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"Das neue Buch":Leicht wie eine Champagnerblase

Rafael Horzons neues Buch hat keinen Gegenstand.

Von Alex Rühle

Ich könnte ja jetzt mal eine Rezension schreiben. Ist doch ein schöner Ort hier, so schlank neben der Anzeige. Weiß zwar noch nicht, worüber, aber das kommt dann schon. Hauptsache, ich nenne sie "Gute Rezension". Besser noch "Sehr gute Rezension". Oder nur "Rezension"? Das ist gut, sehr gut ist das, weil letztgültig.

Aber will irgendjemand so was lesen? Kommt wahrscheinlich drauf an. All zu lang kann man auf dieser selbstreferenziellen Nummer jedenfalls nicht rumreiten, bzw. irgendetwas sollten selbst 130 Zeilen zum Inhalt haben. Einen sogenannten Gegenstand. Was auf dieser Literaturseite heißt: Ein Buch. Am besten gar ein neues Buch. Am allerbesten, weil ultimativsten wäre "Das neue Buch". Aber ob das reicht?

Rafael Horzon ist so eine Art Berliner Lebensgesamtkunstwerk. Gerade und besonders, weil er keine Kunst macht und kein Künstler ist. Auch kein Schriftsteller! Wer Gegenteiliges behauptet, kann Ärger mit seiner Anwältin bekommen. Die hat 2019 in seinem Auftrag die Wikimedia Foundation Inc. verklagt, weil in Horzons Wikipedia-Eintrag lange Zeit und gegen seinen wiederholten Protest stand, er sei "deutscher Künstler, Unternehmer, Schriftsteller und Designer".

Dämm-Material sieht bei Horzon aus wie Minimal-Art

Nun kann man es für spleenig halten, wenn einer aus solch einem Grund Wikimedia verklagt, aber die Frage, ob das Kunst ist, was Horzon so macht, oder eben nicht, berührt unbedingt den Kern seines Tuns. Horzon betreibt auf der Berliner Torstraße einen Mödelladen und hat in den vergangenen 25 Jahren nebenbei regelmäßig neue Unternehmen oder Projekte gegründet. Mal eine Partnertrennungsagentur namens Separitas, mal ein Geschäft für Apfelkuchenhandel. An seiner ganz eigenen Akademie der Wissenschaften konnte man durch die bloße Teilnahme an vier Vorträgen einen Studienabschluss erwerben, und 2019 eröffnete Horzon ein Geschäft für schnöde Dämm-Materialien, die freilich plötzlich nach interessanter Minimal-Art aussehen, wenn man sie nicht außen an die Fassen klebt, sondern innen ausstellt wie Dekorationsobjekte. Kommt eben immer auf den Kontext an. Oder wie er mal Hans Ulrich Obrist gegenüber erklärte: "Das ist ungefähr mein Beruf: Interessante Dinge tun, die keine Kunst sind."

Der Satz stammt aus "Das Weisse Buch", Horzons autobiografischem Schelmenroman von 2010, der, das war der Witz, in seinen unwahrscheinlichsten Teilen einfach nur die Wahrheit erzählte. Das Buch war so leicht wie eine Champagnerblase. Also eine Champagnerblase in einem formschönen Champagnerkelch, mit dem ein Mitglied der Berliner Schickeria auf den neuesten Horzon-Streich anstößt. Beim Lesen musste man fortwährend glucksen und dachte, das ist jetzt bestimmt erfunden. War es aber nicht. Das Buch wurde dann in Horzons weltweit erster monothematischer Buchhandlung verkauft.

Jetzt, zehn Jahre später, kommt also "Das neue Buch". Rafael Horzon überlegt darin, worüber er mal schreiben könnte. Er will nämlich den Nobelpreis gewinnen. Irgendwie erlebt er aber nichts mehr. Weshalb ihm weder Thema noch Titel einfällt, auch nicht im seitenlangen Gespräch mit seinem Suhrkamp-Lektor. Und dann auch nicht im seitenlangen Gespräch mit seinem Freund Philipp Mollenkott. Und danach dann auch nicht wirklich.

Wie im ersten Buch setzt Horzon ein Projekt nach dem anderen in den Sand

Wie im ersten Buch stolpert Horzon als passionierter Lebenstrottel durch seinen Alltag, wie im ersten Buch defiliert das Who is Who der Berliner Kunst- und Medienblase durch die Kapitel, wie im ersten Buch werden Bücher und Autoren zitiert, diesmal besonders gerne Nietzsche, aber auch Goethe, Gontscharows Supertaugenichts Oblomow, Felix Krull und Christian Kracht, der wie im ersten Buch auch einen Auftritt beziehungsweise diesmal einen Ausflug hat, an den Bodensee, zwinkerzwinker "Faserland". Wie im ersten Buch setzt Horzon frohgemut ein Projekt nach dem anderen in den Sand und hat Geldsorgen, führt aber gleichzeitig ein mondänes Leben mit Dauerpartys und Yachtausflügen. Anders als im ersten Buch kommt all das aber nicht leicht und flirrend daher, sondern eher laut und bemüht und irgendwann auch endgültig zu selbstreferenziell, obwohl das wahrscheinlich der Witz sein soll.

Liegt es nur an den Freunden, die natürlich an die Adlon-Clique erinnern sollen, aber nie zu wirklichen Figuren werden? Am konsumseligen Poppertum, das so völlig aus der Zeit gefallen scheint? Daran, dass aus dem einstigen Newcomer, der ganz Berlin mit seinen Aktionen irritierte, eben mittlerweile der arrivierte Kunstverweigerer wurde? Jedenfalls nimmt Horzon irgendwann einen seiner Freunde beiseite und erklärt ihm, das ganze Kunstgewese sei einfach langweilig. Was bedeutet, man kann machen, was man will, nur langweilig darf es nicht sein. An der Stelle hat man sich aber bestimmt schon zehnmal gefragt, wie lang das hier denn noch weitergeht. Aber vielleicht ist ja auch das wieder gewollt, denn auch dieses neue Buch soll ja auf gar keinen Fall große Kunst sein. Und das hat immerhin geklappt.

Rafael Horzon: Das neue Buch. Suhrkamp Berlin 2020. 303 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 30.10.2020

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