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Das neue Akropolismuseum:Hier strahlt Athen

Warum freuen sich die Griechen nicht, dass ihre Kunst im fernen feindlichen London würdevoll gefeiert wird? Schöner ist große Kunst kaum irgendwo zu erleben als im neuen Akropolismuseum.

Gottfried Knapp

Wenn sich tagsüber auf der Terrasse des neuen Akropolis-Museums die Säulenreihe des Parthenon in jener Glaswand spiegelt, hinter der erstmals wieder sämtliche skulpturalen Elemente des heruntergrüßenden Tempels in Originalen oder Kopien vereint sind, dann gehen das architektonische Wunderwerk der Antike oben auf dem Felsen und das moderne Gehäuse, das unten diesem Symbol der griechischen Klassik gewidmet ist, eine visuelle Symbiose ein, die in der Geschichte des Museumsbaus ohne Beispiel ist.

In fast luxuriöser Vollständigkeit wurden die verstreuten Trümmer zusammengesetzt: im Mittelpunkt der "Kritios-Knabe" in Rückenansicht.

(Foto: Foto: dpa)

Ja und wenn sich nachts in der Parthenongalerie des Museums die von unsichtbaren Lichtquellen plastisch zum Leben erweckten Figuren des Tempels in jener gläsernen Außenwand spiegeln, durch die man die leuchtende Säulenreihe des Parthenons über der Akropolismauer aufragen sieht, glaubt man die schon seit Jahrhunderten getrennten bildnerischen Elemente dieses Gesamtkunstwerks in einem mehrschichtigen Groß-Dia virtuell wieder vereint zu sehen. Beiläufiger, aber auch schlüssiger kann ein Museum, das dreißig Jahre lang in der Diskussion und zehn Jahre lang im Bau war, seinen Sinn, aber auch seine ästhetischen Qualitäten nicht unter Beweis stellen.

Der Schweizer Architekt Bernard Tschumi hat sich mit einem klar geschichteten Baukörper und einem logisch durchdachten Ausstellungskonzept gegen die Skeptiker durchsetzen können. Auch mit der Schikane, dass das Haus an keiner Stelle die Erde berühren durfte, weil die im Baugrund ausgegrabenen Reste antiker Bauten sichtbar bleiben sollten, ist Tschumi bestens zurechtgekommen. Sein Museum schwebt auf Stelzen über den klaffenden archäologischen Wunden und gibt durch große gläserne Bodenplatten, die zu betreten man erst einmal wagen muss, immer wieder den Blick frei auf die Strukturen des alten Athen.

Kulturhistorischer Auf- und Abstieg

Im Inneren zieht sich die Rechteckform der auf dem Museum aufsitzenden Parthenon-Galerie als Struktur durch alle Stockwerke. Das so ausgesparte zentrale Rechteck dient im trapezförmigen Sockelbau als Funktionskern und bringt über Rampen und Rolltreppen die Besucher hinauf in die beiden Ausstellungsgeschosse und in das Zwischengeschoss, das dem Restaurant und dem Multimedia-Zentrum großzügig Raum bietet.

In einer einzigen logischen Auf- und Abbewegung, die man auch als kulturhistorischen Auf- und Abstieg verstehen könnte, werden die Besucher durch die Jahrhunderte geführt: Auf der einen Seite geht es über die archaische Epoche hinauf zum Parthenon, dem Gipfel der Klassik, auf der anderen an den letzten bedeutenden Bauten der Akropolis, den Propyläen, dem Nike-Tempel und dem Erechtheion, vorbei hinab bis ins 5. Jahrhundert nach Christus.

Am Ende des langsam ansteigenden Gangs, der ins erste Ausstellungsgeschoss zur archaischen Kunst hinaufführt, wird der Besucher von der dramatischen Gewalt der Giebelfiguren des Hekatompedons, eines archaischen Vorläufers des Parthenons, überwältigt. Im linken Winkel des flachen Dreiecks erwürgt der auf den Knien liegende Herakles den schlangenartig aus der Ecke sich herauswindenden Triton-Wurm, der durch die gut erhaltenen farbigen Muster auf seinem fleischigen Leib eine urtümliche Wildheit bekommt.

In der Mitte des Giebelfelds sind die Reste zweier Löwen zu erkennen, die einen mächtigen Stier zu Fall gebracht haben. Man muss schon bis zu Picasso gehen, wenn man eine Tierdarstellung finden will, die ähnlich bewegend ist wie der auf den Boden gesenkte Kopf dieses gefällten Stiers. Aus der rechten Ecke des Giebelfelds aber nehmen drei bärtige Mannsfiguren - Dämonen, deren Unterleiber sich schlangenartig verknoten - mit frech herausquellenden Augen quasi feixend Kontakt auf zur Kampfszene in der Mitte.

Archaische Bildwerke

Nur in der Erde konnten sich die vielen Farbreste, die man heute im Akropolismuseum an archaischen Figuren bewundern kann, so gut erhalten. Als die Perser im Jahr 480 v. Chr. die Akropolis verwüsteten, haben die Athener beim Bau der neuen Umfassungsmauern die vielen Votivfiguren aus den geschändeten Tempeln, also das gesamte archaische Erbe vergraben. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Schatz nach und nach entdeckt. In dem winzigen Museum, das man daraufhin in der hintersten Ecke des Akropolis-Plateaus errichtet hat, konnte immer nur ein Bruchteil der künstlerisch überragenden Fundstücke gezeigt werden.

Wer jetzt also im neuen Museum den acht Meter hohen riesigen Saal mit den archaischen Bildwerken, den vielen farbig pointierten Koren und Kuroi, den ersten Reiterstandbildern und Pferdemonumenten, den Grabstelen und Tempelfragmenten betritt, bewegt sich in einem illustren Sonderbereich der Kunstgeschichte, der Erstrangiges in Überfülle bietet, aber eigentlich nur an diesem Ort erlebt und beurteilt werden kann.

Man muss nur einige der Figuren, die über Jahrtausende hinweg lebendig geblieben sind, herausgreifen, um einen Eindruck von der Votivkultur der Athener zu geben. Da ist etwa der berühmte Mann, der ein Kalb um seinen Hals gelegt hat und auf der Brust mit den Beinen festhält: Nie ist die existenzielle Abhängigkeit von Mensch und Tier, das Mit- und Gegeneinander von Opferndem und Opfer, ähnlich bewegend intim und human geschildert worden wie in dieser auch technisch meisterlichen Darstellung eines muskulösen Manns, der sich in feierlichem Ernst auf das Opferritual zu konzentrieren scheint, während sein Kalb - es bleibt ganz Kreatur - den Kopf vertrauensselig an seinen gelehnt hat.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Griechen eigentlich keinen Grund zu klagen haben.

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