Das Potter-Phänomen:Willkommen bei den Freaks

Hätten Sie auch gerne die Gabe, nervigen Zeitgenossen einen Ringelschwanz zu verpassen? Das Geheimnis von Harry Potter und seinen zauberhaften Kollegen -

Lena Schilder

15 Bilder

Joanne K. Rowling

Quelle: dpa

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Hätten Sie auch gerne die Gabe, unliebsamen Zeitgenossen bei Gelegenheit ein Schweineschwänzchen zu verpassen? Das Geheimnis von Harry Potter und seinen zauberhaften Kollegen - in Bildern.

Diese Frage muss schon gestellt werden dürfen: Wieso eigentlich passt eine siebenteilige Romanserie über einen Zauberer so gut in unsere Zeit? Was ist das Besondere an Harry Potter, dass Millionen Fans weltweit Schlange stehen, um einen Blick auf seine Zauberwelt zu erhaschen? Und was hat er, was andere Magier aus Literatur und Film nicht haben?

15 Jahre ist es nun schon her, dass eine gewisse Joanne K. Rowling aus Großbritannien (im Bild) ein Buch veröffentlichte: Harry Potter and the Sorcerer's Stone (1997). Das war der Auftakt für einen Hype, der selbst etablierten Helden der Kinder- und Jugendbuchliteratur wie Pippi Langstrumpf und Peter Pan plötzlich den Status literarischer Randerscheinungen verlieh. Und der längst nicht nur Kinder erfasste. Inzwischen gibt es sieben Bände, die allesamt verfilmt wurden, wegen des großen Erfolges der letzte nun gleich doppelt: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1, startet an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos, der zweite Teil ist für kommenden Sommer angesetzt.

Es mag Muggel geben, die Harry Potter für einen nervtötenden, da omnipräsenten Langweiler halten. Und in der Tat gab es vor ihm schon den ein oder anderen jugendlichen Helden, der sich einen bedeutenden Namen als Retter der Menschheit oder wahlweise der Zauberwelt gemacht hat. Was also unterscheidet das Potter-Universum von anderen Zauberwelten, was macht es so besonders?

Hier die Zutaten, die es braucht, um ein magisches Werk dieses Genres zu brauen:

Text und Bildauswahl: Lena Schilder/sueddeutsche.de/rus/kar/bgr

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Quelle: SZ

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Man nehme:

Einen Helden: Der perfekte Held-to-be startet als Außenseiter in das Abenteuer seines Lebens. Sein Loser-Image wird gerne durch seine ihn anpöbelnde Peer-Group untermauert. Trotz seiner Jugend umweht ihn bereits ein Hauch des Tragischen. Mindestens ein Elternteil ist bereits verstorben.

Eine Alltagswelt: Die literarische Alltagswelt funktioniert nach den physikalisch anerkannten Gesetzen unserer außerliterarischen Wirklichkeit. Kein Wunder, dass der gebeutelte Held seinem trüben Alltag möglichst schnell entfliehen will. Ob drüben alles besser wird? Um das herauszufinden, benötigt er eine Übertrittsmöglichkeit. Das kann ein Buch sein, ein Bote aus der anderen Welt oder zur Not auch ein alter Schrank.

Eine Zauberwelt: Sie wird durch ganz eigene aber kohärente Gesetzte geregelt und beherbergt ein Sammelsurium magischer Wesen. Oftmals herrscht ein nostalgischer, vorindustrieller Charme vor - und natürlich ein finsterer Bösewicht. Es gilt, den Kampf Gut gegen Böse auszufechten.

Einen Tyrannen: Er schart zahlreiche schreckliche Helfer um sich, bedroht die Zauberwelt und nimmt sich als waschechter Despot die Freiheit, Richter über Leben und Tod zu sein.

Eine Quest: Ist die Aufgabe, die der Held zu erledigen hat. Schon von Geburt an und meistens durch eine Prophezeiung ist der Held als Gegner des Tyrannen auserkoren. Das passt ihm natürlich nicht. Aber was will er machen?

Kommt Ihnen irgendwie bekannt vor? Das ist keine Zauberei: 

Das Bild zeigt die "Wizarding World of Harry Potter" - den Themenpark in Florida.

