"Das Salz der Erde" auf dem Filmfest München:Gipfeltreffen zweier Pathetiker

Lesezeit: 4 min

Wim Wenders und Sebastiao Salgado

Sie teilen wohl die künstlerisch-ethische Überzeugung, dass ein "gutes Foto" die Würde des Porträtierten mehr respektiert als jeder Schnappschuss: Der Filmemacher Wim Wenders (links) und der Fotograf Sebastiao Salgado.

(Foto: Donata Wenders Filmfest)

Wim Wenders verneigt sich vor dem Fotografen Sebastião Salgado: In der neuen Doku "Das Salz der Erde" wirken die ikonografischen Bilder des Brasilianers noch überwältigender als in einer Galerie. Doch in seiner Begeisterung versäumt es der Filmemacher, wichtige Fragen zu stellen.

Von Martina Knoben

Das Kino von Wim Wenders hatte immer schon einen starken Antrieb durch andere Künste. Die Prosa und Poesie Peter Handkes in "Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter" und in "Himmel über Berlin", die Malerei Edward Hoppers nicht nur in "Der amerikanische Freund", die Choreografien Pina Bauschs, die Musik von Madredeus in "Lisbon Story" oder die Entwürfe des Modeschöpfers Yohji Yamamoto in "Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten" . . . Hingabe und künstlerischer Eigennutz verschmelzen in Wenders' Aneignung der Arbeit bewunderter Kollegen.

Nun trifft der große deutsche Filmemacher auf den brasilianischen Star-Fotografen Sebastião Salgado - ein weiteres Gipfeltreffen und eine fast schon zwingende Begegnung.

Wenders wie Salgado sind Weltreisende, verlorene Söhne, die in die Fremde zogen, um sich ein Bild von ihr zu machen, sich dort vielleicht auch neu zu finden. Der Brasilianer Salgado floh vor der Militärdiktatur in seinem Land nach Paris, bereiste als Fotograf und Fotoreporter die Welt. Den Düsseldorfer Wenders zog es nach Amerika, dessen Landschaften, Kino und Popmusik er liebte; später drehte er in Japan, Kuba, Australien oder Portugal. In der ortlosen Dunkelheit eines Ausstellungsraumes treffen die beiden zusammen. Hier betrachten sie Salgados Bilder, der von seinen Reisen und Erlebnissen erzählt.

Es sind überwältigende Fotos, biblisch in ihrer Wucht und ihrem Pathos - "Genesis" hieß Salgados letztes Projekt über den Planeten Erde in seinem unberührten, quasi paradiesischen Zustand. Bekannt wurde Salgado jedoch mit Bildern aus der Hölle: Der Meister monumentaler, schwarz-weißer Bilderserien ist ein Mahner wie die alten Propheten.

Überwältigende Fotos auf der Leinwand

Seine Fotografien, nicht wenige davon ikonografische Bilder, zeigen die Schreckensorte dieser Welt: die Hungersnot in der Sahelzone, Stätten des Völkermordes in Ruanda, die brennenden Ölfelder Saddam Husseins im Golfkrieg oder eine brasilianische Goldmine, in der Menschen ameisengleich schuften, von der Gier nach Gold getrieben.

Auf der Leinwand wirken die Fotografien noch größer, noch überwältigender als in einem Bildband oder einer Galerie. Und es fällt auf, wie stark Ästhetik und Themenwahl Salgados auch den Dokumentarfilm beeinflusst haben. Die Arbeiten des jüngst verstorbenen Michael Glawoggger, "Megacities" oder "Workingmen's Death", kann man in der Nachfolge von Salgados Bilderserien sehen, der sich schon früh mit den großen Themen der Gegenwart beschäftigte: Migration, Hunger, Ausbeutung und Entmenschlichung der Arbeiter.

Dürfen Bilder von Leid und Ausbeutung schön sein? Das wird im Film leider nicht diskutiert

Der dichte Rhythmus, in dem Wenders und sein Co-Regisseur Juliano Ribeiro Salgado, der Sohn des Fotografen, die Bilder präsentieren, schafft eine zusätzliche, beeindruckende Wirkung.

