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Das System Tönnies:"Mein Chef sagt ,schneller, schneller'"

Tönnies Film Regeln am Band

Wenn die Packung Schweineschnitzel am Ende 2,50 Euro kostet beim Discounter, könnte man sich eigentlich denken, dass irgendwas nicht stimmt.

(Foto: Jip Film)

Die Doku "Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit" beleuchtet die Fleischindustrie - und zeigt, dass der wahre Preis vom Schnitzel niemals 2,50 Euro ist.

Von Martina Knoben

Jeder hätte es wissen können, lange bevor der Corona-Ausbruch beim Großschlachter Tönnies in diesem Frühjahr die Arbeitsbedingungen der Leiharbeiter in die Schlagzeilen brachte. Viele Menschen aber haben lieber nicht genau hingesehen - im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück, wo Tönnies seinen Sitz hat, aber auch in den Supermärkten, wo eine Packung Schweineschnitzel 2,50 Euro kostet.

Yulia Lokshina begann schon 2017 mit der Arbeit an "Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit", in dem die damalige Filmstudentin das "System Tönnies" studiert. Billigfleisch hat einen Preis, der nicht an der Kasse bezahlt wird - ihr Film dokumentiert, wie das Schnitzelwunder funktioniert. 20 Tonnen Fleisch hätte er pro Schicht bewegt, berichtet ein ehemaliger Tönnies-Mitarbeiter. Überstunden, Nachtzuschläge? Fehlanzeige. "Mein Chef sagt ,schneller, schneller', und ich versuche, schneller zu arbeiten", erzählt eine Frau. "Aber die anderen kommen nicht hinterher und dann schreit man mich wieder an." - "Wenn ihr erst gesehen hättet, wie es bei Wiesenhof zugeht...", ergänzt ihr Mann. Die Ausbeutung meist osteuropäischer Arbeitsmigranten in der Fleischindustrie gibt es nicht nur bei Tönnies, sie hat System.

Nach den vielen aktuellen Berichten über die Zustände dort möchte man nun eigentlich sehen, wie die Menschen bei Tönnies arbeiten - im Kopf hat man die Bilder längst: von toten Schweinen, monströsen Maschinenstraßen und gestressten Männern und Frauen in der Kälte. Yulia Lokshina zeigt genau diese Bilder nicht. "In den Betrieben hätten wir, wenn überhaupt, nur unter strengen Auflagen drehen können", sagt sie, "und nur sehr bestimmte Abläufe." So sehr man den Blick hinter die Werkstore vermisst, entgeht die Regisseurin auf diese Weise der Falle, ihr Thema mit Splatter-Effekten zu banalisieren oder mit geschönten Aufnahmen zu verwässern. Sie lässt Arbeiter erzählen - und diese Berichte leuchten tatsächlich in eine Parallelwelt hinein. Sie liegt direkt vor unseren Augen, aber eben meistens im Dunklen. Die Erzählungen in Lokshinas Film machen immer mal wieder kurz das Licht an.

Viele ahnen etwas, keiner reagiert: Das gehört zum System

Verwoben mit den Erzählungen der Arbeiter sind Eindrücke aus dem Stadtleben von Rheda-Wiedenbrück. Es ist eine aufgeräumte ostwestfälische Kleinstadt; das Tönnies-Werk liegt in deutlicher Entfernung zu hübschen Einfamilienhäusern, gut gesichert hinter Gitterzäunen. Bekannt waren die Lebensumstände der Arbeiter aber durchaus, auch schon vor Corona. Im "Integrationsrat" der Stadt heißt es: "Es ist nicht unsere Aufgabe, Unternehmer zu kritisieren." Ein Pfarrer prangert in seiner Predigt "verschimmelte Bruchbuden", "vollgestopft mit Bulgaren und Rumänen" an. Im Anschluss an die Predigt zeigt Lokshina regungslose Gesichter der Kirchenbesucher im Gegenschnitt: Ist das Gleichgültigkeit? Oder will man sich die Betroffenheit nicht anmerken lassen? Zum "System Tönnies" gehört, dass viele ahnen, was vor sich geht, aber nicht reagieren.

Eine zentrale, starke Figur des Films ist die Aktivistin Inge Bultschnieder, die sich in Rheda-Wiedenbrück für die Arbeiter einsetzt. Einer jungen Osteuropäerin hilft sie, eine Geburtstagskarte an ihren Sohn zu schreiben, den sie - überfordert, alleingelassen mit ihrer Schwangerschaft und ohne deutsche Sprachkenntnisse - als Baby ausgesetzt hatte. Sie kam dafür ins Gefängnis. Bultschnieders Rekonstruktion der Tat vor Ort ist schmerzlich. Und schmerzlich auch zu sehen, wie die Mutter nach deutschen Worten für ihren Sohn sucht. Solle sie mit "deine Mutter" unterschreiben? Bultschnieder rät zu "Deine Mama".

Sprache ist ein zentrales Thema im Film, sie kann Zusammenhänge herstellen und Menschen verbinden - hier grenzt sie Menschen eher voneinander ab. Zu den Impressionen aus Ostwestfalen hat die Filmemacherin Beobachtungen von Münchner Gymnasiasten montiert, die Bertolt Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" proben. Die Lethargie der Schüler, die gelangweilt aufs Handy blicken, während der Leiter der Theatergruppe die Mechanismen kapitalistischer Ausbeutung mit ihnen diskutieren will, ist erschreckend. Als Illustration gesellschaftlicher Gleichgültigkeit überzeugen sie allerdings wenig - Lokshina ging es mehr darum, mit Hilfe des Klassikers Auswege zu diskutieren.

Solidarität der Arbeiter untereinander wäre ein wichtiger Schritt, aber daran ist zumindest unter den Tönnies-Arbeitern nicht zu denken. Auf einem Campingplatz führt ein Litauer stolz seinen Wohnwagen vor: "Hier kann ich super leben." Sein Nachbar sei auch Litauer, zusammen könne man sich gegen Rumänen und Bulgaren wehren. Puzzlestück für Puzzlestück setzt der Film ein Bild zusammen, wie Abgrenzung und Ausbeutung zusammengehören.

Auch die Sprache dient dazu, Rollen festzuschreiben. "Wie - geht - es - Ihnen?", fragt ein Deutschlehrer zwei osteuropäische Arbeiter. Sie verstehen ihn vielleicht nicht richtig, oder sie wollen tatsächlich von sich erzählen. Jedenfalls versuchen sie mitzuteilen, dass sie krankgeschrieben sind. Das lässt der Lehrer als Antwort aber nicht gelten. Die richtige Antwort: "Danke, gut."

Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit, D 2019 - Regie, Buch: Yulia Lokshina. Kamera: Zeno Legner, Lilli Pongratz. Schnitt: Urte Alfs, Y. Lokshina. Verleih: jip, 92 Minuten.

© SZ vom 26.10.2020/khil
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