"Das Leben gehört uns" im Kino Eine Tragödie, die sich wie eine Komödie anfühlt

Romeo und Juliette lernen sich in der Disco kennen, bald darauf ist Adam auf der Welt - aber irgend etwas stimmt mit dem Baby nicht. Für einen Film über ein todkrankes Kind mit Hirntumor ist "Das Leben gehört uns" in Tonfall und Tempo erstaunlich komödiantisch. Das liegt wohl daran, dass die Hauptdarsteller sich selber spielen.

Von Susan Vahabzadeh

Alles sieht nach Aufbruchstimmung aus zu Beginn von "Das Leben gehört uns". Roméo und Juliette leben in einer sehr realistischen Gegenwart - in den ersten paar Minuten hasten wir durch die Kennenlernphase in der Disco und das Frühstadium der Beziehung, dann ist Adam auf der Welt. Ein junges Paar, mit Baby, drei Leben und eine Wohnung in der Aufbauphase. Die Eltern müssen noch beruflich richtig Fuß fassen und sich um den Kleinen kümmern, und etwas von ihrer Jugend haben wollen sie auch. Der Junge schreit ziemlich viel, und beim Arzt sagt Roméo einen klaren, unväterlichen Satz: So geht das nicht.

Romeo (Jeremie Elkaim) und Juliette (Valerie Donzelli) in "Das Leben gehört uns": Es ist ihre eigene autobiographische Geschichte, die sie da so unverfroren komödiantisch spielen.

(Foto: dpa)

Valérie Donzelli hat "Das Leben gehört uns" im Tonfall einer Komödie gedreht. Dabei ist, ein paar Arztbesuche später, nichts mehr, wie es war: Juliette macht sich Sorgen, weil Adam den Kopf schief hält, seine Entwicklung kommt ihr langsam vor. Die Ärzte machen Tests, und dann ist klar: Das Kind hat einen Hirntumor. Der Tonfall und das Tempo einer Komödie werden nun weiterhin konsequent beibehalten, durch alle Stadien hindurch: Krankenhausbesuche, die Mühen, als die beiden merken, dass sie ihre eigene Beziehung dem Überleben ihres Kindes opfern, Trennung und Wiederbegegnung.

Für einen Film über ein todkrankes Kind ist das ein mehr als erstaunlicher Ansatz, und man kann ihn vielleicht nur verstehen, wenn man weiß, dass die Geschichte autobiografisch ist: Es geht um das Kind von Donzelli, die selbst auch die Hauptrolle spielt, und Jérémie Elkaïm, ihrem Co-Star, Co-Autor und Ex-Ehemann.

Der Krieg ist erklärt, so heißt der Film im Original, und die beiden machen aus dem Film tatsächlich eine Kampfansage: an alle Erwartungshaltungen, dass man sich trösten lassen muss und in Tränenrührseligkeit auszubrechen hat, wenn man so etwas erzählt. Ihr Konzept ist das glatte Gegenteil, der Film gleitet in Vignetten, ganz anekdotenhaft durch die Jahre - die Momente, die sich dem widersetzen, werden in klinisch kühlen Voice-overs erzählt, aber nicht gezeigt.

Trotzdem ist hier nur ganz wenig Fiktion, es war ihr, sagt Donzelli, sehr wichtig, die Krankenhäuser und Wohnungen so aussehen zu lassen, wie sie tatsächlich sind - sie drehte mit einer kleinen Kamera ohne zusätzliches Licht, filmte echte Räume, nur wenige Szenen sind mit mehr technischem Aufwand entstanden.

Persönlich bleibt die Geschichte durch alle Gedankengänge hindurch - Elternsein, so Elkaïm, muss man erst lernen. Zu den Dingen, die er gelernt habe, zählt er die Erkenntnis, dass es zwar nicht immer toll sei, ein Kind zu haben - aber die Undankbarkeit von Eltern gesunder Kinder sei schon auch irgendwie amüsant.

Warum passiert uns das? Weil wir in der Lage sind, es durchzustehen

Im Prinzip, sagt Donzelli, gehe sie einfach optimistisch an das Thema heran, obwohl sie sich das selbst, bevor ihr eigenes Kind Krebs bekam, nicht vorstellen konnte: "Ich glaube nicht an ein Schicksal, aber ich denke, ein Satz, der im Film vorkommt - Warum passiert uns das? Weil wir in der Lage sind, das durchzustehen - ist eine Art, alle Herausforderungen positiv zu sehen."

Man kennt Elkaïm aus "Polisse", Maïwenns Polizei-Film, der ähnlich unverfroren an die Wirklichkeit und heiße Eisen heranging, eine Spezialeinheit, die sich mit Gewalt gegen Kinder befasst. Auch "Das Leben gehört uns" war im vergangenen Jahr in Frankreich einer der großen Erfolge - wohl auch, weil Donzelli die Geschichte auf eine Weise erzählt, die nicht allzu weh tut. Manches ist einfach komisch: "Was ist der Unterschied zwischen Gott und einem Chirurgen? Gott glaubt nicht, er sei Chirurg."

Und dann gibt es noch die Art von Humor, bei der man nie so recht weiß, ob es sich jetzt gehört, wenn man mitlacht. Einmal liegen Roméo und Juliette im Bett und reden über ihre Ängste, und das Gespräch kippt ins alberne, sie überbieten sich gegenseitig mit Phantasien, was Adam noch Schrecklicheres widerfahren könnte: Er könnte blind sein, stumm, ein Zwerg, schwul und schwarz . . .

Vielleicht würde man einem Filmemacher, der nicht beweisen kann, dass er weiß, wovon er spricht, so viel kühle Provokation übelnehmen - obwohl es eigentlich vollkommen klar ist, dass keiner über Jahre hinweg mit der gleichen Intensität leiden kann, ohne den Verstand zu verlieren. Im richtigen Leben haben Donzelli und Elkaïm ihren Kampf übrigens gewonnen - ihr Sohn ist gesund.

LA GUERRE EST DÉCLARÉE, F 2012 - Regie: Valérie Donzelli. Drehbuch: Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm. Kamera: Sébastien Buchmann. Prokino, 100 Min.