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Das Neue Album von "The 1975":Nach allen Regeln

Sind "The 1975" die avantgardistischste Mainstream-Pop-Band - oder die eingängigste Avantgarde-Band?

Von Jan Jekal

Der Eingangsbereich der Entzugsklinik sieht nach nichts aus, mal abgesehen von dem Roboter an der Rezeption. Wer sich vor dieser mundförmigen, mit britischer Frauenstimme sprechenden Drohne wiederfindet, ist ganz unten gelandet. "Willkommen bei Mindshower Digital Detox", sagt der Roboter. "Geben Sie bitte alle elektronischen Geräte hier ab." Eine Schublade öffnet sich. Ein letztes Mal über das Smartphone streichen. "Keine Sorge", sagt der Roboter. "Wir passen darauf auf." Es erscheint das Portal zu einer Bildschirmschonerwelt, einer hyperrealen Blumenwiese. Pepe der Frosch und andere Memes sitzen auf Yogamatten, suchen ihre Mitte. Die Sonne über ihnen trägt eine Sonnenbrille. Ein Mann in dem weißen Gewand eines Patienten tritt ein.

So beginnt das Musikvideo zum Song "The Birthday Party" von der britischen Band The 1975. Es ist vollständig in Virtual-Reality-Ästhetik animiert. Es versucht also ein längst zum Avatar gerenderter 3D-Mann den Digital Detox. "Der vergebliche Versuch, dem Unausweichlichen zu entkommen", sagt Matthew Healy, der Sänger der Band und das reale Vorbild zu dem Avatar, am Telefon. Er spaziert über eine echte Wiese, Anfang April, in Selbstisolation irgendwo auf dem englischen Land. Die Idee zum Video habe er nicht unter dem Einfluss von Drogen gehabt, sagt der 32-Jährige ungefragt. Seine Heroinsucht ist wohldokumentiert, nicht zuletzt in seinen eigenen Songs, und die Entgiftungsklinik als Setting ist natürlich autobiografisch.

Noch besser als Healys Heroinsucht ist sein Kulturpessimismus dokumentiert

Noch besser dokumentiert als Healys Heroinsucht ist allerdings sein Kulturpessimismus. Wer sich, wie er, in Incel-Foren herumtreibt, also unter sexuell frustrierten, misogynen Männern, und seinen Youtube-Algorithmus mit rechten Verschwörungstheorien päppelt - Healy erzählt von solchen soziologisch motivierten Exkursionen in die Unterwelt des Internets -, macht naturgemäß mächtig Beute für die These von der Verdorbenheit des Internets. Und für sein Suchtpotenzial, die psychologischen Tricks, aus Glücksspielhöllen geklaut, mit denen Apps abhängig machen. So ganz möchte man Healy seine Schwarzmalerei aber gar nicht abnehmen. Denn wohl keine andere Band verkörpert deren Utopien im Moment überzeugender und aufregender als The 1975.

Je nachdem, wo man auf dem neuen Album "Notes On A Conditional Form" einsteigt, klingt die Band nach Springsteen-Bombast, nach Bubblegum-Pop, nach Country-Authentizität, nach Punk-Authentizität, nach Garagenrock, nach Garage House, nach Shoegaze oder nach Minimal Music. Es sind Songs von Künstlern, die keine Platten sammeln, sondern Playlists abonnieren. Von Künstlern, die mit Filesharing und Streamingdiensten sozialisiert wurden, für die Eklektizismus der zwingende ästhetische Modus ist. "We create the way we consume", sagt Healy. "Ich bin mit dem Internet aufgewachsen, mit dem Zusammenbrechen der alten Ordnung, was Genre, Mode oder Genderrollen angeht. Es gibt keine Regeln mehr."

Kristallklar hyperreal: Matt Healy (sitzend) und „The 1975“.

(Foto: Polydor)

Als The 1975 vor sieben Jahren ihr Debütalbum veröffentlichten, wurden sie vom britischen Magazin NME zur "schlechtesten Band des Jahres" gewählt. Ein paar Jahre später bat die Redaktion um Nachsicht für diese Fehleinschätzung. Die ursprüngliche Skepsis leuchtet aber schon ein: Es handelte sich um eine Band aus vier weißen Nordengländern, deren aufgeräumter Indie-Rock glänzte, als sei er für die nächste H&M-Werbekampagne konzipiert. Nach dem ersten Album aber wagte sich die Band an eklektischere Pop-Panoramen, die, in einer seltenen Kombination, nicht nur ihren kommerziellen Erfolg vervielfachten, sondern auch bei der Kritik für Aufsehen sorgten.

"Notes On A Conditional Form", das vierte Album, besteht aus 22 Songs und läuft über 80 Minuten. Überlänge ist in der Streaming-Ära für ein Popalbum keine Besonderheit. Der Erfolg eines Albums bemisst sich weniger an der Anzahl verkaufter physischer Datenträger als an der Menge umgesetzter "Album-equivalent Units", wonach erst 1 500 gestreamte Songs einem verkauften Album entsprechen. Je mehr Tracks auf einem Album, so geht die Rechnung, desto mehr Streams, desto mehr "Album-equivalent Units", desto höhere Chartplatzierungen, desto mehr Geld.