Johnny Depp

Quelle: APN

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Schon lange vor Harry Potter gab es kindliche Helden, die mehr oder weniger stramm durch die Zauberwelt marschierten.

Zum Beispiel die blonde Alice in Alice's Adventures in Wonderland von Lewis Carroll, erschienen 1865. Das Bild entstammt der Verfilmung von Tim Burton aus dem Jahre 2010 mit Johnny Depp als verrücktem Hutmacher.

Der Held: Alice natürlich.

Die Alltagswelt: Alice bekommt von ihrer älteren Schwester im Park etwas vorgelesen. Das ist ziemlich einschläfernd - jedenfalls nicht so spannend, wie das kleine Kaninchen, das plötzlich hektisch mit einer Uhr an ihr vorbeihoppelt.

Die Zauberwelt: Sie folgt ihm in seinen Kaninchenbau, fällt hindurch und fortan steht alles Kopf: Groß ist klein ist dick ist dünn. Verwirrte Hasen, verrückte Hutmacher, sprechende Blumen und eine Grinsekatze ... willkommen im Wunderland! Manche habe Wunderland gar mit dem Land verglichen, das man betritt, wenn man sich eine Ladung LSD eingeworfen hat.

Der Tyrann: Verrückt sind hier irgendwie alle. Und die Logik steht Kopf. Doch böse ist eigentlich nur die Herzkönigin, deren liebsten Hobby es ist, jemandem den Kopf abzuhacken. Besonders der von Alice scheint dafür bestens geeignet zu sein.

Die Quest: Alice' Aufgabe besteht darin, von einer skurrilen Begegnung zur nächsten zu wandeln, dabei ab und zu die Größe zu wechseln - und den Kopf immer schön auf dem Hals zu behalten. Mit der richtigen Größe für ein kleines Mädchen und allen Körperteilen am richtigen Platz erwacht sie schließlich wieder neben ihrer Schwester.

"Peter Pan: Neue Abenteuer in Nimmerland"

Quelle: DPA-SZ

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Peter Pan or the Boy who wouldn't grow up von James Matthew Barrie, 1904. Hier ein Bild der Disney-Verfilmung aus dem Jahre 1953.

Der Held: Peter Pan aus der Zauberwelt, aber auch Wendy und ihre Brüder aus dem ganz normalen England.

Die Alltagswelt: In London lebt Wendy mit ihren Brüdern John und Michael und mit ihren Eltern. Bis eines Tages Peter Pan an ihrem Fenster vorbeifliegt und die Kinder mit nach Nimmerland nimmt.

Die Zauberwelt: Ist eine Insel und der Traum aller Jungs. Hier muss man nämlich nicht erwachsen werden, sondern darf lebenslang ganz ungeniert Indianer oder Pirat spielen. Peter und seine Gang, die "Verlorenen Jungs", kämpfen dort vor allem gegen einen Schurken.

Der Tyrann: Der böse Captain Hook. Irgendwann sind die Darling-Kinder sehr erschöpft von all den Freiheiten und Abenteuern - und kehren zu ihren Eltern und ihrem geregelten Familienleben zurück.

Die Quest: Zahlreiche Schlachten mit Captain Hook unbeschadet überstehen.

Party For 'The Chronicles Of Narnia'

Quelle: Getty Images

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The Chronicles of Narnia - eine siebenbändige Reihe von C. S. Lewis (erschienen zwischen 1950 und 1956).

Der Held: Ein Grüppchen von Protagonisten, die sich innerhalb der Serie auch mal abwechseln. Hier braucht es nicht den einen Helden.

Die Alltagswelt: Kann mit Hilfe eines Schrankes verlassen werden.

Die Zauberwelt: Auch hier tobt der nie enden wollende Kampf zwischen Gut und Böse. Löwe Aslan hat Narnia einst mit seinem Brüllen erschaffen und braucht jetzt die Hilfe der Kinder, um seine Welt zu stabilisieren, inklusive sprechender Tiere und viel Magie.

Der Tyrann: Die böse Weiße Hexe Jadis. Sie hüllt das Land in einen hundertjährigen Winter. 

Die Quest: Narnia zu einem friedlichen Land zu machen.

