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Das Popmusik-Jahr 2014:Gescheiterte PR-Kampagnen und Frauenbärte

Sheezus, die. Den Mainstream-Pop dominieren derzeit die Frauen, und sie tun es alle mit einer Mischung aus ihrer Musik, ihrer Körper und einer konstanten Präsenz in sämtlichen Social-Media-Kanälen. Den Meta-Kommentar dazu liefert die Engländerin Lily Allen mit ihrem Album "Sheezus". Wenn man dem Titeltrack zuhört, könnte man auf die Idee kommen, das Business bestehe nur noch aus Frauen und Internet. Allen, die als Ur-Internet-Star gelten darf, die ihr erstes Album auf Myspace vertrieb und aggressives Twittern betrieb, als Lorde und Taylor Swift noch Rechtschreibung lernten, scheint dem Ganzen allerdings eher zwiespältig und genervt gegenüber zu stehen. Meredith Haaf

Songs des Jahres, zehn; weil man manchmal ja nicht ewig Zeit hat: Taylor Swift - "Shake It Off"; Nick Mulvey: "Fever To The Form"; Alt-J - "Hunger Of The Pine"; Jamie xx - "All Under One Roof Raving"; Caribou - "Can't Do Without You"; Beyoncé feat. Nicki Minaj -"Flawless"; Kendrick Lamar - "I"; Banks: "This Is What It Feels Like"; FKA Twigs - "Video Girl"; Chet Faker - "Gold"; Sylvan Esso: "Coffee".

Spotify, schwedischer Musikstreaming-Dienst. Die gigantische Songsammlung aus Schweden erweist sich ja als recht massiver Brückenpfeiler auf dem Weg in die Zukunft des Musikhörens. 2014 war das Jahr, in dem Spotify mit 40 Millionen Nutzern (davon 10 Millionen zahlende), nicht nur einen neuen Hörerrekord vermelden konnte, sondern auch massive Kritik zu verdauen hatte. Taylor Swift, die Königin des Popjahres, lässt ihre Musik seit Herbst nicht länger über Spotify streamen - angeblich, weil schon die Einnahmen der neuen Single nicht den Erwartungen entsprachen. Pro abgerufenen Song zahlt Spotify etwa zwischen 0,6 bis 0,8 Cent an die Künstler aus. Max Scharnigg

Swift, Taylor, amerikanische Sängerin. So richtig kann ja niemand ernsthaft gegen Taylor Swift sein - kein Bikini Kill-Fan, keine 13-jährige Schönheitskönigin, kein bierbäuchiger Familienvater. Schließlich ist sie für uns alle da. Klar, darum ging es im Pop schon lange bevor der normalste Popstar unserer Zeit überhaupt geboren wurde: um alles, um das Leben von Millionen Menschen in einem Drei-Minuten-Popsong. Nirgendwo wurde 2014 aber der Rausch der Globalisierung so schön auf die Spitze getrieben wie auf dem Polaroid-Cover des Albums, das sie vom Country-Darling endgültig zur Popgigantin beförderte: ein Bild wie ein Instagram-Selfie, im putzigen Möwenpulli, Hashtag Nostalgie. Dieses Mädchen auf dem Cover, ein Mädchen, das sich in der großen Stadt selbst sucht - wir könnten es alle sein. Mit fast drei Millionen verkauften Platten ist sie der größte kleinste gemeinsame Nenner dieses Popjahres. Annett Scheffel

Tempest, Kate, britische Rapperin, Theaterautorin und preisgekrönte Dichterin. Noch nie waren sich Rap und Dichtung, also literarische E- und U-Kultur so nah wie in Person der 28-jährigen Londonerin Kate Esther Calvert alias Kate Tempest, deren Debüt-Album "Everybody Down" in diesem Jahr erschien. Was genau das bedeutet, darüber wird gerade noch heftig nachgedacht. Jens-Christian Rabe

U2, irische Rockband. Eine grandios angelegte PR-Kampagne, die grandios scheiterte: der teuerste Slapstick aller Zeiten. Was war das für eine Aufregung! Die Band U2 lud ihr neues Album ungefragt allen iTunes-Nutzern auf die Festplatte, aber die Welt ging nicht in Dankbarkeit auf die Knie. Was niemand bemerkte: Die Aktion war für U2 in erster Linie ein guter Trick, um nicht über reale Verkaufszahlen reden zu müssen. Die waren bei den letzten Alben weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben, bei "Songs Of Innocence" konnte man jetzt stolz verkünden: 26 Millionen Downloads. Max Fellmann

Wanda, Wiener Indiepop-Band. "Tante Ceccarelli hat einmal in Bologna Amore gemacht!" Und binnen Tagen hat die Wiener Band Wanda diese Textzeile aus ihrem Hit "Amore" zum Indie-Gassenhauer gemacht. Ist das schon das grandiose Comeback des Austropop? Oder nur ein subversiv-charmantes Lokalphänomen? Fest steht, mit ihrem Album "Amore" hat die Band um den arg lässigen Marco Michael Wanda endlich wieder ein bisschen Schwung in den an Ernsthaftigkeit lahmenden deutschsprachigen Indiepop gebracht. Allein wie die Jungs rauchen, wie sie auf die Bühne spucken, wie sie rotzig hinklampfen und wie sie die komischen Geschichten erzählen. Max Scharnigg

Wurst, Conchita, österreichische Sängerin. Bärte in Gesichtern von Frauen, die Männer sind: Ende der Sechzigerjahre gab es das bei der queeren Performance-Truppe The Cockettes aus San Francisco, später bei der Berliner Drag-Queen Gloria Viagra oder bei Pavel Petel, dem ukrainischen Burlesk-Bodybuilder (zwei Zentner Muskeln auf zwanzig Zentimeter hohen Lackstilettos - unbedingt googeln!). Neu ist der Look von Conchita Wurst aus Österreich also nicht. Neu ist, dass so eine Figur singt wie Céline Dion und dass sich mit ihr Europa vereinen lässt - bei der Abstimmung zum Eurovision Song Contest gegen Russland und Putins homophobe Politik.

Als Signal war ihr Siegersong "Rise Like A Phoenix" toll, als Musik arg glattrasiert. Was vermutlich der Idee geschuldet war, niemanden auszuschließen - so wie Conchita Wurst von niemandem ausgeschlossen werden möchte. In der "Wurstgemeinde" soll sich noch der biederste Musikgeschmack aufgehoben fühlen, und sie soll weiter wachsen. Bis sich der Bart, diese strategisch platzierte Irritation des Genderkonservativismus, erübrigt hat und wieder verschwinden darf. Oder bis ihn niemand mehr sieht. Jan Kedves

© SZ vom 17.12.2014/pak
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