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Film "Das Neue Evangelium":Passion für Gerechtigkeit

The Revolt of Dignity and The New Gospel  Directed by Milo Rau

Jesus (Yvan Sagnet in der Mitte) und seine Jünger feiern das letzte Abendmahl - auf Plastikstühlen, in einer Szenerie am Straßenrand.

(Foto: Armin Smailovic)

Der Schweizer Regisseur Milo Rau, Wirklichkeitsforscher in Theater und Kino, hat einen Bibelfilm gedreht. "Das neue Evangelium" zeigt Jesus auf sehr ungewohnten Pfaden.

Von Christine Dössel

Das süditalienische Matera war im vergangenen Jahr "Kulturhauptstadt Europas". Das war würdig und recht, aber eigentlich ist Matera sehr viel mehr, nämlich die Bibelfilmstadt der Welt. Als solche schlägt sie das alte, originale Jerusalem um Zelluloidmeterlängen und Gigabytes. Die kleine Stadt in der Basilikata, ganz unten an der Schuhsohle des italienischen Stiefels, ist einer der ältesten besiedelten Orte überhaupt und blieb aufgrund von elenden Um- und Zuständen lange so "naturbelassen": ursteinerne Anmut in bitterster Armut, behauste Höhlen ohne Wasser und Strom.

Pier Paolo Pasolini drehte hier 1964 sein Schwarzweiß-Epos "Das 1. Evangelium - Matthäus", Mel Gibson 2004 seine aufpeitschende "Passion Christi", und auch der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau entschied sich, als er gebeten wurde, für das Kulturhauptstadt-Jahr etwas in Matera zu inszenieren, in quasi apostolischer Nachfolge für einen Jesus-Film: "Das neue Evangelium". Darin sieht man nicht nur die biblischen Geschehnisse, sondern auch dokumentarische Szenen aus der italienischen Flüchtlings-Wirklichkeit, und man bekommt Einblicke hinter die Kulissen der Produktion.

So steht Milo Rau am Anfang mit seinem Hauptdarsteller Yvan Sagnet auf einem Mauervorsprung über der Stadt, unter ihnen das sensationelle Häusergewucher in nächtlichem Dämmer. Rau zeigt auf das Murgia-Plateau gegenüber und sagt: "Das ist Golgota." Dort hätten Pasolini und Gibson die Kreuzigungsszene gedreht, und auch sie würden dort die Kreuzigung drehen. Praktischerweise befänden sich noch immer die Löcher im Boden, um das Kreuz reinzustellen. "Wenn wir dort drehen, machen wir einfach ,klick', und es sitzt fest."

Ausschlaggebend für Rau war die Frage, wer oder was Jesus heute sein könnte

Kreuzweg, "Klick" und Klappe, und festgerammt ist der Bibelfilm der Jetztzeit? Nein, so leicht macht es sich Milo Rau natürlich nicht. Er geht sein Jesus-Projekt genauso komplex und semi-dokumentarisch an wie seine politischen, oft aufsehenerregenden Theaterinszenierungen - darunter "Hate Radio", "Five Easy Pieces", "Orest in Mossul" - und seine bisherigen Filme, etwa "Die Moskauer Prozesse" (2014) oder "Das Kongo Tribunal" (2017). In all diesen Arbeiten geht es nie nur um die Erzählung einer Geschichte oder die Aufarbeitung eines Themas, sondern immer auch um soziale Recherche, politische Lebenswirklichkeit und Ungerechtigkeit, Teilhabe derer, um die es geht. Und nicht zuletzt um die Veränderung der Welt.

Ausschlaggebend für Raus "Neues Evangelium" war die Frage, wer oder was Jesus heute sein könnte, was er sagen, mit wem er sich umgeben, wofür er eintreten und womöglich sogar sterben würde. Die Antwort darauf ist sein Protagonist, der politische Aktivist Yvan Sagnet, geboren 1985 in Kamerun, beworben als "der erste schwarze Jesus der europäischen Filmgeschichte". Sagnet hat in Italien nicht nur studiert, sondern auch Erfahrungen als einer jener Erntehelfer gesammelt, gegen deren Ausbeutung er kämpft, im Leben wie im Bibelfilm. 2011 war er eine treibende Kraft beim allerersten Streik, den Feldarbeiter mit Migrationshintergrund in Italien organisierten, er hat darüber auch ein Buch geschrieben. 2017 wurde er mit dem Verdienstorden der Italienischen Republik geehrt.

Regisseur Milo Rau mit seinem schwarzen Jesus Yvan Sagnet. Der Film ist auch ein Making-of.

