bedeckt München 21°
vgwortpixel

"Das Salz der Erde" auf dem Filmfest München:Gipfeltreffen zweier Pathetiker

Wim Wenders und Sebastiao Salgado

Sie teilen wohl die künstlerisch-ethische Überzeugung, dass ein "gutes Foto" die Würde des Porträtierten mehr respektiert als jeder Schnappschuss: Der Filmemacher Wim Wenders (links) und der Fotograf Sebastiao Salgado.

(Foto: Donata Wenders Filmfest)

Wim Wenders verneigt sich vor dem Fotografen Sebastião Salgado: In der neuen Doku "Das Salz der Erde" wirken die ikonografischen Bilder des Brasilianers noch überwältigender als in einer Galerie. Doch in seiner Begeisterung versäumt es der Filmemacher, wichtige Fragen zu stellen.

Das Kino von Wim Wenders hatte immer schon einen starken Antrieb durch andere Künste. Die Prosa und Poesie Peter Handkes in "Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter" und in "Himmel über Berlin", die Malerei Edward Hoppers nicht nur in "Der amerikanische Freund", die Choreografien Pina Bauschs, die Musik von Madredeus in "Lisbon Story" oder die Entwürfe des Modeschöpfers Yohji Yamamoto in "Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten" . . . Hingabe und künstlerischer Eigennutz verschmelzen in Wenders' Aneignung der Arbeit bewunderter Kollegen.

Nun trifft der große deutsche Filmemacher auf den brasilianischen Star-Fotografen Sebastião Salgado - ein weiteres Gipfeltreffen und eine fast schon zwingende Begegnung.

Wenders wie Salgado sind Weltreisende, verlorene Söhne, die in die Fremde zogen, um sich ein Bild von ihr zu machen, sich dort vielleicht auch neu zu finden. Der Brasilianer Salgado floh vor der Militärdiktatur in seinem Land nach Paris, bereiste als Fotograf und Fotoreporter die Welt. Den Düsseldorfer Wenders zog es nach Amerika, dessen Landschaften, Kino und Popmusik er liebte; später drehte er in Japan, Kuba, Australien oder Portugal. In der ortlosen Dunkelheit eines Ausstellungsraumes treffen die beiden zusammen. Hier betrachten sie Salgados Bilder, der von seinen Reisen und Erlebnissen erzählt.

Es sind überwältigende Fotos, biblisch in ihrer Wucht und ihrem Pathos - "Genesis" hieß Salgados letztes Projekt über den Planeten Erde in seinem unberührten, quasi paradiesischen Zustand. Bekannt wurde Salgado jedoch mit Bildern aus der Hölle: Der Meister monumentaler, schwarz-weißer Bilderserien ist ein Mahner wie die alten Propheten.

Überwältigende Fotos auf der Leinwand

Seine Fotografien, nicht wenige davon ikonografische Bilder, zeigen die Schreckensorte dieser Welt: die Hungersnot in der Sahelzone, Stätten des Völkermordes in Ruanda, die brennenden Ölfelder Saddam Husseins im Golfkrieg oder eine brasilianische Goldmine, in der Menschen ameisengleich schuften, von der Gier nach Gold getrieben.

Auf der Leinwand wirken die Fotografien noch größer, noch überwältigender als in einem Bildband oder einer Galerie. Und es fällt auf, wie stark Ästhetik und Themenwahl Salgados auch den Dokumentarfilm beeinflusst haben. Die Arbeiten des jüngst verstorbenen Michael Glawoggger, "Megacities" oder "Workingmen's Death", kann man in der Nachfolge von Salgados Bilderserien sehen, der sich schon früh mit den großen Themen der Gegenwart beschäftigte: Migration, Hunger, Ausbeutung und Entmenschlichung der Arbeiter.