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"Das schwarze Königreich":Die besseren Patrioten

Der polnische Autor Szczepan Twardoch erzählt in Retro-Noir-Ästhetik, wie sein Unterweltkönig, der jüdische Boxer und Bandit Jakob Shapiro, im besetzten Warschau ums Überleben kämpft.

Von Christoph Bartmann

Im Vorgängerroman "Król" (deutsch "Der Boxer", 2018) hatte Szczepan Twardoch ein turbulentes Vorkriegs-Warschau entworfen, über das der jüdische Boxer und Bandit Jakob Shapiro gleichsam als König (polnisch "Król") herrschte. Es war eine brutale Männerwelt mit reichlich Blut, Schweiß, Koks und Sex, und mit jeder Menge politischer Faustkämpfe, bei denen Shapiro seine Feinde, polnische Faschisten zumal, regelrecht demütigte. Als 1937 der Boden für Shapiro und seine Familie allmählich zu heiß wird, organisiert er die Ausreise nach Palästina. Schon in der Luft, erzwingt Shapiro auf einmal die Umkehr, was niemand versteht, schon gar nicht seine Familie.

Die jetzt vorliegende Fortsetzung, "Das Schwarze Königreich", lässt das Bleibemotiv deutlicher hervortreten. Es waren nicht so sehr die vielen Geliebten, die Shapiro an Warschau ketteten. Die gefährdete Stadt, so soll man begreifen, war selbst seine Geliebte. Polen mag den Polen gehört haben, so etwa die Botschaft, aber die wahren Patrioten von Warschau waren die Juden, Leute wie Jakob Shapiro.

Szczepan Twardoch ist weder Warschauer noch Jude, er ist (polnischer) Schlesier, eine komplexe Herkunft, die ebenfalls ihre Spuren im Roman hinterlässt. Twardoch schreibt historische Romane, die gegenwärtig Erregung auslösen sollen, weil die Erinnerung an ihre Orte und Themen noch nicht erkaltet, sondern, im Gegenteil, strittiger ist denn je. Hier geht es nicht um Faktografie, Zeugenschaft und Dokumentation, wenngleich seine Romane von gründlichen Recherchen zeugen. Sondern um starke Affekte und Effekte, oder anders, um die Erzeugung einer gegenwärtigen Erregung über die Vergangenheit. Kein Thema eignet sich dafür besser als der Zweite Weltkrieg, hier insbesondere die polnisch-jüdische Dimension.

Ihr seid vielleicht gute Nationalisten, aber die Juden waren die besseren Patrioten

Damit die affektive Überwältigung der Leserschaft gelingt, sind populäre Wirkungsmittel erforderlich. Wie schon "Der Boxer" soll auch dieser Roman sein Publikum umwerfen, und er tut es in der Kombination einer eingängigen, ein wenig an "Babylon Berlin" erinnernden Retro-Noir-Ästhetik mit einer auch nicht sehr subtilen, aber provokanten Botschaft an neue polnische Nationalisten: Ihr seid vielleicht gute Nationalisten, aber die Juden waren die besseren Patrioten.

Im "Schwarzen Königreich" wird erzählt, was aus dem Boxer und den Seinen wurde, in den Warschauer Schreckensjahren zwischen 1939 und 1944. Anfangs meldet sich Shapiro frohgemut zur polnischen Armee, um das geliebte Warschau zu verteidigen. Nach der schnellen Niederlage stürzt auch sein Königreich zusammen.

Erging sich der frühere Roman noch im Lobpreis boxender Männlichkeit, so erleben wir den geschwächten König nun in der Obhut fürsorglicher Frauen. Wenn keine Hilfe von Frauen käme, auch das eine Kernbotschaft, wäre der alternde Boxer in seiner ganzen fatalen Heldenhaftigkeit noch viel früher erledigt. Einst war er der Schrecken von Warschau, dann gewannen Alkohol und Wohlleben die Oberhand, jetzt wird dem Boxer ein Alter in Würde von ganz neuen Feinden verwehrt. Bei den Polen hatte Shapiro sich stets Respekt verschafft, gegen die Deutschen hingegen ist mit den Waffen eines Boxers nichts auszurichten.