Laut dem Cambridger Literaturprofessor C. S. Lewis ist die Zauberwelt in der Lage, uralte Sehnsüchte zu erfüllen. Auch Religionsersatz spiele durchaus eine Rolle. Darüber dürfte er sich des Öfteren mit seinem guten Freund und Oxford-Kollegen J. R. R. Tolkien unterhalten haben - der hat ihn in Sachen Zauberwelt sogar noch übertroffen.

Das Bild zeigt die Schauspieler (von links) William Moseley, Skandar Keynes, Tilda Swinton and Georgie Henley (vorne), bei der Filmpremiere von Die Chroniken von Narnia 2005.

Elijah Wood in "Herr der Ringe: Die Gefährten"

Quelle: AP

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Mit Der Herr der Ringe, erschienen zwischen 1954 und 1955, begründete J. R. R. Tolkien die High-Fantasy. Und entwarf die detaillierteste Zauberwelt aller Zeiten.

Der Held: Frodo gehört zum friedliebenden Volk der Hobbits aus dem Auenland. Hobbits sind eher für ihre Trink- und Feierfreudigkeit denn für ihren Mut bekannt. Perfekte Voraussetzungen also, dass der Held aus ihren Reihen stammt.

Die Alltagswelt: Die Alltagswelt existiert nicht - ein Fantasy-Roman wie er im Buche steht. So detaillreich und dicht wie die Zauberwelt ausgeschmückt ist, war für den langweiligen Alltag auch einfach kein Platz mehr.

Die Zauberwelt: Heißt Mittelerde und wird von Trollen, Elben, Menschen und zahlreichen anderen Wesen bevölkert. Untermauert hat Tolkien sein Land mit sehr exakten Landkarten, Stammbäumen und einer ausgereiften Mythologie. Zudem sprechen die einzelnen Grüppchen jeweils ihre eigene Sprache - die Tolkien bis ins kleinste grammatikalische Detail ausgearbeitet hat. Ist das nicht übertrieben? Keinesfalls, so Tolkien. Eine kohärente Zauberwelt sei essentiell wichtig, denn sobald die kleinste Unstimmigkeit aufträte, sei der Zauber gebrochen.

Der Tyrann:  Der böse Sauron will den einen noch übrig gebliebenen Ring, der die Macht hat, ihn zum Alleinherrscher über alle anderen zu machen, an sich reißen.

Die Quest: Diesen bösen Ring soll Frodo endgültig vernichten.

Tolkien war übrigens der Meinung, eine Zauberwelt sei viel eher für Erwachsene denn für Kinder geeignet - die bedürften einen Ausgleich zur Alltagswelt nämlich längst nicht so dringend. Ausgleich scheint zu Tolkiens Zeit besonders wichtig gewesen zu sein - entstanden seine Werke doch unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Bild zeigt Elijah Wood in Herr der Ringe: Die Gefährten, verfilmt von Peter Jackson.

Mio mein Mio

Quelle: Kinowelt Home Entertainment

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Astrid Lindgren mit Mio, mein Mio (1954)

Der Held: Der kleine Bosse ist Waise und lebt in Stockholm bei "Tante" und "Onkel", die eigentlich viel lieber ein Mädchen adoptiert hätten.

Die Alltagswelt: Ist ziemlich trostlos. Tagsüber beobachtet Bosse eifersüchtig das heile Familienleben seines einzigen Freundes Benke. Abends sitzt er traurig im Park, weil sowieso keiner auf ihn wartet. Denkt er - bis ihn ein Geist als den lange Gesuchten erkennt. Und ihn prompt ins Paradies entführt.

Die Zauberwelt: Ist das idyllische und märchenhafte Land der Ferne. Und hier wartet Bosses Vater, der König persönlich, schon ganz aufgeregt auf seinen Sohn. Der heißt fortan Mio. Alles wäre so schön, gäbe es da nicht ...

Der Tyrann: ... den fiesen Ritter Kato mit der Eisenhand und dem Herz aus Stein, der Kinder in seine dunkle Trutzburg verschleppt.

Die Quest: Dummerweise ist es Mios Job, den Widerling zu entsorgen - so ist es vorherbestimmt. Da wird man schon in eine Zauberwelt geladen und muss doch die Drecksarbeit erledigen. Doch Mio stellt sich und besiegt den Gruseligen.

