Vor mehr als hundert Jahren verfasste der Journalist und Politiker Adolf Braun eine Broschüre mit dem Titel "Die Anonymität in der Presse". Darin hieß es unter anderem, dass die Wenigsten Genaues über Wesen und Werden einer Zeitung wüssten und dass "das Unbekannte" an ihr mehr Menschen abstoße, "als es sie zur Erkenntnis treibt". Heute vor 75 Jahren erschien das erste Streiflicht der Süddeutschen Zeitung, und wenn man diese langlebigste aller deutschen Zeitungsglossen im Lichte der Braun'schen These betrachtet, kommt man zum gegenteiligen Ergebnis: Das Unbekannte an ihr, nämlich die strikt durchgehaltene Anonymität ihrer Autorinnen und Autoren, stößt die Menschen nicht nur nicht ab, sondern treibt sie geradezu an, hinter das Geheimnis ihres Wesens und Werdens zu kommen.
Wobei es mit der Anonymität ja so weit auch wieder nicht her ist. Wer nah genug an der SZ war, konnte auf den Schleichwegen der Kollegialität oder Freundschaft immer schon eruieren, von wem dies oder jenes Streiflicht stammte. Vor gut einem Vierteljahrhundert wurde der schützende Vorhang dann insofern ein wenig in die Höhe gezogen, als Antje Kunstmann ein erstes Streiflichtbuch herausbrachte, dessen Texte im Anhang ihren Verfassern, damals 15 an der Zahl, klar zugewiesen wurden. Was die fünf Herausgeber in fünf separaten Vorworten über das Zustandekommen von Streiflichtern schrieben: etwa dass einer allein sie produziere und sich deswegen in mehrere Schreiberpersönlichkeiten aufgespalten habe (Axel Hacke) oder dass alle Streiflichter schon geschrieben seien und ein Redaktionsassistent täglich das Passende dem gut gesicherten Lager entnehme (Rainer Stephan) - das war natürlich eitel Bühnennebel und Verlängerung des Anonymitätsprinzips ins Reich des gehobenen Unsinns.
"Mehr puren Grimm!"
Insofern ist das Kürzel "(SZ)", mit dem die Streiflichter beginnen, für deren Urheber längst kein Versteck und keine Tarnkappe mehr, und seit wir in der Redaktion gehalten sind, den Kontakt mit der Leserschaft sowohl freundlich als auch ehrlich zu gestalten, hat es mit der Geheimniskrämerei ohnedies ein Ende. Damit ist aber auch die letzte Luft raus aus einer Legende, die schön angelegt, doch von Anfang an schwach an substanziellem Hintergrund war. Gemeint ist die These - das Narrativ, wie man heute sagt - von der Gemeinschaftsleistung. Sie wurde schon verbreitet, als der Begriff der Schwarmintelligenz noch unbekannt war, und schrieb das Streiflicht dem Schwarmgenie der in der Redaktionskonferenz sitzenden hellen Köpfe zu. Da herrsche ein Denken und Reden und Erfinden, dass es nur so blitze, und am Schluss deute man auf einen, der das alles nur noch in die rechte Ordnung bringen und aufschreiben müsse. Kein lebender Streiflichtschreiber kann sich an eines dieser kreativen Wunder erinnern, wohl aber daran, dass er in seinem Stübchen saß und sich mit einem Stück Text quälte, an das alle Welt hohe Maßstäbe anlegte - bedrückend hohe, solange er schrieb und verwarf und neu ansetzte und feilte, berauschend hohe, wenn die ersten Leserbriefe konstatierten, dass er wieder mal beeindruckend über sich selbst hinausgewachsen sei.
Das Zwiespältige so eines Zuspruchs ist schnell erkannt, mag es gleich nicht so gemeint gewesen sein. Über sich selbst ist man ja schnell mal hinausgewachsen, zumal wenn man, wie der kritischeren Leserpost hin und wieder zu entnehmen ist, von Natur her nur ein Gnom ist. Also fasst man das Lob so günstig wie möglich auf, nämlich dahingehend, dass man auch über literarische Grenzen hinausgelangt sei, die andere nicht einmal zu sehen bekämen. Das ist natürlich ebenso eitel wie verwerflich, wird aber gefördert beispielsweise durch halbseitige Anzeigen wie jene vom Oktober 1995, die Marcel Reich-Ranickis kluge Augen zeigte und darüber seine Antwort auf die Frage, was er an der SZ besonders schätze: "Kritiker wie Joachim Kaiser und die Autoren des Streiflichts."