Am Ende geht der Roman auch für den aufgeschlossenen Leser über die rote Linie

Erzählt wird das abwechselnd von Ryfka, der lebensklugen Puffmutter und Ex-Geliebten, und von David, Shapiros halbwüchsigem Sohn, der sich als jüdischer Krieger, Codename "Ares", durch das verwüstete Warschau schlägt. Wohl ein Dutzend Mal nennt sich Ryfka "das Nachtungeheuer", und genauso oft schimpft David seinen Vater einen "bösen Menschen". Mit der Kraft der Wiederholung will Twardoch das Romangeschehen ins Mythische dehnen. Nuancen sind seine Sache nicht, alles soll stark oder schwach sein, hell oder dunkel, gut oder böse. Das erinnert manchmal eher an Games und Comics und gewinnt eben aus solchen Simplifikationen seine Reichweite.

Twardochs Ehrgeiz geht über das Erzählen spannender Geschichten mit politischer Botschaft noch ein Stück hinaus. Die alternierenden Erzählpersonen, die im besetzten und zerstörten Warschau um ihr Leben kämpfen, sind ausersehen, ein viel größeres Panorama von den Gräueln des Weltkriegs zu entwerfen. Twardoch bedient sich des Kunstgriffs, sie aus einer Art Jenseits (dem "Hiermals", wie es im Gegensatz zum "Damals" genannt wird) erzählen zu lassen, nicht nur als überlebende, sondern auch als allwissend gewordene Berichterstatter. Damit rücken dann die Lebenserzählungen von Leuten ins Bild, die im Roman selbst nur eine Nebenrolle spielen: vom schlesischen Wehrmachtsdeserteur oder vom ukrainischen Nazi-Kollaborateur. Das Wissen um diese handlungsfernen biografischen Hintergründe legt Twardoch seinen Figuren ebenso auf die Schultern wie seine eigenen, oft klugen Gedanken über die kulturelle Situation Schlesiens oder über die Nation als eingebildete Größe. Eigentlich haben die Figuren ja aktuell mit dem Überleben alle Hände voll zu tun, aber sie sollen auch Twardochs essayistische Ambitionen mit im Blick behalten. Solche Ungereimtheiten im Erzählkonzept übertönt Twardoch mit seinem suggestiven, wilden Stil, der gelegentlich auch ins Splatterhafte entgleitet. So etwa, als der junge, aber lernfähige David einem jüdischen Mitkämpfer mal eben auf dessen Bitte das entzündete Bein abnimmt, ohne Narkose natürlich.

Das sind keine einzelnen Eskapaden: Twardochs ganze Herangehensweise an sein Thema ist fragwürdig, und man darf annehmen, er weiß es und lässt sich von Einwänden nicht beirren.

Am Ende geht der Roman dann allerdings auch für den aufgeschlossenen Twardoch-Leser über die rote Linie. Frau und Söhne des Boxers sind, letztes Zeugnis für die Schwäche des "Königs", nach Treblinka deportiert worden. Dem einen Sohn gelingt noch die Flucht aus dem Güterwagen, die Mutter und der andere Sohn werden im Lager sterben. Twardoch gewährt Emilia, der Mutter, einen Schlussmonolog, den man nur obszön finden kann: "Alles wird gut, mein Mäuschen. Kein Grund zur Angst. Alles nicht so schlimm, mein Liebes." Das ist dann der Moment, in dem sich Twardochs ambivalenter Wagemut in ziemlich eindeutigen Kitsch verwandelt.

Szczepan Twardoch: Das schwarze Königreich. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2020, 416 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 28.09.2020

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