Den erwachsenen Leser beschleicht bei der Lektüre der Verdacht, dass Mio die Zauberwelt lediglich imaginiert - und im Grunde die ganze Zeit auf seiner Bank verharrt - mit der Weigerung nach Hause zu gehen. Wo sowieso niemand auf ihn wartet.

Dies wäre nicht die einzige Zauberwelt, die ein kleiner schwedischer Protagonist sich selbst ausdenkt:

Das Bild zeigt das Cover der DVD zum Film.

Astrid Lindgren

Quelle: DPA

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Die Brüder Löwenherz aus dem Jahre 1973, ebenfalls von Astrid Lindgren. Das Bild zeigt die Autorin.

Der Held: Krümel, eigentlich Karl, ist todkrank und bettlägrig. Er ist ziemlich klein geraten und irgendwie krumm gebaut. Ganz anders als sein großer Bruder Jonatan, der bei allen beliebt ist und wie ein kleiner Prinz aussieht.

Die Alltagswelt: Den Vater gibt es nicht, die Mutter ist darüber immer noch traurig. Als ein Brand ausbricht, stirbt auch noch der geliebte Jonatan. Immerhin teilt er Krümel noch mit, in Nangijala auf ihn zu warten. Bald sehen sie sich dort wieder.

Die Zauberwelt: Nangijala ist ein idyllisches Örtchen - und Karl plötzlich vollkommen gesund. Mit Jonatan lebt er im beschaulichen Kirschblütental. Die Idylle ist, wie sich das gehört, bedroht durch ...

Der Tyrann: Tengil. Der führt ein Terrorregime. Als wäre das nicht genug, gibt es auch noch den Drachen Katla und den Lindwurm Karm als Ärgernis obendrauf.

Die Quest: Ganz klar - den Despoten vernichten. Das gelingt, doch leider wird Jonatan dabei schwer verwundet. Nur durch einen Sprung in die nächste Welt können die Brüder weiterhin gesund und glücklich miteinander leben - wenn da nicht gleich der nächste Bösewicht auf die Brüder Löwenherz warten würde.

Auch in dieser Geschichte finden sich Hinweise darauf, dass Karl Nangijala imaginiert. Die Zauberwelt ist hier eine Allegorie für den Tod - womit Astrid Lindgren eine öffentliche Debatte darüber auslöste, ob der Tod in einem Kinderbuch thematisiert werden dürfe.

Michael Ende "Die unendliche Geschichte"

Quelle: picture-alliance/ dpa

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Die unendliche Geschichte (1979) schrieb Michael Ende als Antwort auf den Vorwurf der 68er-Generation, bei phantastischer Literatur handele es sich um "Fluchtliteratur".

Der Held: Bastian Balthasar Bux liest über das zauberhafte Reich Phantásien, das der zwölfjährige Atreju (im Bild links, dargestellt von Noah Hathaway) vor einer unbekannten Bedrohung retten soll. Und begreift lange nicht, dass er, Bastian, als kleiner dicker Außenseiter viel besser für den Job geeignet ist.

Die Alltagswelt: Bastians Mutter ist verstorben, sein Vater spricht kaum mehr mit ihm und seine Mitschüler stecken ihn zur Belustigung gerne mal in die Mülltonne. Höchste Zeit abzuhauen also - mit einem Buch, das für Neuankömmlinge offen ist, gar kein Problem.

Die Zauberwelt: Im Reich Phantásien herrscht die Kindliche Kaiserin friedlich über zahlreiche magische Wesen und ist ganz krank vor Sorge um ihr schönes Paradies.

Der Tyrann: Das unbarmherzige "Nichts" frisst riesige Krater in das Land. Wenn kein Kind die Zauberlandschaft mehr betritt, sieht es bald ganz finster aus.

Die Quest: Bastian muss der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben. So weit, so einfach. Er darf sich aber auch nicht in Phantásien verlieren. Am Ende heißt es: Mission erfüllt, Bastian ein Held und der Vater ganz froh, dass sein Junge heimgekommen ist.