Es ist anzunehmen, dass MRR das nicht einfach in kollegialer Rabentreue dahergeplappert hat, sondern davon überzeugt war. Zu welch anderen Ergebnissen es im Dialog unter Freunden kommen kann, zeigte sich, als der Kollege Michael Skasa, für seinen Feinsinn ebenso bekannt wie für die Schärfe seiner Analysen, einmal zur Blattkritik in die Konferenz kam. Sein Thema war das Streiflicht, von dem er sich mehr Ernst, "mehr puren Grimm" wünschte. Stattdessen habe sich im Lauf der Jahre, analog zum Weinzwang in Karl Valentins "Firmling", ein ungesunder Witzzwang eingestellt. Manche Glossen gäben zu erkennen, "dass ihr Autor in einer Art solipsistischem Höhenrausch nichts mehr um sich her wahrnimmt", und einige ließen "sogar ahnen, dass der Pilot selber unten blieb und sein Flugzeug aus Papier ist, unbemannt und nichtig". Bei den Konferenzen geht selten ein Engel durch den Raum. Diesmal schon, und was die von harten Einzelkritiken betroffenen Kollegen betraf, so taten sie, als seien sie gerade in Lektüren von weltgeschichtlicher Relevanz vertieft.
Nicht jeder Hund ist ein Dackel ...
Die Souveräneren unter uns, also praktisch alle, dachten sich, nun, ganz unrecht hat er ja nicht, der Skasa, und er hat es jedenfalls um vieles präziser dargestellt als all jene, die uns in regelmäßigen Abständen zurufen, das Streiflicht triefe vor Seriosität, sei ein Tummelplatz des juste milieu (lies: des Mittelmaßes), lebe in altfränkischer Betulichkeit vor sich hin, nicht ahnend, dass für zeilenfressende bildungsbürgerliche (lies: bildungshubernde) Großkolumnen die Zeit längst abgelaufen sei.
Das alles ist der Streiflichtredaktion in Stunden der Selbstbesinnung durchaus bewusst, und wer aus dieser Runde je vor dem Nachwuchs über Substanz und Gestalt dieser Kolumne gesprochen hat, hat solche Urteile dort auch schon mit gutem Erfolg als Köder und Stimulantia ausgeworfen. Was ebenfalls gut ankommt, ist der Lehrsatz, dass jeder Dackel ein Hund sei, aber nicht jeder Hund ein Dackel. Aufs Streiflicht bezogen heißt das, dass es einzigartig sei - ein Werturteil, dem durch den Verweis aufs Dackelhafte die möglicherweise arrogant anmutende Spitze genommen wird.
Um noch kurz in dem auch thematisch immer wieder ergiebigen Tierreich zu verbleiben, so möge das Stachelschwein vortreten. Es war schon einmal nahe am Streiflicht, nämlich bei der Verleihung des Deutschen Sprachpreises 2003 an dessen Redaktion. Damals attestierte Laudator Helmut Glück dem Streiflicht, dass es sich auf den "geziemenden Abstand im Geiste von Schopenhauers Stachelschweingleichnis" verstehe. Da keiner von uns dieses Gleichnis kannte, haben wir nur bedeutend dreingeschaut, zu Hause aber dann gleich im "Parerga" nachgeblättert. Es geht in der Parabel um Stachelschweine, die, wenn sie in der Winterkälte zusammenrücken wollen, die richtige Distanz wegen ihrer Stacheln erst austarieren müssen. Das führt dazu, dass man sich gegenseitig zwar nicht richtig erwärmt, dafür aber auch nicht sticht - eine Symbiose, die sich beim Streiflicht und seinen Fans sehr bewährt hat.
Das Streiflicht als Triptychon? Schwierig
Ein früherer Chefredakteur wollte einem Neuling das Streiflicht dadurch schmackhaft machen, dass er es mit einem Triptychon verglich und von der Befriedigung sprach, die daraus erwachse, dass man den Text inhaltlich und stilistisch ähnlich gestalte: die Hauptsache auf die Mitteltafel, die Nebensachen auf die Flügel, und wenn möglich Goldgrund dahinter. Daraus wird nur selten etwas, weil die Streiflichtcrew den Hauptsachen zugunsten der Nebensachen lieber aus dem Weg geht. Bei einer Tagung an der Uni Eichstätt über das Marginale und das Zentrale im Journalismus bekannte sich der Sendbote der SZ klar zum Marginalen und belegte dies mit dem Faktum, dass linke Schuhe im Nordatlantik anderswo angetrieben werden als rechte. Der Nordatlantik selbst ist kein Thema, dies kleine Mirakel schon.
Die Nebensachen sind es, die uns und unser Publikum erfreuen: nicht, wie weit das All sich ausdehnt, wohl aber, wie viele Fußballfelder ins Saarland passen. Es sind 359 901, und in jedes von diesen passen 48 275 Streiflichter. Das ergibt an die 17 Milliarden Streiflichter. Wann wir damit fertig sind, kann sich jeder selbst ausrechnen.