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Türkischer Spielfilm "Das Leben ist wie ein Stück Papier":Was die anderen wegwerfen

Ein Netflix-Melodram über die Ärmsten von Istanbul zeigt die räudige Schönheit der Stadt:

Überleben in Istanbul: Der Papiersammler Mehmet in einer Szene aus "Das Leben ist wie ein Stück Papier".

(Foto: Netflix)

Ein Netflix-Melodram über die Ärmsten von Istanbul zeigt die räudige Schönheit der Stadt - und ihre Ungleichheiten.

Von Tomas Avenarius

Im Istanbuler Stadtteil Tarlabaşı zerbröseln die Fassaden, Ratten wuseln herum. In den maroden Bürgerhäusern lebten vor dem Völkermord und der Vertreibung Armenier, Juden und Griechen. Schon lange aber haben sich hier die Müll- und Papiersammler eingerichtet, flankiert von den Leimschnüfflern mit den irren Augen, die durch die Gassen torkeln, und den Transsexuellen, die nachts am Straßenrand stehen. Irgendwie gehören in Tarlabaşı alle zusammen: Freunde, Nachbarn, Bekannte, Konkurrenten, Feinde. Eine einzige Familie.

Hier ist Mehmet zu Hause, hier machen er und seine Gefährten ihr Geschäft. Sie sind die wenig glamourösen Helden in dem neuen Netflix-Film "Kâğıttan Hayatlar / Das Leben ist wie ein Stück Papier". Sie ziehen mit ihren Sackkarren durch die Straßen der besseren Viertel, wühlen im Müll, suchen nach Papier, Pappe, Flaschen, brauchbaren Kleidern, Essbarem: "Wir versuchen, uns ein Leben aufzubauen auf dem, was die anderen wegwerfen", sagt Gonzi, Mehmets bester Freund, und zündet sich mit großer Geste einen im Müll gefundenen Zigarrenstumpen an. Als Mehmet fragt, was er mit der abgelutschten, heruntergerauchten Havanna wolle, nimmt Gonzi einen tiefen Zug und sagt: "Ob halb geraucht oder nicht - eine Zigarre bleibt eine Zigarre."

Der von dem aufsteigenden Star Çağatay Ulusoy souverän gespielte Mehmet ist der tragische Held das Films. Mehmet ist schwer nierenkrank, er uriniert Blut, er pumpt sich mit Tabletten voll, aber er bekommt keine neue Niere. Er versteckt Abend für Abend das sauer verdiente Geld unter dem Dielenboden, vielleicht reicht es doch für eine Operation, vielleicht für die Hochzeit oder - im Traum - für das Cabriolet aus dem Song, den sie alle hören und lieben: "Einmal im offenen Auto fahren, einmal im 5-Sterne-Hotel wohnen, einmal mit dem Flugzeug fliegen."

Mehmets Leben ist, wie es ist - bis er Ali trifft. Ein Sechsjähriger, den seine Mutter buchstäblich in den Müll geworfen hat: Mehmet findet den Jungen unter den zerdrückten Pappdeckeln in einer seiner Sackkarren. Ali ist verängstigt, hat blutunterlaufene Striemen auf dem Rücken, hat im Leben noch nie Ketchup probiert, keinen Kuchen gegessen. Seine Mutter wollte ihn vor seinem prügelnden Stiefvater schützen, hatte ihn deshalb im Müll versteckt.

Was sich in "Kâğıttan Hayatlar" nach der Begegnung zwischen Mehmet und Ali im gewohnten Netflix-Tempo abspult, ist die ebenso rührselige wie anrührende Geschichte eines Mannes, der sich an seine eigene Kindheit erinnert und einem Sechsjährigen deshalb ein Leben schenken will. "Kinder werden von ihren Eltern immer geschlagen", sagt einer der Müllsammler. "Uns ging es auch nicht anders." In Tarlabaşı aber gehören alle zu den Geschlagenen, nicht nur die Kinder.

Mehmet ist ganz unten, aber er will ein Mann von Ehre und Anstand sein

Mehmet bringt Ali das Karrenziehen bei, sie machen Rennen und wildern in den Revieren anderer Müllsammler im Nachbarstadtteil Cihangir. Da wohnen die besseren Leute, die all das wegwerfen, wovon Mehmet, Gonzi und Onkel Tahsin leben, und wo Ali offenbar herstammt. Mehmet will dem Jungen helfen, seine Mutter zu finden, will ihn und die Frau vor dem prügelnden Vater schützen. Er will der Mann von Ehre und Anstand sein, der zum türkischen Männerbild so zwingend gehört wie die ewig liebende, alles erdrückende Mutterfigur, eine halbe Heilige und der personifizierte Fixpunkt vieler männlicher Leben in diesem Land.

Der Film von Regisseur Can Ulkay mag für einige strenge türkische Kritiker zu schlicht und klischeehaft sein und für deutsche Zuschauer einigermaßen theatralisch wirken: Es wird ohne Ende geschrien, geschlagen, geweint, gelacht und das in irre schnellem Wechsel. Er hat aber auch viel Lob bekommen.

Trotz ziemlich schwülstiger Stellen ist "Das Leben ist wie ein Stück Papier" aber mehr als ein Drama für nassgeheulte Taschentücher. Er zeigt die räudige Schönheit Istanbuls, er zeigt den täglich gelebten Spagat zwischen den ganz großen Gefühlen, die Türken so sehr lieben, und dem harten Leben all derer, die in der 16-Millionen-Stadt nichts haben und nie etwas haben werden. Auch wenn die Bilder manchmal überzeichnet stylish sind, bleiben sie doch nahe dran am echten Istanbul.

Wie das Ganze ausgeht? Am Ende verliert der von diesem Leben viel zu früh abgebrühte Mehmet den Überblick, verschwimmen Realität und Traumwelt, löst sich die Geschichte von Papiersammler Mehmet und seinem sechsjährigen Freund Ali ebenso holprig wie schlüssig auf: mit Härte und einem letzten großen Gefühl.

Kagittan Hayatlar, Türkei 2021 - Regie: Can Ulkay. Buch: Ercan Mehmet Erdem. Kamera: Serkan Güler. Mit Çagatay Ulusoy, Emir Ali Dogrul, Ersin Arici. 96 Minuten, auf Netflix.

© SZ/kni
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