(Foto: Armin Smailovic)

Ein Rädelsführer, Streikaufrufer, (Straßen-)Kämpfer für Gerechtigkeit und bessere Lebensbedingungen ist auch Sagnets lässiger, eloquent Italienisch sprechender Jesus, Typus "Menschenfänger". Seine Jünger, fast alle schwarz wie er, rekrutiert er in den Matera umgebenden Flüchtlingslagern, in Italien "Ghettos" genannt. Die hier in armseligen Wellblechhütten hausen, sind Gestrandete, die aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa gekommen sind, in der Hoffnung auf ein menschenwürdigeres Leben. Nun rackern sie in einem mafiös strukturierten System für Minilöhne auf trostlosen Tomatenfeldern, Sklaven des 21. Jahrhunderts, ohne Papiere, ohne Perspektive, ausgebeutet für unsere Tomatensoßen in Dosen. Die Kamera lässt Einzelne mit ihrer Leiderfahrung zu Wort kommen, und sie ist dabei, wenn sie gemeinsam mit "Jesus" Sagnet auf die Straße gehen, mit Plakaten und Mikrofonen eine "Rivolta della dignità" ausrufend, eine Revolte der Würde.

Solche Szenen aus dem real existierenden Flüchtlings- und Protestleben wechseln mit nachgespielten Kapiteln aus der Bibel. Die Versuchung Jesu in der Wüste ("Weiche Satan!"), der Einzug in Jerusalem (gerahmt von fotografierenden Matera-Touristen), die Vertreibung der Händler aus dem Tempel (eine Randale im Supermarkt). In ihren Rollen als Jesus und Apostel tragen die Laiendarsteller meist helle Tücher über dem Kopf und lange, härene Gewänder, wie man sich das vorstellt in einem Bibelspiel.

Vor dem aquarellblauen Mittelmeerhintergrund gibt das besonders schöne Bilder. Generell leistet Thomas Eirich-Schneider markante Kameraarbeit. Eindrücklich, wie er in Großaufnahmen authentische, raue Gesichter einfängt, Menschenporträts von einer nachgerade biblischen Archaik. Gelegentliches Pathos ist als Kontrastmittel im Rechercherealismus keine Sünde, weder in der Bildsprache noch vermittels der Musik, die elegisch auffährt. Mozart, Wagner, Pergolesi, Bach.

Ein junger Typ findet es interessant, "den heiligen Gott zu töten und zu massakrieren"

So gelingt Milo Rau eine reizvoll eigenwillige Hybridform aus Dokumentar- und Spielfilm, aus Pamphlet und Passion, Arthouse und Aktionismus, inklusive eines Making-of. Großartig, wenn der alte Bürgermeister von Matera erklärt, dass er nicht den Pontius Pilatus, sondern lieber den Simon von Cyrene spielen möchte, der Jesus das Kreuz tragen hilft. Und die Casting-Szene, in der ein junger Typ sich als Soldat bewirbt, weil er es "als Katholik" interessant fände, "den heiligen Gott zu töten und zu massakrieren", ist fast zu gut, um wahr zu sein. Mit sadistischer Brutalität führt er an einem Stuhl vor, wie er den schwarzen Jesus peitschen und demütigen würde. Eine plötzliche Entladung von hemmungslosem Rassismus.

Erstaunlich, wie gut das Konzept aufgeht und welche "echten" Menschen es beglaubigen, man staunt da jedes Mal wieder bei den Arbeiten von Milo Rau, wie passend alles ineinandergreift, wie scheinbar mühelos die verschiedenen Ebenen gewechselt oder ineinander verschränkt werden. Es fehlt auch nicht die Reminiszenz an die filmhistorischen Vorgänger. Der greise Pasolini-Jesus Enrique Irazoqui (gestorben in diesem September) wirkt als Johannes der Täufer mit und gibt dem schwarzen Messias Rollen-Tipps. Maia Morgenstern, die Maria aus Mel Gibsons Film, ist auch hier die verzweifelte Mater dolorosa.

Die eigentliche Passionsgeschichte, das Leiden und Sterben Jesu von seiner Verhaftung bis zur Kreuzigung, ist der schwächste Teil des Films. Die Kreuzwegstationen werden in knappen Spielszenen angerissen und abgehakt. Die Botschaft läuft denn auch nicht auf den schwarzen Mann am Kreuz und eine religiöse Mission welcher Art auch immer hinaus - die meisten Darsteller sind Muslime -, sondern im Nachspann auf eine sozialpolitische Wirkung. Da sieht man Yvan Sagnet Monate später in einem Supermarkt. Er hält eine Dose Tomaten aus fairer Produktion in die Kamera ("eine Tomatensoße der Würde!"), versehen mit dem Gütesiegel seiner Vereinigung "No Cap", die sich für die Rechte der Erntehelfer einsetzt. Auch eine Art von Auferstehung.

Das neue Evangelium, D, CH 2020 - Regie und Buch: Milo Rau. Kamera: Thomas Eirich-Schneider. Mit Yvan Sagnet, Maia Morgenstern, Enrique Irazoqui, Marcello Fonte. Verleih: Port-au-Prince, 107 Minuten. Unter http://www.dasneueevangelium.de/ kann man ein digitales Kinoticket kaufen und gleichzeitig ein Kino auswählen, das am Erlös beteiligt werden soll.

© SZ/kni
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