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Das neue Akropolismuseum:Dramatisierung eines Quadrats

An den schlanken, durchaus modisch gekleideten und frisierten Figuren der Koren mit den Farbspuren in Augen und Haaren lässt sich das allmähliche Einziehen der Sinnlichkeit in die säulenhaft gelängten, noch ganz auf ein geistiges Ziel konzentrierten weiblichen Figuren genüsslich nacherleben. Und die berühmte kleine Reliefstele, auf der die helmbekrönte Athena trauernd auf den Gedenkstein der gefallenen Athener niederblickt, wirkt auf den heutigen Betrachter wie eine in Marmor gemeißelte elegische Heldenklage Hölderlins.

Wie überall im Museum bleiben auch oben in der Parthenon-Galerie die steinsichtigen Skulpturen, die sich ursprünglich durch kräftige Farben verständlich gemacht haben, im gefilterten und darum schattenlosen Tageslicht vor den betongrauen Wänden und Rundpfeilern eigentümlich flach und leblos. Erst wenn die versteckten Spots eine Illusion von wanderndem Sonnenlicht auf die Reliefs werfen, beginnen die im Grau erstarrten Heroen auf den Metopen sich zu rühren und ihre Gegner zu attackieren, fangen die vielen Pferde auf dem Panathenäenfries zu tänzeln und zu wiehern an.

Exemplarische Überzeugungskraft

Es gab in der Planungszeit des Akropolis-Museums viele Stimmen, die eine Wiederzusammenführung der skulpturalen Reste des Parthenon in einem die Architektur nachsimulierenden Ambiente als einen museumspolitischen Willkürakt bezeichneten. Das jetzt erreichte Ergebnis dürfte alle Skeptiker zum Schweigen bringen. Der Fries mit der Darstellung des Athenäen-Festumzugs, der in der Säulenhalle des Parthenon hoch oben um die gesamte Cella herumlief, also auch an Ort und Stelle nur unter Halsverrenkungen zu erahnen war, lässt sich nun endlich so, wie er in allen Büchern publiziert ist und Geschichte gemacht hat, nämlich frontal in Augenhöhe und erstmals als geschlossene Folge, als episch langer, um die Ecken sich windender, quasi filmischer Ablauf erleben. Die Metopen aber, die am Tempel außen über dem Gebälk angebracht waren, werden nun von gleich vielen Säulen wie oben am Original in die Höhe gehoben und vor dem Fries platziert, lassen sich also wie ehedem am Tempel in Untersicht genießen.

Beim Fries ist der fast gesamt in Athen verbliebene Westteil besonders eindrucksvoll. Mit welcher Meisterschaft die beauftragten Bildhauer des fünften vorchristlichen Jahrhunderts in der flachen Relieftechnik Tiefe erzeugt und ganze Reihen von gestikuliernden Reitern, von sich äufbäumenden Pferden, von kostümiertem Fußvolk und protestierenden Opfertieren dargestellt haben, das hat der Kunst neue Erzählmöglichkeiten eröffnet, indirekt aber auch Folgen gehabt bis in die olympischen Rituale der Neuzeit hinein.

Bei den Metopen stellen die fast ganz nach London abgewanderten Stücke der Südseite, die den Kampf zwischen Kentauren und Lapithen zum Thema haben, die Möglichkeiten der Dramatisierung eines Quadrats durch zwei kämpfende Figuren am eindrücklichsten nach. Wie da die fast vollplastischen Pferdeleiber der Kentauren diagonal das leere Karree durchschneiden, wie sich die Lapithen in der Senkrechte zu halten versuchen, wirksam in die Schräge gehen oder schon in die Horizontale der Sterbenden übergegangen sind, das ist von so exemplarischer Überzeugungskraft, dass man begreift, warum diese Darstellungen so oft kopiert worden sind.

Ferner, feindlicher Ort

Im British Museum sind diese Stücke nicht annähernd so wirkungsvoll aus- und so sinngerecht zusammengestellt. England kann nun also nicht mehr behaupten, dass Griechenland keinen Ort habe, um die Parthenon-Skulpturen würdig auszustellen. Eines der Hauptargumente für den Verbleib der Stücke in England ist also gegenstandslos geworden. Griechenland klagt darum weiter an. Dabei hätte es Grund, auf den jetzt erreichten Zustand erst einmal stolz zu sein. Denn vielleicht geben die vor 60 Jahren angefertigten, derzeit noch leuchtend weißen Kopien der Elgin-Marbles den ursprünglichen Zustand der ehedem marmorweißen Skulpturen sogar getreuer wieder als die braunpatinierten Beutestücke, die in London gezeigt werden.

Schöner und anregender ist große Kunst jedenfalls kaum irgendwo auf der Welt zu erleben als im neuen Akropolis-Museum. Athen hat sich einen alten Wunsch erfüllt und dabei nicht nur den Parthenon, das programmatische Hauptwerk der altgriechischen Demokratie, in fast luxuriöser Vollständigkeit aus verstreuten Trümmern wieder zusammengesetzt, sondern ganze Bereiche der antiken Kunstgeschichte, die bislang nur spärlich ausgeleuchtet waren, in ihrer prangenden Vielfalt ans Licht geholt.

Selten hat Griechenland in der Neuzeit überzeugender geleuchtet als am Abend dieser Museumseröffnung. Warum freuen sich die Griechen nicht, dass es auch im fernen, feindlichen London einen Ort gibt, an dem griechische Kunst ersten Ranges würdevoll gefeiert wird?

Info: www.theacropolismuseum.gr

© SZ vom 22.6.2009/kar
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