, lässt sich am besten selbst an einem Beispiel erklären.

Fast jeder kennt die Geschichte vom Hauptmann von Köpenick. Ein vielfach vorbestrafter Krimineller kauft sich 1906 eine Uniform. Äußerlich so autorisiert, rekrutiert er einen Trupp Soldaten von der Straße weg, um sich die Stadtkasse von Köpenick unter den Nagel zu reißen. Amtliche Vorwände machen Gewalt im engeren Sinn weitgehend unnötig. "Diese Episode zeigte, welches Ausmaß die Uniformgläubigkeit im Kaiserreich inzwischen angenommen hatte", lautet das kanonische Fabula-docet, hier in den Worten von Volker Ullrich.

In der Nahsicht von Nonn nimmt sich der Fall ganz anders aus. Der Bürgermeister von Köpenick protestierte auf der Stelle, und auch seine Kollegen in der Stadtkasse schöpften sofort Verdacht. Als er Herumtelefonieren wollte, wurde er in sein Büro eingesperrt. So viel Gewalt war dann doch nötig. Noch viel aufschlussreicher ist die Reaktion der wilhelminischen Öffentlichkeit. Die Leitartikel, die in den Tagen danach geschrieben wurden, könnten wortwörtlich in der SZ von heute stehen: kritisch empört, moralisch besorgt. Schon 24 Stunden später nahmen sich die Kabaretts in Berlin der Sache an. Eine Woge des Spottes rollte durch Deutschland. Der kriminelle Schuster aber hatte ausgesorgt.

So vielseitig anschaulich ist alles, was Nonn erzählt. Goldrähmchen? Eher Strukturgeschichte in Einzelfällen.

© SZ vom 13.10.2020
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