Buch und Verfilmung (1984) schlugen ein wie eine Bombe. Weil sie auf so liebevolle wie wunderschön bebilderte Weise den Kindern wie den Erwachsenen klarmachten: Kinder haben besondere Fähigkeiten, die Erwachsene ihnen und sich bewahren sollten. Am Ende stellte der Autor Michael Ende aber noch klar: Phantasie ist schön und gut - die Anbindung an die Realität darf dabei aber nicht verloren werden.

Das Bild entstammt der Verfilmung von Wolfgang Petersen aus dem Jahr 1984.

Jahreswechsel - Cornelia Funke

Quelle: dpa

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Tintenherz aus dem Jahre 2003. Das Bild zeigt Cornelia Funke, die als derzeit erfolgreichste deutsche Autorin gilt.

Der Held: Die zwölfjährige Meggie. Sie lebt bei ihrem Vater Mo. Ihre Mutter verschwand, als sie noch ein Baby war.

Die Alltagswelt: Wird erst spannend, als ungewaschene Männer bei Meggie und ihrem Vater auftauchen. Die sind einem mittelalterlichen Buch entstiegen - Meggies Mutter steckt dafür in selbigem fest. Also heißt es, selbst beherzt in das Buch Tintenherz zu hüpfen und sich auf die Suche zu begeben.

Die Zauberwelt: Ist im Mittelalter angesiedelt und bevölkert von Rittern, Schurken und Fabelwesen. Und natürlich standesgemäß auch von einen ziemlich unbequemen Typen.

Der Tyrann: Der böse Capricorn und der noch bösere Schatten, die verhindern möchten, dass Maggies Mutter aus dem Buch herausgelesen werden kann.

Die Quest: Die Bösewichte zu vernichten und ihre Mutter zu befreien. Klappt natürlich. Und weil Meggie und ihr Vater sich so geschickt angestellt haben, durften sie in den Fortsetzungen Tintenblut und Tintentod wieder zwischen den Welten pendeln.

Auch Cornelia Funke richtet es sich offenbar gerne gemütlich in ihren Zauberwelten ein. Unlängst erschien der erste Teil ihres neuen Romanzyklus Reckless. Die Namen der Protagonisten sind inzwischen alle US-tauglich und schreien geradezu nach Verfilmung. Wenn bei so viel Offensichtlichkeit die Phantasiewelt mal nicht ihren Zauber einbüßt.

Harry Potter; Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson

Quelle: dpa

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Was also ist das Besondere an Harry Potter? Zahlreiche Anlehnungen, vor allem an Der Herr der Ringe, sind offenbar. Gandalf ist Dumbledore, Der Ring sind die Horcruxe und auch die Bewohner von Rowlings Welt sprechen unterschiedliche Sprachen. Also alles nur geklaut? Schauen wir uns die Kategorien noch mal genauer an: 

Der Held: Harry ist, sein gewöhnlicher Name verrät es, eigentlich ein ziemlich normaler Junge. Seine Eltern sind bereits verstorben und er fristet ein Aschenputtel-Dasein bei den Dursleys. Ein recht typischer Held der phantastischen Kinder- und Jugendbuchliteratur also.

Das Bild zeigt Harry (Daniel Radcliffe, links), Ron (Rupert Grint) und Hermine (Emma Watson).

Kinofilm "Harry Potter und der Stein der Weisen"

Quelle: REUTERS

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Die Alltagswelt: Ist, zumindest was das Leben bei den Dursleys anbelangt, ziemlich einengend. Aber: Auch Kinder aus nichtmagischen Familien (Hermine) können über Zauberpotential verfügen - und werden in die Zaubererschule Hogwarts eingeladen. Ist es in anderen Werken also ein einzelner Held oder bestenfalls ein illustres Grüppchen, denen der Weg in die Zauberwelt offensteht, öffnet sie sich hier prinzipiell jedem Kind. Da mag der eine oder andere Leser bisweilen sehnsüchtig aus dem Fenster schauen - in der Hoffnung, eine Eule mit einem Brief im Schnabel flöge zielstrebig auf sein Fenster zu.

Dass Hexen und Zauberer der Zauberwelt nicht von Anfang an angehören müssen, ist eine Besonderheit der Harry-Potter-Konzeption.

