"Das Original" von John Grisham Erweckt die verwegene Liebe zum physischen Buch am Ende die physische Liebe?

Der Belustigung des Lesers, an der skurrilen Autorenkoterie auf der sonnenverbrannten Insel teilzuhaben, tut Zweideutigkeit keinen Abbruch, im Gegenteil. Versoffene Figuren, Produzenten schlüpfriger Schundromane, ambitionierte, aber schwer gehemmte Lyriker, begabte Erfolgsautoren, alle finden sich lästernd oder katzenjammernd an den gemeinsamen Tafeln ein. Bücher bringen an jedem Ort die Typen hervor, die er verdient.

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Unter diesem Aspekt besonders interessant ist jener höchst charmante Buchhändler Bruce Cable, Herz und Seele und Hahn im Korb dieser um sich selbst kreisenden Szene. Grisham porträtiert ihn als äußerst belesenen, anregenden Kenner vor allem der amerikanischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine wahre Liebe allerdings gilt deren Erstausgaben und Autografen, mögen sie auf sauberen oder weniger sauberen Wegen in den Handel gelangt sein. Kann denn Liebe Sünde sein?

Großer Verführungskünste braucht es daher gar nicht mehr, um reihenweise Autorinnen in das Schlafzimmer des Bibliophilen zu locken. Auch die als Spionin eingeschleuste Literatin ist, gegen ihren Willen, nicht gefeit. Grishams lakonische Sprache ist weiß Gott nicht geeignet, erotische Subtilitäten zu beschreiben. Darum lässt er das auch bleiben und begnügt sich damit, Bruce Cable die Züge eines Playboys zu verleihen, genauer der Südstaaten-Provinzausgabe eines Playboys, der sich nicht geniert, im hellblau gestreiften Seersuckeranzug mit gelber Fliege im Cabriolet über die Mainstreet des Inselstädtchens zu kurven. Was bei einem Banausen oberpeinlich wäre, geht beim Connaisseur der Wortkunst als optische Steigerung durch.

Ist es in Wahrheit die schöne Literatur, die verführt? Oder ist es vielmehr die Zwielichtigkeit verwegener Liebe zum physischen Buch, die auch die physische Liebe weckt? Keine Sorge, wie alle Grisham-Thriller ist auch "Das Original" nicht durch Gedankenschwere angekränkelt. Sämtliche Ambivalenzen, mit denen der Roman reichlich aufwartet, sind allenfalls angedeutet oder bleiben gleich zwischen den Zeilen. Aber wer wen verrät und dabei selbst hinters Licht geführt wird, diese Spannung hält die Jagd nach dem "großen Gatsby" und den anderen vier millionenschweren Manuskripten bis zum Ende. Kommen sich schließlich die Liebe zum Buch und die Liebe zum Geld ins Gehege oder decken sie sich - im Glücksfall? Wer meint, seinen Grisham zu kennen, kann sich vorweg auf die Wette einlassen, ob sich Verbrechen in dem Roman auszahlt oder nicht. Aber selbst der sollte sich für die Antwort auf die Folter spannen lassen und das Buch von vorne bis hinten lesen.

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John Grisham: Das Original. Roman. Aus dem Englischen von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter, Imke Walsh-Araya. Heyne Verlag, München 2017. 368 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.