Am stärksten ist der Sog, wenn Salgado erzählt, wie er 1994 in Ruanda Stätten von Massakern fotografierte und die Flüchtlingskatastrophe in der Region, die auf den Völkermord folgte. Da verdichten sich Salgados Bilder und seine Erzählung zum Abbild des Wahnsinns und des Entsetzens. Seine Seele sei krank geworden durch diese Erfahrung, sagt der Fotograf überraschend offen. Sein Gefühl damals: Dass niemand, kein Mensch es verdient habe zu leben.

Danach wandte sich Salgado, der die Natur des Menschen in seinen Bildern studiert hatte wie kaum ein anderer, von der entsetzlichen Spezies ab - und ließ Bäume pflanzen. Er gründete das Instituto Terra, das an der Ostküste Brasiliens gerodete Wälder aufforstet. 2004 begann er außerdem sein "Genesis"-Projekt, für das er über acht Jahre hinweg um die Welt reiste, Tiere, Landschaften und Naturvölker fotografierte. Die Erde sei zu 46 Prozent immer noch im unberührten Stadium des Schöpfungsbuches Genesis, kommentierte Salgado das Projekt.

Der Film folgt der Ästhetik des Fotografen, filmt ihn in Schwarz-Weiß vor schwarzem Hintergrund, mit den gleichen starken Hell-Dunkel-Kontrasten, wie sie Salgado seinen eigenen Bildern verleiht. Häufig spiegelt sich Salgados markantes Gesicht in seinen gerahmten Fotografien - was den Eindruck einer Überblendung erweckt - als würden die Bilder selbst sprechen. Und weil Salgados Kopf auf eine Weise beleuchtet ist, dass er wie von innen zu leuchten scheint, wirkt er wie ein Seher, ein Weiser - da ist viel Bewunderung.

"Das Salz der Erde" ist eine Hommage wie "Pina" oder "Buena Vista Social Club", außerdem das Gipfeltreffen zweier Pathetiker. Schon der Titel spielt ebenso auf Salgados Nachnamen an (der Salz bedeutet) wie auf die biblische Mahnung, dass der Mensch das Salz der Erde sei, kraftloses Salz aber nichts mehr tauge.

Kontrast zwsichen Schönheit und Leid

Das ist nicht der coole, Nouvelle-Vague-geschulte Wenders der frühen Jahre - die Stärke von Salgados Fotografien wie von diesem Dokumentarfilm sind die Überwältigung und der Appell.

Dabei bleibt die Reflexion etwas auf der Strecke. Was es für Salgados Familie bedeutet haben muss, dass der Ehemann und Vater ständig unterwegs war, lässt der Film nur erahnen. Falls es einen Konflikt gegeben hat - der Sohn und Co-Regisseur Juliano Ribeiro Salgado thematisiert ihn nicht. Er hat seinen Vater bei diversen Reisen gefilmt, diese - farbigen - Szenen durchbrechen die Wucht der Interviewszenen. Aber es sind doch die Bilder des Vaters, die im Mittelpunkt stehen.

Ihre Schönheit, die im krassen Kontrast zum Leid und den Verbrechen steht, die sie abbilden, wird im Film leider nicht diskutiert. Dabei hätte das hochspannend sein können, ist als Thema auch für den Dokumentarfilm virulent: Wird Leid "verkauft", wenn es in schönen, gut komponierten Bildern präsentiert wird? Darf ein Fotograf oder Filmemacher Menschen ablichten, die kaum eine Vorstellung davon haben, was gerade geschieht?

Wenders will keinen Streit anzetteln, teilt mit Salgado wohl auch die künstlerisch-ethische Überzeugung, dass ein "gutes Foto" die Würde des Porträtierten mehr respektiert als jeder Schnappschuss. Eine Gespräch über dieses Thema hätte man allerdings sehr gerne gesehen.

"Das Salz der Erde" ist ist diesem Montag, 30. Juni., noch einmal beim Filmfest zu sehen (HFF AudimaxX, 17:30 Uhr) und kommt am 30. Oktober 2014 in die deutschen Kinos.

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