Wie aber gelangt man in die Zauberwelt? Natürlich mit dem Hogwarts-Express. Auch fliegende Motorräder und Autos eignen sich für den Transport. Aber Hogwarts ist nur ein kleiner Teil der Zauberwelt.

Das Bild zeigt eine Filmszene aus Harry Potter and the Sorcerer's Stone aus dem Jahr 2001.

Film Harry Potter

Quelle: AP

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Die Zauberwelt: Eine separate Zauberwelt gibt es im Grunde nicht. Muggelwelt und Zauberwelt befinden sich auf demselben Territorium. Es gibt versteckte Eingänge und ein einziges Dorf in Großbritannien, das ausschließlich von Zauberern bewohnt wird. Ansonsten mischen sich die Zauberer unter die Muggelbevölkerung. Die kapiert das natürlich nicht. Und stempelt die merkwürdig gekleideten Zeitgenossen lieber als Freaks ab. Zudem ist die Geheimhaltung der Zauberwelt oberstes Gebot des Ministry of Magic. Das Zaubern vor den Augen der nichtmagischen Bevölkerung ist strengstens untersagt.

Die Zauberwelt ist zudem keine vorindustrielle Idylle - es gibt zahlreiche Markenprodukte und eine sehr strenge Bürokratie. Genug Vergleichsmöglichkeiten zur Alltagswelt also. Der Held muss zudem ebenfalls die Schulbank drücken, hat ungerechte Lehrer und fiese Mitschüler. Die Zauberwelt ist somit kein Gegenpol zur Alltagswelt - sondern eine Spiegelung mit zahlreichen humorvollen Verschiebungen.

Darin liegt wohl der größte Zauber der magischen Welt Harry Potters: Sie funktioniert nach eigenen Gesetzen, ist voller skurriler Einfälle und merkwürdiger Wesen - und ist doch so nah an der Alltagswelt, dass der gemeine Leser mühelos eine Beziehung zu ihr herstellen kann.

Das Bild zeigt eine Filmszene aus "Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1".

Film Harry Potter

Quelle: AP

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Der Tyrann: Einen Bösewicht gibt es natürlich auch. Und was für einen - Lord Voldemort. Besser bekannt als "Der, der nicht genannt werden darf". Im Gegensatz zu vielen anderen Bösewichten der phantastischen Literatur und der Fantasy-Literatur besitzt dieser keinen klar lokalisierbaren Herrschaftssitz. Erst führt er viele Bände lang ein parasitäres Leben im Untergrund und bewohnt die Körper von Schlangen oder Menschen. Nach Wiedererlangen seines eigenen Körpers wechselt er seine Unterschlüpfe wie andere die Unterhosen. Auch wer zu seiner Anhängerschaft gehört, bleibt lange unklar.

Solch ein moderner Bösewicht scheint gut in die Jetztzeit zu passen, unter dem Stichwort Terrorismus. Wobei das Böse auch eine eigene Ideologie verbreitet, die Erinnerungen an den Nationalsozialismus und seine Rassenideologie wecken. So plädieren Voldemort und seine Anhänger dafür, dass ausschließlich Kinder mit reinem Zaubererblut in Hogwarts aufgenommen werden, während Kinder, bei denen nur ein oder gar keine Elternteil ein Zauberer ist, als unbefugte Eindringlinge gesehen - und verfolgt werden.

Das Bild zeigt Ralph Fiennes in der Rolle Lord Voldemorts.

Film Harry Potter

Quelle: AP

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Die Quest: Läuft dann wieder recht klassisch ab. Das finale Zusammentreffen zwischen Lord Voldemort und Harry wurde in sieben Bänden vorbereitet. Das Miträtseln über die mysteriösen Parallelen, die zwischen Harry und Voldemort bestehen, ist ein weiterer Grund, warum die Serie ihre Leser so treu bei der Stange halten konnte. Lord Voldemort wird, keine große Überraschung, schließlich vernichtet - oder hat jemand ernsthaft geglaubt, Harry könne den Kampf verlieren?

Das Bild zeigt Daniel Radcliffe und Emma Watson im ersten Teil der Verfilmung von "Die Heiligtümer des Todes".

© sueddeutsche.de
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