Nun ist auch "Notes on a Conditional Form" zu lang, aber es ist auf interessante Weise zu lang. Der marktbedingte Maximalismus wird von der Band nämlich konzeptuell ambitioniert umgesetzt. Ambient-Stücke, kleine klassische Zwischenspiele (eines heißt auch noch "Streaming"), trennen die in alle Richtungen schießenden Songs und verbinden sie zugleich wie Flure zwischen unterschiedlich eingerichteten Zimmern. Es gebe mehrere Enden auf dem Album, sagt Healy. Für ihn klinge das Album so, als würde mehrfach die Sonne untergehen und aufgehen.

Versteht man die vergangenen Jahrzehnte der Popkultur als große Spielkiste, aus der man sich beliebig bedienen kann, ergeben sich für eine ambitionierte Band wie The 1975 trotzdem ein paar Schwierigkeiten. Den Vorwurf der kulturellen Aneignung musste noch keiner erheben, weil die Band zum Beispiel afroamerikanische Stile kaum angerührt hat. Die größere Gefahr ist die der Beliebigkeit, das, was der Theoretiker Fredric Jameson in seinem berühmten Essay über die Postmoderne als "waning of affect" bezeichnet hat, also einen Bedeutungsverlust durch Zitategewitter. Healy benutzt im Gespräch einen von Jamesons Schlüsselbegriffen, "Pastiche", als das, was es für ihn unbedingt zu vermeiden gilt. "Wir samplen kulturelle Momente, verweisen auf andere Epochen", sagt er. "Die Ausführung muss aber modern sein." Die Gefahr, bloße Abziehbilder anzufertigen, umgehen The 1975, indem sie mit den besten Mikrofonen und teuerster Technik aufnehmen und alle Stile, an denen sie sich versuchen, hochglanzpolieren.

Aus dem digitalen Archiv der Band soll sich jeder frei bedienen können

"The Birthday Party" zum Beispiel, das Lied mit dem Memes-im-Garten-Eden-Video, ist eine gemächliche Country-Ballade, die Komposition ist klassisch, die Instrumentierung auch: Akustikgitarre, Pedal-Steel, Banjo, Klavier, Schlagzeug. Die Instrumente sind aber so kristallklar abgenommen, dass sie ähnlich hyperreal wie die animierte Wiese erscheinen. Zwischen ihnen schwirrt, klimpert und rauscht es undefinierbar, der Chor klingt nach weiblichen Roboterstimmen. Es ist eine im digitalen Raum zusammengesetzte Klangkulisse, mit jedem Element an seinem Platz; die Simulation einer Jam-Session, in Kleinstarbeit konstruiert. Ein sauberer Sound, ein Bach aus Pixeln, die aussehen wie klares Wasser. Alte Americana, überhöht zur Hyperrealität. Und das ist nur ein Beispiel von 22.

Healy versteht sich als Chronist seiner Zeit, das sagt er auch so. "Love It If We Made It", die Single vom vorigen Album "A Brief Inquiry Into Online Relationships" (ein Titel, als schriebe Adam Smith über Tinder), ist eine atemlose Aufzählung von Schlagzeilen und Trump-Tweets, eine Zeitkapsel. "Notes on a Conditional Form" beginnt mit einer vierminütigen Rede von Greta Thunberg, die Healy mit der Aktivistin in Stockholm aufgenommen hat. Hätte er die Arbeit am Album ein wenig später abgeschlossen, hätte er wohl einen Track namens "COVID-19" untergebracht. Bei seinen zeitgeistigen Kommentaren nimmt er allerdings nicht den Gestus des Ironikers ein, wie man vermuten könnte. Er schreibt dialogisch, entwirft aus Gesprächsfetzen kleine Szenen, webt aus Wegwerfzeilen dichte Texte über das fragile, drogenfreie Leben.

In den vergangenen Wochen habe er sich viel mit Virtual Reality beschäftigt, erzählt er, auf dem englischen Land, in der Selbstisolation. Er sei mit seiner Band jahrelang ununterbrochen auf Tour gewesen, mit einem so fordernden Terminplan, dass sie sich ein Tonstudio in ihren Tourbus bauen ließen und dort wesentliche Teile des Albums aufgenommen haben. Nun die Zwangspause, verordneter Stillstand, keine 60 Städte in 80 Tagen. Stattdessen Virtual Reality. Er plant, erzählt er, den Eingangsbereich der Entzugsklinik aus dem Musikvideo als virtuellen Ort zu errichten. Es soll ein digitales Archiv seiner Band werden, wo alles verfügbar ist, was sie je gemacht haben, und damit meint er nicht nur die fertigen Alben, sondern auch einzelne Tonspuren. Jeder soll sie auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, zitieren und remixen können. Jeder soll sich bei ihnen bedienen können, so wie sie sich bei der Popkultur der vergangenen 60 Jahre bedient haben. Die Utopie des Digitalen, Healy hält doch an ihr fest. Ein anderes Internet ist möglich.

© SZ vom 09.07.2020

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